verlache und verhöhne ! Sie sah wohl , daß sie Heiterkeit verbreitete , wo sie erschien , aber was war diese Anderes , als die Freude , sie zu sehen ? Ihr Vertrauen auf die Achtung und Liebe ihrer Mitmenschen war unerschütterlich , denn es wurzelte in dem unentreißbaren Vertrauen auf den eigenen Wert . Wer sollte ein so gutes , reichbegabtes Wesen , das sich seiner Talente noch dazu so wenig überhob , so bescheiden und herzlich gegen Jedermann war , nicht lieben ? Hierfür wäre ja nicht der entfernteste Grund gewesen . Dies Bewußtsein gab ihr jenes zuversichtliche Auftreten in der Gesellschaft , das sie sicher und unberührt durch alle Dornen und Klippen des Spottes , der Mißachtung hinschreiten ließ im ungestörten Frieden der Selbstgenügsamkeit . — Wohl ihr , sie genoß den Segen der Mittelmäßigkeit , ohne den Fluch zu empfinden , der ihr Andern gegenüber anhaftet ! Sie war heute ganz idyllisch , — denn Elsa in der Natur war eine andere — wenn auch nicht minder liebliche Gestalt als Elsa im Atelier ! Sie hatte ihren großen Strohhut , dessen Scheibe unaufhörlich auf- und niederschwankte , wenn sie so einherhüpfte , mit grünen Ranken bekränzt und ein Sträußchen von Feldblumen stak an ihrer Brust . Sie liebte die Feldblumen viel mehr als die Gartenblumen . Alle Welt preist die Gartenblumen , sie wollte sich der armen Unbeachteten erbarmen , und sie entschädigen durch ihre Liebe . Ihr zarter Sinn fand auch im Unscheinbaren das Schöne heraus , bedurfte nicht des Farbenreizes und der Formenpracht , um die Weisheit des Schöpfers zu erkennen . Jedes Gänseblümchen , jedes Gräschen würdigte sie sinniger Beachtung ; war es doch so wunderbarlich von Gott gemacht , entsprach doch die Bescheidenheit , mit der es sich dem oberflächlichen Blicke entzog , so ganz ihrem eigenen anspruchslosen Wesen — und endlich war es ja der Vorzug poetischer Naturen , an Dingen etwas zu sehen , an denen kein anderer Mensch etwas sah . Da traf es sie tief in ihr zartes Herz hinein , als der Professor der Botanik sie fragte : „ Aber Fräulein Elsa , weshalb haben Sie sich denn in ein Haus , wo so trefflich soupiert wird , ein Bündchen Heu mitgenommen ? “ „ O , Sie böser Mensch , “ schmollte sie . „ Sie werden mir mit Ihren Neckereien meine lieben Schützlinge doch nicht entleiden . “ „ Sind denn die Heublumen Ihre Schützlinge ? “ fragte der unerbittliche Professor . „ Da bekommen Sie aber viel zu tun , wenn die Herden auf die Weide getrieben werden . “ Alles lachte , auch Elsa lachte mit , sie verstand ja Scherz ! „ Ei nun , “ erwiderte sie , „ dem Stärkeren zum Opfer fallen , das ist ein Geschick , wovor Flora selbst ihre Kinder nicht beschützen kann . Gott sei dank , sie wachsen immer wieder ! Ich will sie auch gar nicht vor den Tieren behüten , denen sie zur Nahrung dienen . O , es ist ein schönes Los , das Leben Anderer zu fristen durch den eigenen Tod — ich will sie nur gegen die Geringschätzung der Menschen verteidigen . Sich des Verkannten anzunehmen , ist es nicht eine heilige Pflicht ? Wer sich aber nicht gewöhnt , sie im Kleinsten gewissenhaft zu üben , der tut es auch nicht im Großen . Deshalb lassen Sie mich nur meine armen verdursteten Blümchen ins Wasser stellen , damit sie die Köpfchen wieder erheben . “ Man reichte ihr ein Glas Wasser , und der Botaniker wollte ein Stück Zucker hineinwerfen , Zuckerwasser sei erfrischender , meinte er . „ Gehen Sie , gehen Sie — häßlicher Mensch , “ schalt Elsa und ordnete das Bouquet . „ Sehen Sie doch . Ist das nicht schön ? “ „ Gutes Fräulein , “ rief der Professor , „ fordern Sie nur von mir nicht , daß ich mich für die Schönheit einer Blume begeistere . Das ästhetische Wohlbehagen , das die Menschen beim Anblick einer Blume empfinden , ist mir längst verloren gegangen . Für mich ist das schönste Gewächs dasjenige , welches meinen Untersuchungen die meisten Resultate gewährt . “ „ Welch nüchterner Standpunkt , “ rief Elsa . „ Meine Damen , sagen sie selbst , gibt es etwas Unnatürlicheres , als einen Botaniker , der die Blumen nicht liebt ? Ist es nicht so verkehrt , wie ein Musiker , der sich nichts aus der Musik macht ? Ist es nicht ein Verrat an der scientia amabilis ? “ 65 „ Das sagen Sie nur , “ erwiderte der Gelehrte ärgerlich , „ weil Sie keinen Begriff von dem haben , was man heutzutage < < die liebenswürdige Wissenschaft > > nennt . Ich versichere Sie , die moderne Botanik hat , wie de Bary sagt , nicht mehr Rechte auf dieses Prädikat , als jede andere Wissenschaft.66 Sie ist nicht nur die Kenntnis von ein paar tausend Blumennamen und den mannigfachen Bedingungen ihres Gedeihens , sie ist die Erforschung ihres Lebensprozesses , also Pflanzenphysiologie . Die Blume ist uns nicht mehr Zweck sondern nur Mittel zum Zweck , und dieser Zweck ist derselbe , den Physik , Physiologie und jede exakte Wissenschaft anstrebt : es ist die Erkenntnis des Ganzen durch die Kenntnis der Teile . Sei der Teil nun Pflanze , Mensch oder Tier — wir suchen in jedem nach demselben Gesetz und es ist daher ebenso gleichgültig für sein Fach , ob der Pflanzenphysiologe die Blumen liebt , als es gleichgültig ist , ob der Physiologe die Menschen liebt . “ Elsa war bei diesen Worten hold errötet . „ Möllner liebt die Menschen — das weiß ich ! “ flüsterte sie . „ Desto besser , wenn er es tut , “ sagte der Professor lächelnd . „ Das ist ein Privatvergnügen , das wir ihm sicher nicht stören wollen . Innerhalb unseres Berufes jedoch ist ihm der Mensch nicht mehr als