mit den Augen zuzwinkerten : » Es ist nicht so schlimm gemeint . « » Was glauben Sie , Skelton « , fragte Willy , » zwinkern sie auch , wenn die Kugeln hin und herfliegen ? « » Sie täten ' s wohl , Willy , wenn nicht der Tod hinter ihnen stünde . Aber dieser Umstand beeinflußt nicht die Gesinnung , sondern nur die Haltung , denk ich mir . « Sie saßen noch lange Zeit zusammen und plauderten fort . Georg hörte allerlei Neuigkeiten . Er erfuhr unter anderm , daß Demeter Stanzides den Kauf des Gutes an der ungarisch-kroatischen Grenze abgeschlossen habe , und daß die Rattenmamsell einem freudigen Ereignis entgegensehe . Willy Eißler war gespannt auf das Ergebnis dieser Rassenkreuzung und vergnügte sich indes damit , Namen für das zu erwartende Kind zu erfinden , wie Israel Pius oder Rebekka Portiunkula . Später begab sich die ganze Gesellschaft ins benachbarte Kaffeehaus , Georg spielte mit Breitner eine Partie Billard ; dann ging er auf sein Zimmer . Im Bett notierte er sich eine Stundeneinteilung für den nächsten Tag und sank endlich in einen Schlaf , der tief und köstlich wurde . Am Morgen mit dem Tee brachte man ihm die abends vorher bestellte Zeitung und ein Telegramm . Der Intendant bat ihn über einen Sänger zu berichten . Es war zur Befriedigung Georgs derjenige , den er gestern als Kurwenal gehört hatte . Ferner wurde ihm freigestellt » zur bequemen Ordnung seiner Angelegenheiten « drei Tage über den bedungenen Urlaub auszubleiben , da zufällig eine Änderung des Spielplans dies gestatte . Wirklich charmant , dachte Georg . Es fiel ihm ein , daß er seine eigene Absicht , um Verlängerung des Urlaubs zu depeschieren , vollkommen vergessen hatte . Nun hab ich ja noch mehr Zeit für Anna , als ich geglaubt hätte , dachte er . Man könnte vielleicht ins Gebirge . Die Herbsttage sind schön und mild . Auch wäre man jetzt überall ziemlich allein und ungestört . Aber , wenn wieder ein Malheur passiert ! Ein Malheur passiert ! So und nicht anders waren ihm die Worte durch den Sinn geflogen . Er biß sich auf die Lippen . So stellte sich die Sache mit einem Male für ihn dar ? Ein Malheur ... Wo war die Zeit , da er , mit Stolz beinahe , sich als ein Glied in der endlosen Kette gefühlt hatte , die von Urahnen zu Urenkeln ging ? Und ein paar Augenblicke lang erschien er sich wie ein Herabgekommener der Liebe , etwas bedenklich und bedauernswert . Er durchflog die Zeitung . Durch einen kaiserlichen Gnadenakt war die Untersuchung gegen Leo Golowski eingestellt , gestern Abend war er aus der Haft entlassen worden . Georg freute sich sehr und beschloß Leo noch heute zu besuchen . Dann setzte er ein Telegramm an den Grafen auf und berichtete mit vornehmer Ausführlichkeit über die gestrige Aufführung . Als er auf die Straße trat , war es beinahe elf Uhr geworden . Die Luft war herbstlich kühl und klar . Georg fühlte sich ausgeschlafen , frisch und wohlgelaunt . Der Tag lag hoffnungsreich vor ihm und versprach allerlei Anregung . Nur irgend etwas störte ihn , ohne daß er gleich wußte , was es wäre . Ach ja , ... der Besuch in der Paulanergasse , die trübseligen Räume , der kranke Vater , die verletzte Mutter . Ich werde Anna einfach abholen , dachte er , mit ihr spazieren gehen und irgendwo mit ihr soupieren . Er kam an einem Blumenladen vorbei , kaufte wundervolle dunkelrote Rosen , und mit einer Karte , auf die er schrieb : » Tausend Morgengrüße , auf Wiedersehen « , ließ er sie an Anna senden . Als er dies getan hatte , war ihm leichter . Dann begab er sich durch die Straßen der innern Stadt zu dem alten Hause , in dem Nürnberger wohnte . Er stieg die fünf Stockwerke hinauf . Eine huschelige , alte Magd mit dunklem Kopftuch öffnete und ließ ihn in das Zimmer ihres Herrn treten . Nürnberger stand am Fenster mit leicht gesenktem Kopf , in dem braunen , hochgeschlossenen Sacco , das er daheim zu tragen liebte . Er war nicht allein . Von dem Schreibtisch aus einem alten Armstuhl erhob sich eben Heinrich , ein Manuskript in den Händen . Georg wurde herzlich empfangen . » Sollte Ihr Eintreffen in Wien mit der Direktionskrise in der Oper im Zusammenhang stehen ? « fragte Nürnberger . Er ließ diese Bemerkung nicht ohne weiteres als Spaß gelten . » Ich bitte Sie « , sagte er , » wenn kleine Jungen , die ihre Beziehungen zur deutschen Literatur bis vor kurzem nur durch den regelmäßigen Besuch eines Literatenkaffees zu dokumentieren in der Lage waren , als Dramaturgen an Berliner Bühnen berufen werden , so sähe ich keinen Anlaß zum Staunen , wenn der Baron Wergenthin , nach der immerhin mühevollen , sechswöchentlichen Kapellmeisterkarriere an einem deutschen Hoftheater , im Triumph an die Wiener Oper geholt würde . « Georg stellte zur Steuer der Wahrheit fest , daß er nur einen kurzen Urlaub erhalten , um seine Wiener Angelegenheiten zu ordnen ; und vergaß nicht zu erwähnen , daß er gestern die neue Tristaninszenierung gewissermaßen im Auftrag seiner Intendanz gesehen habe ; doch lächelte er dazu mit Selbstironie . Dann gab er einen kurzen und ziemlich humoristischen Auszug seiner bisherigen Erlebnisse in der kleinen Residenz . Auch das Konzert bei Hof berührte er spöttisch , als sei er fern davon , seiner Stellung , seinen bisherigen Erfolgen , den Theaterdingen , ja dem Leben überhaupt besondere Wichtigkeit beizumessen . So wollte er vor allem seine Position Nürnberger gegenüber gesichert haben . Dann kam das Gespräch auf die Haftentlassung Leo Golowskis . Nürnberger freute sich dieses unverhofften Ausgangs , lehnte es jedoch ab , sich darüber zu wundern , da in der Welt und ganz besonders in Österreich bekanntlich stets das Unwahrscheinlichste zum Ereignis werde . Dem