- , weil vor mehr als einem halben Jahrtausend ein Hochseß gen Preußen zog , um , angetan mit dem weißen Mantel des Kreuzritters , wider Polen , Russen und Tartaren die ferne Ostmark zu verteidigen . Er wurde Komtur der Feste Graudenz und verschwand spurlos , als er an Witort , dem verräterischen Großfürsten , die Schandtaten seiner räuberischen Horden rächen wollte . Die Sage erzählt , er sei gefangen worden und habe sich , als man ihn just im Triumph der schönen Polenkönigin zuführte , die Pulsadern aufgebissen . Ihr seht also - « und Konrad lächelte ein wenig - , » es blieb mir mit den östlichen Nachbarn noch eine alte Rechnung zu begleichen übrig ! Und Kriegsfreiwilliger wurde ich - « seine Augen sahen versonnen in die Ferne , und was er sprach , schien nicht mehr an die gerichtet , die neben ihm gingen - , » weil ich untertauchen will , restlos untertauchen in dieser Zeit und in diesem Geschehen . Es gibt Menschen , die wollten Quellen werden , Quellen für dürstende Höhenwanderer , Quellen , die Felsen durchbohren , und sind doch nur Wellen im Meer . Ich will sein , was ich bin . « Die Geschwister schwiegen zunächst . Dann schob Alex vertraulich seinen Arm in den Konrads und meinte mit einem unsicheren Lächeln : » Weißt du , im Grunde ist mir das alles zu hoch . Aber - was für sich hat es ja , stramm zum Kommis zu gehen . Eine neue respektable Sorte Verdrehtheit . Und einen Sparren haben die Hochseß ja alle . Wer weiß : vielleicht wirst du sogar noch zu denen gehören , die den Marschallstab im Tornister tragen . « Ehe sie sich voneinander verabschiedeten , versuchte Alex vergebens , den Vetter zu bewegen , mit ihnen und ihren Eltern den Abend zu verbringen . Konrad schützte eine andere Verabredung vor , war aber außerstande , zu sagen , welcher Art sie war . Hilde schien indessen den Faden ihrer Gedanken leise weitergesponnen zu haben , denn zum Schlusse sagte sie , über den neuen Mut eigene Gedanken zu äußern , dunkel errötend : » Ich verstand Sie vorhin so gut , Vetter . Und mir fiel dabei ein , wie oft man doch solch Wasserwellchen , das nur mit den vielen Gefährten zusammen schäumen und sprudeln kann , in eine Schüssel schöpft , wo es trüb und still wird . « Sie trennten sich so herzlich wie noch nie nach einem Zusammensein . » Vielleicht sehen wir uns draußen wieder , « meinte Alex . » Da werde ich vor dem Herrn Leutnant stramm stehen müssen , « lachte Konrad . » Oder ich vielmehr vor dem Kreuzritter , « antwortete Alex ernst und beziehungsvoll mit einem festen Händedruck . Konrad eilte zum Bahnhof hinauf , um zu erfahren , daß der Zug , den er benutzen wollte , erst mit starker Verspätung abgehen könne , weil ein Militärzug vorher zu expedieren sei . Schon wollte er den Ausgang wieder erreichen , als der Anblick , der sich ihm ringsum bot , ihn fesselte . Da standen sie in Scharen , die Reservisten , die Züge erwartend , die sie ihrem Bestimmungsort zuführen sollten ; sie waren noch alle in Zivil ; selbst der einfachste Mann , dessen derbe Fäuste sein hartes Handwerk verrieten , trug den Sonntagsanzug , und Feiertagsstimmung war in ihnen ; keiner sang , niemand lachte mehr ; der Ernst der Stunde lag auf allen Gesichtern und vergeistigte auch die ausdruckslosesten . Und nicht einer unter allen war allein ; Eltern und Geschwister , Frauen und Kinder , Bräute und Freunde geleiteten sie . Es war sehr still unter ihnen . Aber das Zucken der Lippen , das Zittern der Hände , die blassen Wangen , die krampfhaft aufgerissenen , unnatürlich glänzenden , und die tief gesenkten , verschleierten Augen sprachen jene Sprache des Leids , für die es keine Worte gibt . Da war ein altes Mütterchen , das unablässig mit der runzligen Hand den Ärmel ihres Sohnes streichelte und immer noch ein Flöckchen und ein Federchen von seinem sauber gebürsteten Kittel ablas ; er sah sie nicht an , aber er hielt ganz , ganz still . Da war eine schöne vornehme Frau , die den schlanken Jungen neben sich fest an der Hand hielt wie zur Zeit , da es galt , seine ersten Schritte zu lenken , und mit einer Zärtlichkeit , in der sich die anbetende des Sohnes mit der schützenden des Mannes schon paarte , hingen seine Augen an ihr . Und da war einer mit groben Zügen , - wie roh hatte er wohl höhnen und schimpfen können ! - , in dessen heißem flehenden Blick , der das verhärmte Weib vor sich nicht los ließ , eine Welt von Reue und Liebe lag . Ein anderer stand neben ihm , auf jedem Arm ein Kind , und Stolz und Sorge , und Freude und Leid spiegelten sich in seinen Zügen . Dicht aneinander geschmiegt waren zwei , seine Hand spielte mit den blonden Löckchen auf ihrem Nacken , während ihre bebenden Finger ihm noch eine Rose , eine süße , knospige , ins Knopfloch nestelten . Und ein Mann und ein Weib hielten sich fest an beiden Händen und tauchten die Blicke ineinander , sterbensbang und lebensdurstig . Niemand sah sie spöttisch oder gar beleidigt an . In tiefer Andacht verharrte die Menge bei dieser großen Liebesfeier . Der Krieg ist wie das Senkblei des Seefahrers , das Tiefen ergründet , von denen vorher keiner wußte , und wie die Wünschelrute des Quellensuchers , die sprudelnden Reichtum entdeckt , wo vorher Sand und Felsen war . Der Zug brauste in die Halle . Bewegung kam in die Erstarrten . In verzweifeltem Aufschrei , in wildem Schluchzen , in leisem Weinen brach sich das herzzerfleischende Weh einer Trennung Bahn , die eine Trennung auf immer sein konnte . Und aus