als ich . Was sagst du von ihm , Effendi ? « » Es giebt gar keinen Tod , « antwortete ich . Da schlug sie die Händchen zusammen und rief im Tone der Verwunderung aus : » Auch du ? Auch du ? Und doch habe ich gehört , daß man im ganzen Abendlande ebenso fest an den Tod glaube , wie hier bei den muhammedanischen Sunniten und Schiiten ! Der Ustad hat uns gelehrt , daß der Tod für ewig besiegt und überwunden sei . Ich glaubte , daß nur er dies sagen und beweisen könne , und nun höre ich , daß du dasselbe denkst ! Der Tod war mir ein böser , finstrer Mann , der jeden holt und keinen wiedergiebt . Ich fürchtete mich vor ihm , wünschte aber doch , daß er komme und mich zu meinem Vater führe , denn ich liebte diesen mehr , viel mehr , als ich das Sterben fürchtete . War das klug oder thöricht , Effendi ? « » Keines von beiden ! Aber du glaubst , damals über den Tod anders gedacht zu haben als jetzt ? « » Ja . « » Nun , so sag : Was glaubst du jetzt ? « » Daß es keinen giebt , ganz so wie du . « » Und damals ? « » Daß es einen giebt . « » Du irrst . - Du glaubtest schon damals nicht daran . « » Nicht ? Effendi , das muß doch ich wissen , nicht aber du ! « » Du hast es doch selbst gesagt ! « » Wann ? « » Soeben ! Du hast gewünscht , daß der Tod komme und dich zu deinem Vater führe . Kann es da einen Tod geben ? Nämlich in deinen Gedanken ! « » Gewiß ! Ich wünschte ihn ja herbei ! « » O Pekala , o Pekala ! « » Du lächelst ? - Warum ? « » Der Tod soll dich zu deinem Vater führen . Wenn er das kann , so giebt es deinen Vater noch ? « » Natürlich ! « » Und wenn er dich zu ihm bringen soll , so bist auch du noch vorhanden ? « » Ja . « » Also ihr beide , du und dein Vater , seid noch da ? « » Ja . Ich komme zu ihm ! « » So seid ihr aber doch nicht tot ! « Da machte sie eine Geberde des Erstaunens und rief aus : » Maschallah ! Das ist richtig ! Du hast mich gefangen ! « » Nicht dich habe ich gefangen , sondern etwas ganz anderes ! Denke weiter ! Wenn ihr nach dem Tode nicht tot seid , giebt es doch gar keinen Tod ! « » Diesen Gedanken begreife ich . Aber man stirbt doch ! « » Ist dieses Sterben ein Aufhören , ein vollständiges Vernichtetsein ? « » Nein . Es bringt vielmehr das wahre , rechte Leben . So sagt der Ustad . « » So sage auch ich ; so sagst auch du , und so hast du stets gesagt , auch damals , als du dich nach dem Tode sehntest . Nur dies wollte ich dir beweisen . So reden Tausende und Abertausende vom Tode , ohne zu wissen , daß sie ihn mit ihren eigenen Worten aus dem Dasein streichen . Als der Mensch zum erstenmal von dem Tode sprach , wurde er , der Tod , im Menschengehirn geboren ; aber es war das eine Totgeburt . Und die Gedankenleiche dieses Totgebornen hat man durch Millionen Gehirne und durch Jahrtausende bis auf den heutigen Tag weitergeschleppt und wird sie noch durch die folgenden Jahrhunderte zerren , ohne einzusehen , daß man alle diese lächerliche Furcht und Mühe auf einen Korkuluk114 verwendet ! « » Korkuluk ! So ähnlich sagte damals auch mein Tifl . « » Wie ? Er , der junge Mensch ? « » Warum nicht , Effendi ? Bedenke doch , daß unser Ustad sich bereits fünfzig Jahre bei den Dschamikun befindet ! Was er glaubte und dachte , davon hat er die Alten überzeugt , und diese haben es den Jungen , den Kindern , überliefert . Weißt du , in welcher Weise das geschieht ? Ganz so , wie mein Tifl mit mir that , als ich ihm sagte , daß ich sterben wolle . Es giebt im ganzen Duar kein einziges Kind , welches auf einen solchen Wunsch nicht sofort antworten würde , daß er ja gar nicht in Erfüllung gehen könne . Darf ich dir erzählen , wie Tifl zu mir sprach ? « » Ja , sage es mir ! « Da trat sie näher zu mir heran , kauerte sich in orientalischer Weise vor mir nieder , zog den weißen Schleier so um sich , daß nur ihr liebes Angesicht und die beiden Händchen aus demselben vorschauten , und begann : » Es war am Abend ; draußen vor der Küche , wo die Tarfasträucher115 ihre langen , niedlich blühenden Zweige über mich senkten , als ob sie Erbarmen mit meiner Trauer hätten , denn ich weinte leise vor mich hin und wünschte mir den Tod . Da kam Tifl , ebenso leise , leise , denn mein Schluchzen war ihm heilig . Er lehnte sich neben der Tarfa an die Mauer und sagte lange , lange nichts , kein Wort . Kein Laut war ringsum zu hören ; in mir nur sprach die Sehnsucht nach dem Tode fort und fort in trostlosen Klagelauten . Da plötzlich ertönte die Stimme des Kindes neben mir , halblaut , langsam , feierlich . Wie klang sie doch ? Ganz anders als wie sonst ! So hoch von oben ! Als ob eine gütige Fee aus Alif leïla wa leïla116 da über den Zweigen schwebe und von ihrer schönen , lichten Heimat zu mir sprechen wolle . Meine Thränen stockten . Ich lauschte