der Zeit meiner Abwesenheit hatte ich von Mrs. Fairfax gehört : die lustige , vornehme Gesellschaft , welche bei meiner Abreise noch im Herrenhause versammelt gewesen , hatte sich nach allen Seiten zerstreut . Mr. Rochester war vor drei Wochen nach London gereist , wurde aber während der nächsten vierzehn Tage von dort zurückerwartet . Mrs. Fairfax sprach die Vermutung aus , daß er hingereist sei , um Vorbereitungen für seine Hochzeit zu treffen , da er davon gesprochen habe , einen neuen Wagen kaufen zu wollen . Sie sagte , der Gedanke , daß er Miß Ingram heiraten wolle , erscheine ihr noch immer so seltsam ; aber nach allem , was » alle Welt « sagte und nach dem , was sie mit eigenen Augen gesehen , könne wohl kein Zweifel mehr daran sein , daß die Sache nahebevorstehend sei . » Du wärst aber auch ungewöhnlich ungläubig , wenn du daran zweifeltest , « sagte ich im Geiste zu mir selbst , » ich meinesteils zweifle nicht einen Augenblick daran . « Und nun folgte die Frage : » Wohin sollte ich dann gehen ? « Während der ganzen Nacht träumte mir von Miß Ingram ; ein lebhafter Morgentraum zeigte sie mir , wie sie alle Thore von Thornfield vor mir schloß und mich auf einem anderen Wege hinauswies ; Mr. Rochester stand ruhig mit verschränkten Armen daneben und ließ sie gewähren ; wie es schien , lächelte er sarkastisch sowohl über sie wie über mich . Ich hatte Mrs. Fairfax den bestimmten Tag meiner Ankunft nicht bekannt gegeben , denn ich wünschte nicht , daß man mir irgend ein Fuhrwerk nach Millcote entgegenschickte . Ich hatte mir vorgenommen , die Strecke Weges ruhig allein zu gehen ; und nachdem ich meinen Koffer dem Hausknechte anvertraut hatte , machte ich mich unbemerkt aus dem » Hotel zum heiligen Georg « davon und schlug an einem schönen Juniabende gegen sechs Uhr die alte Straße nach Thornfield ein – ein Weg , der hauptsächlich durch Felder führte und wenig benutzt wurde . Es war ein warmer , linder , aber kein strahlender , heißer Sommerabend ; die Wiesenarbeiter waren am ganzen Wege entlang beschäftigt ; der Himmel , wenn auch nicht wolkenlos , versprach gutes Wetter für die kommenden Tage ; seine Bläue – wo sie überhaupt sichtbar – war milde , und die Wolken zogen hoch und durchsichtig dahin . Auch der Westen war warm ; keine wässerigen Strahlen störten das Bild , es war , als sei ein Feuer angezündet , als brenne ein Altar hinter jenem dunstigen Vorhange , und wo dieser hie und da zerrissen war , schien eine goldige Röte hervor . Fröhlichkeit kam über mich , als ich den vor mir liegenden Weg immer kürzer werden sah ; ich wurde so froh , daß ich einmal im Gehen innehielt , um mich erstaunt zu fragen , was jene Empfindung des Glücks bedeute , und meine Vernunft daran zu erinnern , daß ich nicht in mein eigenes Heim oder an einen dauernden Ruheplatz , oder an einen Ort zurückkehre , wo treue , zärtliche Freunde meiner harrten und meine Ankunft herbeisehnten . » Aber Mrs. Fairfax wird ein freundliches Lächeln des Willkommens für dich haben , « sagte ich mir , » und die kleine Adele wird in die Hände klatschen und vor Freude springen , wenn sie dich sieht , – aber du weißt sehr wohl , daß sie es nicht sind , an die du denkst – und daß dieser Eine nicht an dich denkt . « Aber was ist so eigensinnig wie die Jugend ? Was so blind wie Unerfahrenheit ? Diese behaupteten , daß es schon Glück genug sei , Mr. Rochester nur anzublicken , ob er mich ansähe oder nicht , und sie fügten hinzu : » Eile , eile ! Bleib bei ihm so lange du darfst ; nur noch wenige Tage oder höchstens Wochen , und du bist für immer von ihm getrennt ! « Und dann erstickte mich eine neue Seelenqual – ein entsetzliches , ungeheuerliches Etwas , das ich nicht anerkennen , nicht Macht über mich gewinnen lassen durfte – und ich lief weiter . Auch auf den Wiesen von Thornfield waren die Leute mit dem Heuen beschäftigt , oder eigentlich waren die Mäher gerade mit ihrem Tagewerk zu Ende und gingen mit den Sensen und Rechen und Heugabeln über die Schulter gehängt ihren Häusern und Hütten zu . Dies war die Stunde meiner Ankunft . Ich habe nur noch über zwei Felder zu gehen und dann die Landstraße zu kreuzen – und ich bin am Thor . Wie üppig die Rosen an den Hecken blühen ! Aber ich habe keine Zeit , sie zu pflücken ; ich will nur nach Hause ! Ich kam an einem hohen Dornenstrauch vorüber , dessen dicht belaubte , blühende Zweige über den Weg wucherten . Ich sehe die enge Stiege mit den steinernen Stufen , und ich erblicke – Mr. Rochester , welcher dort sitzt ; in der Hand hält er ein Buch und einen Bleistift . Er schreibt . Nun , er ist kein Geist ; und doch bebt jede meiner Nerven ; für einen Augenblick habe ich alle Herrschaft über mich selbst verloren . Was bedeutet dies ? Ich hatte nicht geahnt , daß ich bei seinem Anblick so zittern würde – oder meine Stimme oder alle Bewegungskraft in seiner Gegenwart verlieren . Sobald ich mich rühren kann , werde ich umkehren ; ich brauche doch nicht zur absoluten Närrin zu werden . Es giebt ja noch einen anderen Weg nach dem Herrenhause . Aber es ist gleichgiltig , wenn ich auch zwanzig Wege kenne ; denn er hat mich bereits gesehen . » Hallo ! « ruft er und hält Buch und Stift in die Höhe . » Da sind Sie also ! Nur näher kommen , wenn ' s gefällig ist ! « Vermutlich gehe ich weiter , obgleich ich nicht weiß , wie