der Küche stand und Tee kochte . Dann eilte er zu Lenore hinein . Frau Hadebusch wollte ihn nicht zu ihr lassen , er stieß sie zähneknirschend beiseite und warf sich am Bett nieder . Lenore hob den Kopf . Sie war totenbleich , ihr Gesicht war von Schweiß überströmt . » Daniel , du darfst hier nicht sein , darfst mich so nicht sehen , « stammelte sie mit Anstrengung , aber ihr Ton war so bestimmt und so gebieterisch , daß Daniel aufstand und zögernd aus dem Zimmer ging . Ein seltsamer , rasender Zorn erfaßte ihn . Er trank in der Küche Wasser und schleuderte das Glas zu Boden , daß es in hundert Scherben zersprang . Frau Hadebusch war ihm gefolgt . Sie sah finster aus . Als er dies bemerkte , schwindelte ihn , und er mußte sich setzen . » Der Doktor wird kommen , « sagte er rauh . » Herrjemine , was es jetzet für kotzwehleidige Leut gibt , « keifte die Alte , doch war ihr die Nachricht ersichtlich ganz angenehm . Sie fand sich durch den heutigen Fall in Schwierigkeiten verstrickt , denen sie sich nicht gewachsen fühlte . » Der Satan soll so ein zartgebautes Weibsvolk holen , « hatte sie vor einer Stunde gegen die grinsende Philippine bemerkt . Philippine kam zurück und meldete , der Doktor Müller sei auf Urlaub . » Ist denn nur der eine in der Stadt , du Vieh ? « heulte Daniel , » so geh zum Doktor Dingolfinger . Der wohnt noch näher , gleich neben dem Pellerhaus . Oder bleib da , ich lauf selber . « Doktor Dingolfinger war ein jüdischer Arzt , ein ziemlich bejahrter Mann schon , und es dauerte lange , bis ihn Daniel aus dem Schlaf geläutet hatte . Endlich schritt er an seiner Seite über den Platz . Er hatte das Lämpchen im Tor stehen lassen und leuchtete dem Doktor voran . Dann saß er auf dem Küchenbänkchen , wie lange , das wußte er nicht , den Rumpf vorgeneigt , den Kopf in die Arme gestützt . Die Schreie wurden immer ärger . Es war nicht mehr Lenores Stimme , es war eine entmenschte , eine entseelte Stimme . Daniel hörte , dachte , fühlte nichts anderes als diese Stimme . Bisweilen durchzuckte ihn der schauerliche Ruf : Schwestern ! Schwestern ! Frau Hadebusch holte mehrmals heißes Wasser . Der gelbe Zahn starrte aus ihrem Unterkiefer wie ein geiles und aberwitzig freches Überbleibsel des Lebens . Einmal erschien Doktor Dingolfinger , kramte in seiner Ledertasche , die er im Flur aufgehängt hatte , erblickte Daniel und sagte mit abirrenden Augen : » Es wird schon gehen , es wird schon werden . « Danach schlurfte Philippine an den Herd und warf Kohlen zu . Mit heimlichem Schielen beobachtete sie Daniel und ging wieder . Von Stunde zu Stunde pochte der alte Jordan am Gatter , damit Philippine ihm Bericht erstatte . Es mochte vier Uhr sein , die düsteren Steinquadern der Hofgebäude schimmerten bereits im rosigen Frühlicht , da erschallte ein Schrei so fürchterlich , so namenlos wild , daß Daniel aufsprang und an allen Gliedern bebend stehen blieb . Dann wurde es ruhig , unheimlich ruhig . 19 Er setzte sich wieder hin . Nach einer Weile fielen ihm die Augen zu , und er schlief ein . Eine halbe Stunde mochte er geschlafen haben , da weckten ihn Schritte . Rings um ihn standen der Doktor , Frau Hadebusch und Philippine . Der Doktor sagte etwas , wozu Daniel den Kopf schüttelte . Es klang wie : » Leider kann ich Ihnen die traurige Mitteilung nicht ersparen . « Daniel verstand ihn nicht . Er zog die Lippen auseinander und dachte : so wirres Zeug zu träumen ! » Mutter und Kind , beide tot , « sagte der alte Doktor mit Tränen in den Augen , » beide tot . Ein Knäblein war ' s gewesen . Hier war die menschliche Wissenschaft ohnmächtig , ist die feindselige Natur stärker gewesen . Die Verblutung war nicht aufzuhalten . « » So zart gebaut , « murmelte Frau Hadebusch mißbilligend , » wie ein Pflanzenstengel so zart . « Als Daniel allgemach die Überzeugung erlangte , daß er nicht träumte , daß dies Philippines glitzernde Augen wirklich , Frau Hadebuschs geiler Zahn wirklich , Doktor Dingolfingers Silberbart wirklich war und daß er wirkliche Worte gehört , fiel er um und verlor die Besinnung . 20 Schmerz , Trauer , Verzweiflung , das waren nicht die Worte , die seinen Zustand bezeichneten . Er wußte nichts von sich und hatte keine Gedanken . Er lag auf dem Kanapee in der Wohnstube , Tag und Nacht , aß nicht , sprach nicht , rührte sich nicht . Als sie den leeren Sarg in die Sterbekammer trugen , wühlte er das Gesicht tief in die Ecke des Kanapees . Der alte Jordan wankte durch den Raum , um sein totes Kind noch einmal zu sehen . » Er hat sich versündigt , « schluchzte er drinnen auf , » er hat sich an unserm Herrgott versündigt . « Im Flur draußen wurde getuschelt . Martha Rübsam und ihr Mann , der Notar , hatten sich eingefunden . Martha weinte still . Ihre schmale Gestalt mit dem blassen Gesicht stand im Türrahmen , und sie suchte Daniel mit den Blicken . » Willst deine Lenore nicht noch anschauen , vor sie den Sarg zumachen ? « fragte Philippine dumpf . Er rührte sich nicht ; seine Züge verzerrten sich grauenhaft . Neben ihm auf dem Tisch standen kaltgewordene Speisen , auch Brot und Äpfel . Sie trugen den Sarg hinaus . Es schien ihm , als sei an der Stelle seines Herzens ein schwarzer , leerer Raum . Die Glocken tönten , ans Fenster klatschte Regen . In der zweiten Nacht darauf verspürte er eine wunderliche Lockerung seines Gemüts . Dann ein kurzes Aufflammen , dann