Postbote aus dem nächsten Städtchen am Abend des folgenden Tages Oswald brachte . Er las das sonderbare Schreiben mehrmals , bevor er sich von seinem Erstaunen erholen konnte . Wer war der » Jemand « , der seine nähere Bekanntschaft zu machen wünschte ? wer die Dame , um die es sich handelte ? War das Geheimniß der Waldcapelle entweiht worden ? hatte Jemand die Scene in der Fensternische auf dem Balle in Barnewitz belauscht ? Konnte Herr von Cloten der Herausforderer sein ? Das auffallend kühle Benehmen dieses jungen Edelmannes bei der zufälligen Begegnung gestern schien dafür zu sprechen . Oder war diese Begegnung nicht zufällig , und stand der geheimnißvolle Reiter damit in Verbindung ? war es nur ein Spion Clotens ? Aber war die Unterredung zwischen Herrn von Barnewitz und dem Baron , bei welcher Oswald ein so unfreiwilliger Zeuge gewesen war , nicht Beweis genug , daß Cloten nach einer ganz andern Seite hin in Anspruch genommen und mit seinen eigenen Angelegenheiten vollauf beschäftigt war ? Oswald ließ die Reihe der jungen Edelleute , die er auf dem Balle in Barnewitz kennen gelernt hatte , an seinem Geiste vorübergehen , und sein Verdacht blieb schließlich auf dem jungen Grafen Grieben haften , jenem langen , blonden Jüngling , der so komische Anstrengungen machte , den starken Geist zu spielen und sich die Gunst der übermüthigen Emilie zu erwerben , und in beiden Bemühungen so unglücklich gewesen war . Er konnte am ersten der Erfinder der Phrase von dem » vom Glück begünstigten Ritter « sein . Was sollte er thun ? Sollte er sich der vielleicht nichts weniger als edlen Rache der jungen Edelleute aussetzen ? sollte er in einen Kampf gehen , in welchem er die Wahl der Waffen , der Zeugen , des Ortes , kurz Alles seinem Gegner zu überlassen gezwungen war ? Konnte es ihm ein billig denkender Mann verargen , wenn er die Herausforderung eines Namenlosen unbeachtet ließ ? Aber hatte er es denn mit billig denkenden Männern zu thun ? hatte er nicht längst erfahren , bewies nicht Alles , was er sah und hörte , daß in diesen bevorzugten Kreisen subjectives Belieben für Recht galt und die frivolste Laune des Augenblicks die Richtschnur des Handelns war ? Fand sich dieser Zug nicht selbst bei denen , welche Geist und Charakter so hoch über den gewöhnlichen Troß ihrer Standesgenossen erhob : bei Oldenburg und Melitta ? Und würde ihm ein Ablehnen der Herausforderung nicht als Feigheit , nicht als ein Mangel jenes feinen Ehrgefühls ausgelegt werden , auf welches sich dieser Adel so viel zu Gute that ? Nein , nein ; er mußte den Fehdehandschuh aufnehmen , wie verächtlich auch die Hand sein mochte , die ihm denselben aus dem Dunkel heraus vor die Füße geschleudert hatte . Er mußte den Junkern zeigen , daß er sich nicht fürchtete , allein , ohne Freunde , waffenlos ihrer Rache gegenüber zu treten . Sein Blut kochte . Er ging erregt im Zimmer auf und ab . Nur zu , nur zu ! murmelte er durch die Zähne ; ich wollte , sie stellten sich mir gegenüber , einer nach dem andern , mein Haß würde mir die Kraft geben , sie Alle niederzuschmettern . Es ist ganz recht so , ganz recht ! Was habe ich hier zu thun unter diesen Wölfen ? Zerrissen werden oder zerreißen - das hätte ich mir von vornherein sagen können . Oswald fühlte , wie aus dem tiefsten Grunde seiner Seele , in den sein Auge noch nie gedrungen war , es aufstieg mit dämonischer Gewalt . Eine wilde Leidenschaft , ein heißer Durst nach Rache , ein wahnsinniges Verlangen , zu zerstören , zu vernichten , erfaßte ihn ; der ganze fanatische Haß gegen den Adel , den er als Knabe empfunden , wenn er seinem Vater in dem Garten hinter der Stadtmauer die Pistolen lud , mit denen jener auf die Asse schoß , die eben so viele Herzen von Adeligen bedeuteten ; wenn er auf der Schulbank im Livius von dem Uebermuth der Tarquinier las , oder auf seiner Stube die thränenreiche Geschichte der Emilia Galotti . Und das waren keine Märchen ! Hier in diesem Schlosse , vielleicht in denselben Zimmern , die er jetzt bewohnte , war ein Opfer adeliger Grausamkeit verblutet : hier hatte die arme , unglückliche , schöne Marie mit tausend heißen Thränen die Thorheit bezahlt , den Worten des adeligen Verführers geglaubt zu haben ! Sie war als Opfer gefallen , denn sie war ein schwaches Weib , und Thränen waren ihre Waffen , Thränen , die kein Erbarmen fanden . Diese Thränen waren noch nicht gesühnt . Wie ? wenn er als Rächer für sie aufstände , wenn er diese Thränen eines Bürgermädchens sühnte in dem Blut eines Adeligen ? Solche Gedanken wirbelten durch Oswald ' s Gehirn , während er für den Fall eines schlimmen Ausgangs - den er übrigens sonderbarer Weise kaum für möglich hielt , so schnell hatte er sich in die Rolle eines Rächers gefunden - einige flüchtige Vorbereitungen traf , das heißt , die Briefe , von denen er nicht wünschte , daß sie jemals in fremde Hände fielen , verbrannte , und überhaupt etwas Ordnung in seine Papiere brachte ; schließlich auch ein paar Zeilen an Professor Berger schrieb , die er aber hernach wieder zerriß und in den Ofen warf . Das Volk ist nicht werth , daß man seinethalben so viel Umstände macht ; sagte er bei sich . Mit Ungeduld erwartete er die bezeichnete Stunde . Es schlug zehn auf der Schloßuhr . Er hörte , daß die Leute zu Bette gingen , auch aus Albert ' s Zimmer schimmerte Licht in den dunklen Garten hinab . Es schlug halb elf . Oswald machte sorgfältig Toilette , nahm eine Rose aus einem Blumenstrauß , den er sich heute im Garten gepflückt hatte , und steckte sie in ' s Knopfloch . Dann ging er leise