Taktik sind , und welch eine leichte Sache , wofern sie nur unter sich selbst einig wären , es seyn würde , mit dreißig bis vierzigtausend Griechen von einem Agesilaus oder Xenophon geführt , sich des ganzen ungeheuern Perserreichs zu bemächtigen . Wenn dieser Rückzug der Zehentausend den Muth ihrer braven Vorfahren nicht in ihnen aufzureizen vermag , dann gebe ich sie gänzlich verloren ! Aber wie meinst du , Hippias , daß die edeln und weisen Athener einem Mitbürger , der ihnen so große Ehre macht , und von dessen Talenten und Charakter sie so große Vortheile ziehen könnten , ihre Achtung bewiesen haben ? Sie fanden sich durch seine , ihnen übrigens ganz unnachtheilige Vorliebe zu den Lacedämoniern beleidiget , und haben ihn auf ewig aus Attika hinausgewiesen . O die Kechenäer ! Wenn dir in dem reizenden Milet noch eine leere Stunde übrig bleibt , die du an deinen Freund Aristipp zu verschenken willig bist , so wird mich dein Brief zu Rhodus finden , sofern du ihn an Lykophon , Menalippus Sohn ( einen allen Schiffern in diesen Meeren bekannten Namen ) zur Bestellung empfehlen willst . L.W. 7. Hippias an Aristipp . Xenophons Anabasis , welche , weil der Rückzug die Hauptsache ausmacht , eben so gut Katabasis14 heißen kann , war mir bereits bekannt , als ich deinen Brief aus Rhodus erhielt . Auch ich habe sie mit Vergnügen gelesen , und wiewohl mir däucht , daß von dem hohen Werthe , den du diesem Werke beizulegen scheinst , noch etwas abgehen könnte , so gestehe ich doch , daß es nicht leicht wäre , eine an sich selbst so wunderbare Geschichte wie der Zug und Rückzug der zehntausend Griechen mit weniger Prunk und in einem treuherzigern Ton zu erzählen ; was das unfehlbarste Mittel ist , einen nicht allzu mißtrauischen Leser in die angenehme Täuschung zu setzen , daß er , ohne allen Argwohn durch diesen Ton selbst getäuscht zu werden , immer die reinste Wahrheit zu lesen glaubt . Ich sage dieß nicht um die Aufrichtigkeit Xenophons verdächtig zu machen ; indessen bin ich gewiß , von allen den Hauptleuten , die eine Rolle in dieser Geschichte spielen , würde ein jeder sie mit andern Umständen erzählt , und vieles mit andern Augen und in einem andern Lichte gesehen haben . Wenn nun jeder von ihnen eine Katabasis geschrieben hätte , müßte nicht ein unbefangener Leser öfters zweifelhaft seyn , wem er glauben sollte ? Dieser Einwurf gilt gegen die Zuverlässigkeit einer jeden Geschichtserzählung einer Reihe von Begebenheiten , in welche nebst dem Erzähler selbst , viele an Denkart , sittlichem Charakter , Absichten und Interesse verschiedene Menschen verwickelt waren ; und er ist um so weniger zu heben , da er sich auf die menschliche Natur selbst gründet , und daher schwerlich eine Ausnahme zu Gunsten irgend eines Einzelnen zuläßt . Alles was wir von einem solchen Erzähler zu fordern berechtigt sind , ist daß er den Willen habe , uns nichts für wahr zu geben als was er selbst für wahr hält . Werden wir dann demungeachtet getäuscht , so liegt die Schuld an uns selbst , nicht an ihm . Ich zweifle so wenig daran , daß Xenophon uns nichts als reine historische Wahrheit geben wollte , daß ich vielmehr sagen möchte , er habe diesem löblichen Vorsatz keinen geringen Theil des Vergnügens aufgeopfert , das er uns hätte machen können , wenn er , wie Herodot , unsre Einbildungskraft etwas mehr Antheil an seiner Erzählung hätte nehmen lassen wollen . Denn nichts kann einem Schriftsteller leichter begegnen , als vor lauter Begierde wahr zu seyn , langweilig zu werden . Doch dafür ist in diesem Werke gesorgt . Man kann sich darauf verlassen , daß ein Autor , der seine eigene Geschichte und Thaten erzählt , wofern er nicht ohne alles Genie ist , nie sehr langweilig werden wird . Solltest du den kleinen Streich nicht bemerkt haben , Aristipp , den ihm die wunderbare Zaubrerin , die man aus Mangel eines passendem Namens Eigenliebe nennt , vermuthlich ohne sein Wissen und Wollen gespielt hat , » ihm , so oft er uns erzählt , was Xenophon der Athener gedacht , gesprochen , gethan und gewollt hat , ganz leise leise das Sokratische Ideal eines vollkommnen Feldherrn unterzuschieben ? « Eine Täuschung , deren er sich um so weniger versah , da er vermuthlich dadurch , daß er von sich selbst immer in der dritten Person spricht , eine treffliche Maßregel gegen die Nachstellungen des hinterlistigen Ichs genommen zu haben glaubte . Daß er während dieses ganzen Kriegszuges jenes Ideal immer vor Augen hatte , daß er es zu erreichen strebte , war eines ehmaligen Zöglings und vieljährigen Freundes des weisesten aller Menschen würdig : aber daß er es so vollständig in seiner eigenen Person darstellt , dabei könnte sich doch wohl , ihm selbst unbemerkt , etwas Poesie eingemischt haben . Oder wollen wir es ihm etwa gut schreiben , daß er sich so ganz unverhohlen zu der Sokratischen Schwachheit , - in vollem Ernst an Zeus Meilichios15 und Hercules Hegemon16 zu glauben , bekennt , und uns mit der Treuherzigkeit eines Böotischen Bäuerleins seine Träume und noch manche andere Dinge erzählt , die er seiner Urgroßmutter nachzusagen hätte erröthen sollen ? Ich mußte laut auflachen , wie ich im vierten Buche las , was geschehen sey , da sie eines Tages auf ihrem beschwerlichen Marsche über die Karduchischen Berge , bei einem äußerst heftigen und schneidenden Nordwind , der ihnen mit vollen Backen ins Gesicht blies , sich durch Ellen tiefen Schnee so mühselig durcharbeiten mußten , daß viele Menschen und Thiere dabei verloren gingen . » Da hieß uns einer von den Wahrsagern dem Wind ' ein Opfer schlachten , « sagt Xenophon mit einer Einfalt , die man für Sokratische Ironie halten müßte , wenn er nicht unmittelbar darauf mit dem gläubigsten Ernst hinzusetzte : » es wurde also geopfert , und es däuchte