eine Prinzessin die Aufmerksamkeiten ihrer Hofdame . Mary hatte ihr so oft gesagt , daß sie viel schöner , reizender sei , als sie selbst . Und nun mußte diese demüthige Freundin die glänzendste Heirath machen , durch die sie mit einem Male in die höchsten Sphären der Gesellschaft erhoben , ja mit einigen regierenden Häusern verschwägert wurde . Helene durfte gar nicht daran denken . Aber jetzt , wo ihr eine Gelegenheit geboten wurde , mit Ehren aus dieser sie demüthigenden Lage zu kommen ; jetzt , wo ihre stolze Mutter sich zu Bitten , die sie nicht einmal selbst vorzubringen wagte , verstand ; jetzt konnte über den Weg , den sie einzuschlagen hatte , kein Zweifel sein ; und wenn Fräulein Bär in ihrer Gutmüthigkeit ihr die Pension als ein Asyl anbot , so wußte sie eben nicht , um was es sich in diesem Augenblick handelte . Helene ging , nachdem Fräulein Bär sie verlassen , mit verschränkten Armen in ihrem Zimmer auf und ab . Endlich trat sie an das Fenster und starrte in den herbstlichen Abend hinein . An dem Himmel zogen langsam schwere , dunkle Wolken , unter welchen leichte graue Wölkchen pfeilschnell dahinschwebten . Die beinahe kahlen Zweige der schlanken Pappeln wiegten sich in dem scharfen Winde sausend und zischend hinüber und herüber ; eine Krähe , die des Weges kam , setzte sich auf ein paar Augenblicke auf den obersten Wipfel eines der Bäume , ließ sich mit herüber und hinüber wiegen , krächzte , als ob sie sich über die ungastliche Behandlung ärgere und flog dann wieder davon . - Helene öffnete das Fenster . Der kühle , feuchte , mit dem herben Dufte der modernden Blätter vermischte Hauch des Abends wehte sie an . Lauter rauschten die Pappeln in dem Garten und den hohen Buchen des Parkes und zwischendurch tönte in monotonen Cadenzen der dumpfe Donner der Meereswogen am Gestade . Sie lehnte sich hinaus ; sie achtete nicht der Feuchtigkeit der Luft , die im Nu ihre schwarzen Haare mit einem thauigen Schleier überzog . Sie starrte nur immer hinein in den mit jedem Augenblick dunkler werdenden Abend . Seltsame Visionen zogen durch ihr Hirn . Stolze Paläste erhoben sich am Rande blauer Seeen , in denen sich dunkle Wälder spiegelten ; und aus dem Palast ritt ein lustiger Jagdzug mit Hallo und Trara , und an der Spitze des Zuges eine junge Dame auf einem Zelter neben einem Manne , der seinen schäumenden Rappen lässig lenkte und sein dunkles Gesicht fortwährend auf die junge Dame neben ihm wandte ; und Alles , soweit das Auge reichte , - Schloß und See und Wald und Felder , die sich weit und weiter am Ufer hinbreiteten , unabsehbar in ' s Land hinein - gehörte der jungen Dame auf dem Zelter und ihrem Gemahl , dem Ritter auf dem feurigen Rappen . Und dann versanken Schloß und Wälder und Felder in dem See , und der See erweiterte sich zu einem Meer , das an dem hohen , mit Buchenwäldern , gekrönten Kreidefelsenufern aufrauschte ; und oben auf den hohen Ufern in der Abendsonnengluth stand dieselbe junge Dame , die vorhin auf dem Zelter ritt , neben einem Mann - der nicht der Ritter auf dem Rappen war - und sie schauten zusammen hinaus auf das wunderherrliche Schauspiel der in dem wogenden Wellengebiete versinkenden Sonne , und wie sie so standen und schauten , fügten sie , wie betende Kinder , ihre Hände in einander und sahen sich an mit liebevollen , thränenüberströmten Augen . Da rauschte der Wind lauter in den schlanken Pappeln und das junge Mädchen fuhr empor aus ihren Träumereien . - Sie warf einen Blick in die graue Dämmerung des Parkes . Zwei Gestalten , ein Mann und eine Frau - wandelten Arm in Arm an der Oeffnung zwischen den Bosquets vorüber - nur einen Augenblick lang , aber das scharfe Auge des jungen Mädchens hatte Beide erkannt , glaubte mindestens Beide erkannt zu haben . Ein Gefühl , wie sie es noch nie gehabt hatte , überkam sie . Sie mußte sich überzeugen , ob sie recht gesehen hatte , ob wirklich Oswald Stein mit Emilie Cloten zu dieser Stunde an diesem Orte sich treffen konnten . Im nächsten Augenblick war sie die Treppe , die nach dem Garten führte , hinab , durch den Garten geeilt und stand jetzt an der Pforte , die aus dem Garten in den Park führte . - Mit einem Male war ihr Muth verschwunden - sie schämte sich einer Regung , die sie zu einem so unweiblichen , so häßlichen Schritte verleiten konnte . Eben wollte sie wieder in das Haus zurückkehren , als die beiden Gestalten den Gang , der an der Gartenpforte vorüberführte , wieder heraufkamen . Sie drückte sich hinter den Pfeiler des Thors , um nicht gesehen zu werden ; das Herz schlug ihr zum Zerspringen , und jetzt - sie waren es , waren es , die hier , in heimlichem , eifrigem Gespräch vorübergingen ! Also genarrt ! und genarrt ! von wem ? von einem Menschen , den eine Emilie Cloten gewinnen konnte ! Sie schritt , in tiefstes Sinnen verloren , nach ihrem Zimmer zurück . Einmal blieb sie stehen und sagte , tief aufathmend : Gott sei Dank , daß ich schon vorher entschlossen war , zu meinen Eltern zurückzukehren ! Dreiunddreißigstes Capitel Das Gerücht - man wußte nicht , wer es zuerst aufgebracht hatte , - Fürst Waldernberg bete die schöne Helene von Grenwitz an , ja die Verlobung werde nicht lange auf sich warten lassen , erhielt sich und wurde durch eine Menge Einzelheiten , deren Auffindung dem Spürsinn der betreffenden Geschichtenträger und Geberdenspäher alle Ehre machte , bekräftigt . Die Gräfin Grieben wußte auf das bestimmteste , daß der Fürst beinahe alle Abend zu Grenwitzens komme ; Frau von Nadelitz , daß er jeden Mittag nach der Parade auf seinem prachtvollen tscherkessichen Hengst an der