, welche uns Angehörige betreffen , benehmen wir uns nicht lamentabel , sondern fast vom ersten Augenblicke an mit der gleichen Gefaßtheit , mit dem gleichen Wechsel von Hoffnung , Furcht und Selbsttäuschung wie die Betroffenen selbst . Doch ermahnte er jetzt seine Tochter , nicht zuviel zu sprechen , und mich fragte er , ob ich die Ursache der kleinen Reise schon kenne , und setzte hinzu : » Ja , lieber Heinrich ! meine Anna scheint krank werden zu wollen ! Doch laßt uns den Mut nicht verlieren ! Der Arzt hat ja gesagt , daß vorderhand nicht viel zu sagen und zu tun wäre . Er hat uns einige Verhaltungsregeln gegeben und anbefohlen , ruhig zurückzukehren und dort zu leben , anstatt hieher zu ziehen , da die dortige Luft angemessener sei . Für unsern Doktor will er uns einen Brief mitgeben und von Zeit zu Zeit selbst hinauskommen und nachsehen . « Ich wußte hierauf rein nichts zu erwidern noch meine Teilnahme zu bezeugen ; vielmehr wurde ich ganz rot und schämte mich nur , nicht auch krank zu sein . Anna hingegen sah mich bei den Worten ihres Vaters lächelnd an , als ob sie Mitleid mit mir hätte , so peinliche Dinge hören zu müssen . Nach dem Essen verlangte der Schulmeister , von meinen Beschäftigungen zu wissen und etwas zu sehen ; ich brachte eine wohlgefüllte Mappe herbei und erzählte von meinem Meister ; doch verweilte er nicht lang dabei , sondern machte sich bereit , einige Gänge zu tun und Einkäufe zu besorgen . Meine Mutter begleitete ihn , und ich blieb allein mit Anna zurück . Sie fuhr fort , meine Sachen aufmerksam zu beschauen ; auf dem Ruhbett sitzend , ließ sie sich alles von mir vorlegen und erklären . Während sie auf meine Landschaften sah , blickte ich auf sie nieder , manchmal mußte ich mich beugen , manchmal hielten wir ein Blatt zusammen in den Händen lange Zeit , doch ereignete sich sonst gar nichts Zärtliches zwischen uns ; denn während sie für mich nun wieder ein anderes Wesen war und ich mich scheute , sie nur von ferne zu verletzen , häufte sie alle Äußerungen der Freude und der Aufmerksamkeit allein auf meine Arbeiten und wollte sich nicht von denselben trennen , während sie mich selbst nur wenig ansah . Plötzlich sagte sie : » Unsere Tante im Pfarrhaus läßt dir sagen , du sollest mit uns sogleich hinausfahren , sonst sei sie böse ! Willst du ? « Ich erwiderte : » Ja , jetzt kann ich schon ! « und setzte hinzu : » Was fehlt dir denn eigentlich ? « - » Ach , ich weiß es selbst nicht , ich bin immer müde und leide manchmal ein wenig ; die anderen machen mehr daraus als ich selbst ! « Meine Mutter und der Schulmeister kamen zurück ; neben den fremdartigen pharmazeutischen Paketen , die er mit einem verstohlenen Seufzer auf den Tisch legte , brachte er einige Geschenke für Anna mit , gute Kleiderstoffe , einen großen warmen Shawl und eine goldene Uhr , als ob er mit diesen kostbaren und auf die Dauer berechneten Sachen eine günstige Wendung des Geschickes erzwingen wollte . Als Anna darüber erschrak , sagte er , sie habe die Dinge schon lange verdient und das bißchen Geld hätte gar keinen Wert für ihn , wenn er nicht ihr eine kleine Freude dadurch verschaffen könnte . Er zeigte sich zufrieden , daß ich mitfahre ; meine Mutter sah es auch gern und legte mir einige Sachen zurecht , indessen ich das Gefährte aus dem Gasthause holte , wo es eingestellt war . Anna sah allerliebst aus , als sie wohlvermummt und verschleiert dem Schulmeister zur Seite saß . Ich nahm den Vordersitz und hatte das Leitseil des gutgenährten Pferdes ergriffen , das schon ungeduldig scharrte ; die Mutter machte sich noch lange am Wagen zu schaffen und wiederholte dem Schulmeister ihre Anerbietungen zu jeglicher Hilfe und , wenn es notwendig würde , hinzukommen und Anna zu pflegen ; die Nachbaren steckten die Köpfe aus den Fenstern und vermehrten mein Selbstbewußtsein , als ich endlich mit meiner liebenswürdigen und anmutigen Gesellschaft die enge Straße entlangfuhr . Es glänzte ein sonniger Herbstnachmittag auf dem Lande . Wir fuhren durch Dörfer und Felder , sahen die Gehölze und Anhöhen im zarten Dufte liegen , hörten die Jägerhörnchen in der Ferne , begegneten überall zahlreichem Fuhrwerke , welches den Herbstsegen einbrachte ; hier machten die Leute die Gefäße zur Weinlese zurecht und bauten große Kufen , dort standen sie reihenweise auf den Äckern und hoben die Wurzelfrüchte aus ; anderswo wieder pflügten sie die Erde um , und die ganze Familie war dabei versammelt , von der Herbstsonne hinausgelockt ; überall war es lebendig und zufrieden bewegt . Die Luft war so mild , daß Anna ihren grünen Schleier zurückschlug und ihr liebliches Gesicht zeigte . Wir vergaßen alle drei , warum wir eigentlich auf diesen Wegen fuhren ; der Schulmeister war gesprächig und erzählte uns viele Geschichten von den Gegenden , durch welche wir kamen , zeigte uns die Wohnungen , wo berühmte Männer hausten , deren wohlgeordnete saubere Hofstätten die weise Klugheit ihrer Besitzer verkündeten . Da und dort wohnte eine hübsche Tochter oder deren zwei , von denen etwas zu erblicken wir im Vorüberfahren uns bemühten , und wenn dies gelang , so grüßte Anna mit dem bescheidenen Anstande derjenigen , welche selbst Blumen des Landes sind . Doch dunkelte es eine geraume Weile , ehe wir ans Ziel gelangten , und mit der Dunkelheit fiel es mir plötzlich ein , daß ich Judith das Versprechen gegeben , sie jedesmal zu besuchen , wenn ich ins Dorf käme . Anna hatte sich wieder verhüllt , ich saß nun neben ihr , da der Schulmeister , welcher die Wege besser kannte , die Zügel genommen ; und weil wir der Dunkelheit wegen nun schweigsamer waren , so hatte ich Zeit