Art der damals üblichen Kriegsgerüste oder Belagerungstürme mit zusammengefügtem Flechtwerk überdacht , deuteten auf menschliches Anwesen . Kein Laut unterbrach die Stille . Der Fremde kniete vor dem Kreuz nieder und betete lang . Es war Ekkehard , - der Ort , wo er betete , das Wildkirchlein . Unversehrt war er auf seinem Bergrutsch , als ihn Praxedis befreit , in die Tiefe gefahren ; der andere Morgen fand ihn erschöpft beim alten Moengal in Radolfzelle . » Ach , daß ich in der Wüste ein Hüttlein der Wandersleute haben könnte , so wollte ich mein Volk verlassen und mich von ihnen absondern , denn sie sind Lügner und treulos zusammen « , sprach er mit den Worten des Propheten252 , nachdem er dem Leutpriester sein Leid geklagt . Da wies ihm der Alte den Säntis . » Hast recht « , sprach Moengal . » Der heilige Gallus hat ' s ebenso gemacht . In der Einsamkeit will ich verharren und auf den warten , der meine Seele gesund machen soll253 ; er wär ' vielleicht kein Heiliger geworden , wenn er anders gesagt und getan hätte . Verbeiß ' deinen Schmerz . Wenn der Adler siech wird und seine Augen dunkeln und seine Federn zergehen wollen , steigt er himmelan , so weit ihn seine Schwingen tragen254 . Sonnennähe verjüngt . Tue desgleichen . Ich weiß dir ein gut Plätzlein zum Gesunden . « Er beschrieb ihm den Weg . » Du wirst einen droben finden « , fuhr er fort , » der seit zwanzig Jahren nicht mehr viel von der Welt gesehen hat , er heißt Gottschalk . Grüß ihn von mir ; so Gott will , sind seine Sünden vergeben . « Der Leutpriester verschwieg aber , um welcher Sünden willen sein ehemaliger Freund dort Buße tat . Den hatte in teuern Zeiten das Kloster einst ins Welschland gesendet , Korn einzukaufen , da kam er gen Verona und ward gut aufgenommen vom streitsüchtigen Bischof Ratherius , und tat seine Andacht in der ehrwürdigen Kathedralkirche . Dort lag unverschlossen im güldenen Sarg der Leib der heiligen Anastasia , und die Kirche war leer und den Gottschalk verführte der Teufel , daß er nach Deutschland wollte ein Angedenken mitbringen , da nahm er von der Heiligen Leib soviel er unter seiner Kutte mitschleppen konnte255 : einen Arm und einen Fuß und etliche Wirbelknochen , und fuhr heimlich von dannen256 . Aber seine Ruhe war verloren von jener Stunde , in Wachen und Traum stand die Heilige vor ihm , sie ging an der Krücke verstümmelt und zerrissen und forderte ihren Arm zurück und ihren Fuß - über Schluchten und Alpenpässe folgte sie ihm , an der Schwelle des heimischen Klosters trat sie ihm dräuend entgegen ; da warf er halb wahnsinnig die Reliquienbeute von sich und floh auf die Höhen beim Säntis , den Lebensrest büßend zu verbringen , und schuf sich dort seine Klause . Zwei Tage hatte der alte Moengal seinen jungen Freund beherbergt , dann schaffte er ihn nächtlich über den See . » Geh ' mir nicht ins Kloster zurück « , sprach er beim Auseinandergehen , » daß dich das dumme Gerede nicht umbringt . Spott schadet mehr als Strafe . Es gehört dir ein Denkzettel , aber die frische Luft soll dir ihn bringen , die hat ein Recht dazu , die andern nicht . « Speer und Wolfspelz schenkte er ihm zum Abschied . Scheu und heimlich zog Ekkehard von dannen . Es war eine bittere Empfindung , da er nächtlich an seinem noch halb in Trümmern liegenden Kloster vorüberschlich ; etliche Lichter glänzten zu ihm herüber , er beflügelte seinen Schritt . Auch an der Abtszelle im Gebirgsland zog er ohne Ankehr vorbei , er wollte von des Klosters Leuten nicht erkannt sein . ... Jetzt war sein Gebet beendigt . Er schaute erwartungsvoll nach dem Höhleneingang , ob Gottschalk , der Einsiedel , nicht heraustrete und den neuen Ankömmling begrüße . Es regte sich nichts , die Höhle stund leer . » Sancta Anastasia , ignosce raptori ! « » Heilige Anastasia , verzeihe deinem Räuber ! « war mit eingetrocknetem Kräutersaft an die lichte Felswand angeschrieben . Ein steingehauener Trog fing das herabtropfende Felswasser ; es lief über den Rand herab . Er trat in die Kammer . Etliche tönerne Schüsseln standen bei einer Steinplatte , die als Herd gedient haben mochte . Ein grobgarniges Fischnetz lag in der Ecke , Hammer , Spaten , ein verrostet Beil dabei , auch viel zugeschnittene Kienspäne . Auf tannenen Scheitern war eine Streu geschüttelt , von Moder und Gewürm zerfressen . Zwei Ratten sprangen , vom Eintretenden verscheucht , in eine Spalte des Bodens . » Gottschalk ! « rief Ekkehard durch die hohle Hand . Dann tat er einen Schrei , wie er unter Leuten im Gebirg ' als Anruf üblich ist . Aber niemand erschien . Nähere Umschau zeigte , daß der Einsiedel nicht erst seit heute die Klause verlassen . In einem Krug war Milch zur Kruste eingetrocknet . Da trat Ekkehard betrübt wieder auf den schmalen Streif Erdreich , der zwischen Höhle und Abgrund das Stehen ermöglichte . Sein Blick wandte sich zur Linken . In weiter Ferne blaute ein Stück Bodensee über den Bergrücken . Die Pracht der Gebirgswelt vermochte nicht ein Gefühl von unendlichem Weh zu bannen . Einsam und gottverlassen stand er auf der jachen Höhe . Er reckte sein Ohr , als müsse er eines Menschen Stimme erlauschen . Aber nur das einförmig leise Rauschen des Windes durch die Tannen der Tiefe tönte herauf . Seine Augen wurden feucht . Es war spät geworden . Wohin ? ... Ein starker Hunger zerstreute seine Gedanken . Er trug noch für drei Tage Speise bei sich . Da setzte er sich vor die Höhle und verzehrte unter Tränen seinen Abendimbiß . Sein Berg warf lange blaue Schatten auf die Wände genüber , nur die steinernen Gipfel glühten noch im Sonnenlicht .