erbrach , das von einem ernsten Lydiabriefe oder das von seines Röschens schelmischer Wochenepistel . Es war am Morgen des letzten Sonntags im Kirchenjahr , welcher dem Gedächtnis der Verstorbenen geweiht ist , als Dezimus vor der erwarteten Familienpost einen Brief von Lydia erhielt ; schon ehegestern geschrieben , hatte ein Zufall die Beförderung verzögert ; leider verzögert , da er eine zur Eile drängende Kunde enthielt : die Fieberseuche war in Talwerben ausgebrochen . Einer von den Ärmlingen des Eichsfeldes , welche im Frühling aus ihren Dörfern wandern , um tief in das Land hinein Arbeit zu suchen , hatte in Schlesien größeres Elend gefunden , als er daheim verlassen , und statt Winterbrot den bösen Krankheitsstoff zurückgetragen . Bettelnd schleppte er sich mühselig den weiten Weg entlang , bis er endlich vor der Schenke des Talgutes zusammenbrach und in einer Scheune verschied . Unerfahrenheit in der Behandlung und Bestattung mochte die Schuld getragen haben , daß das Unheil mit der Hast und Vehemenz eines bösen Zaubers sich von Haus zu Haus , von Dorf zu Dorf in der Aue verbreitete . Der zur Leichenschau berufene Gerichtsaktuar , der Küster , ein paar Knechte und Mägde des Gutshofes waren bereits erlegen . Ein panischer Schrecken hatte das Volk gepackt , man scheute sich der dringendsten Handreichungen . Lydia durfte autodidaktisch eine tüchtige Vorschule zu dem erwählten Berufe durchmachen . Auch ärztliche Hülfe tat not , da die aus den Nachbarstädten meistenteils erst gesucht wurde und gebracht werden konnte , wenn Hülfe zu spät kam . Lydia forderte Dezimus daher auf , so rasch als möglich einen jungen Mediziner für den Dienst in ihrer Gegend anzuwerben . Sie bot ihm bis zum Erlöschen der Epidemie freie Station im Schloß und neben seinen ärztlichen Gebühren ein Salär aus ihren Mitteln . Noch fügte sie hinzu , daß Hochwerben bis jetzt verschont geblieben sei , der Vater aber seines Amtes im Filial mit Jünglingseifer warte . Dezimus war entschlossen , noch heute zur Unterstützung seines Vaters und seiner Freundin nach Hause zu eilen , sobald er nur des Auftrags der letzteren sich entledigt hätte . Die natürliche Wahl fiel auf Freund Kurzen , nicht bloß weil er ein Heimatsinteresse für die Sache hatte , sondern auch weil er keinen eifrigeren und tüchtigeren jungen Mann seines Faches kannte und sein gutes Zutrauen ihm noch kürzlich von dem ersten klinischen Lehrer der Universität bestätigt worden war , als er mit ihm bei seinem alten Chaldäer zusammentraf . Er fand den Freund indessen weder in seinem unbehaglichen Dachgelaß noch in den behaglicheren Lokalen , in welchen er seinen gesunden Appetit , zumal auf » flüssiges Brot « , zu stillen pflegte . Wo hätte er ihn außerdem suchen sollen ? Auf Praxis leider nicht ; denn seit netto sechs Monaten hatte Doktor Peter Kurze in Blättern und Blättchen , zwanzig Meilen in der Runde , seine ärztlichen Dienste ausgeboten wie - sein eigenes Gleichnis - wie sauer Bier ; jedweder rationellen Kur , inklusive Zahnausziehen und Hühneraugenschneiden , würde er sich mit Hochgenuß unterzogen haben : dennoch hatte sich , etwelche akademische Kneipkumpane ausgenommen , die honoris causa behandelt werden mußten , noch kein einziges einer rationellen Kur bedürftiges Individuum in seine ausgespannten Netze verfangen . Als nach langem , vergeblichen Umherirren Dezimus nach seiner Wohnung zurückging , in der Absicht , seinen Auftrag schriftlich anzubringen , stürmte ihm von dorther der Gesuchte entgegen , indem er schon auf zwanzig Schritt Distanz die große Mär zu verkünden begann , daß heute , an dem jedes medizinische Herz bewegenden Totenfeste - obschon für seine eigene ärztliche Person an jeglichem wissenschaftlichen Verbrechen noch unschuldig wie ein neugeborenes Lamm - , der Entschluß in ihm reif geworden sei , aus der Not eine Tugend zu machen und seine Künste bei den Wasserpolacken an den Mann zu bringen . Er hatte seine akademische Legitimation bereits in der Tasche ; morgen in Tagesfrühe wollte er aufbrechen . Da , in der letzten Stunde stößt er auf den Fortunatus aus der Heimatsaue , der ihm statt der fernen Klientel , die den Bettelsack trägt , in nächster Nähe eine andere mit gefüllten Brotschränken anbietet , dazu freie Station in einem Edelhofe und ein ganz respektables Gehalt ! Wie das Elend einer Menge dem einzelnen ja häufig zum Segen wird , so wird die ansteckende Hungerseuche Doktor Peter Kurzen zu einem Schmaus . Er tut auf offener Straße einen Freudensprung in die Luft , dann einen zweiten dem hünenhaften Glücksboten an den Hals . Ade , Wasserpolackei ! Morgen mit dem Tagesgrauen ist der Retter in der Heimat ! Er würde es schon heute abend sein , wenn er nicht zuvor seinen Pflasterkasten mit Säftchen und Pülverchen für die erste Hülfe zu füllen hätte ; zum Zweck welcher Vorsichtsmaßregel auch noch in der Eile ein kleines freundschaftliches Bargeschäft erledigt werden muß . In Peter Kurzes Augen genoß der Stipendiat und Legatar von Werben das Ansehn eines Millionärs . Während Dezimus sein Bündel schnürte , wurde ihm ein zweiter Brief gebracht ; nicht der erwartete von Rosens , sondern wiederum von Lydias Hand . Er war mit citissimo bezeichnet und enthielt nichts als die Worte : » Kommen Sie ohne Verzug ! « Selbst Datum und Unterschrift fehlten . Das Herz stockte in seiner Brust . Welches Unheil hatte diesen Ruf der Todesangst eingegeben ? Er hätte sich Flügel anheften mögen und mußte warten , warten , warten bis zum Abend . Endlich brauste der Zug heran . Gegen die eine Stunde , welche die Dampffahrt währte , dünkten ihm die früheren sieben Wanderstunden ein Flug . In dunkler Nacht erreichte er die Haltestelle ; keuchend legte er den Rest des Weges zurück ; die Schritte stockten in dem vom Regen erweichten Boden . Kein Stern leuchtete am Himmel , und im Herzen - ach , verhülle dich nicht auch du , Stern aller Bangenden in dunkler Weltennacht ! Des Eilenden Blicke haften an dem lieben Hause auf der Höhe , aus dessen