welche Weise der alte Baron im Geisterreiche , dem er doch lebend schon halb angehört habe , eine Indiskrezion über diesen Punkt aufnehmen dürfe . Dieser Bewegungsgrund wirkte mehr als alle übrigen , Moritz erbleichte und blickte sehr bedenklich zu den grauen alten Thürmen und zackigen Mauern hinauf , welche wie aus dem Felsen , der sie trug , hervorgewachsen , bei einer Biegung des Weges jetzt zum erstenmal sichtbar wurden . Auch auf Hippoliten machte der Anblick des alten Gebäudes einen tiefen Eindruck , das ihm , wie von einer unersteiglichen Höhe , entgegenstarrte . Und als er nun vollends Gabrielens Wagen vor sich , in der alle Gegenstände verwirrenden Dämmerung , auf dem steilen Wege sich hinaufwinden und dann zum düstern Außenthor hineinfahren sah , da ward ihm , als versänke sie in einem offnen Grabe . In der hochgewölbten Eintrittshalle , beleuchtet vom schwankenden Schimmer vieler Fackeln , hatten sich die verlebten Gestalten der einst hier im Dienst von Gabrielens Vater ergrauten alten Diener zum Empfange versammelt . In ihren nach der Farbe des Wappens auf das strengste gewählten altmodischen Galla-Livreen standen sie ehrfurchtsvoll in eine Reihe geordnet ; Frau Dalling an ihrer Spitze . Auch das Haar dieser war weiß geworden und ihre Gestalt hatte sich gebeugt . Gabriele schwang sich , so wie sie ihrer gewahr ward , ganz allein aus dem Wagen , beinahe ehe er noch hielt , warf sich der geliebten mütterlichen Frau in die Arme , und begrüßte sie mit tausend sonst gewohnten kindlichen Schmeichelnamen . Dann wandte sie sich an die alten Diener mit den allerfreundlichsten Worten ; sie reichte ihnen die Hände und alle drängten sich , zum Theil knieend , um sie her und küßten unter verworrnen freudigen Ausrufungen bald ihren Shawl , bald den Saum ihres Kleides . Moritz trat mit dem erhabensten Anstande , den er aufzubringen wußte , herein , aber die freudige Gruppe ward seiner nicht gewahr . Hippolit schauderte zurück , da er Gabrielen von alle den greisen bleichen Gestalten umgeben sah , die kaum noch dem Leben anzugehören schienen ; er glaubte die geliebte Gestalt schon im Gebiete der Unterirrdischen zu erblicken , während Ida und Bella in einiger Beklommenheit seinen Arm ergriffen , als würde es ihnen so besser gelingen , das Grausen zu bekämpfen , welches der erste Eintritt in das alte wunderlich-dunkle Schloß in ihnen erregte . Unter Gabrielens sorgfältiger Leitung ward indessen gar bald alles zu Jedermanns Zufriedenheit geordnet . Die Fräulein kamen unter den Schutz der Frau Dalling , und vergaßen dort alles Grauen , obgleich das Schloß Ubaldo und andre Reminiszensen aus ihren Romanen , ihnen oft genug in den Sinn kamen . Gabriele bezog wieder die einfachen Zimmer , welche sie von jeher im Schlosse bewohnt hatte . Gute Geister , von denen einst ihre harmlose Kindheit beschützt worden , umwehten sie auch jetzt dort , und hauchten in seligen Träumen ihr Ruhe und Hoffnung in die jetzt nicht weniger als damals schuldlose Brust . Auch Hippolit war mit seiner Wohnung zufrieden , denn aus einer Fensterecke derselben konnte er zu Gabrielen hinüber sehen , und Abends zuweilen ihren Schatten belauschen , wenn dieser an den heruntergelaßnen Vorhängen vorüberstreifte . Nur Moritz befand sich in einer trübseligen Lage . Er hatte es seiner Würde angemessen erachtet , die alten Prunkgemächer zu beziehen , welche von seinem Vorfahren zuletzt bewohnt worden waren , und nun ergriff ihn jedesmal eine unüberwindliche Gespensterfurcht , wenn er , besonders Nachts , sich dort allein fand . Ueberall vernahm er ein geisterartiges Rauschen und Rascheln , von den Ruinen der Brandstätte tönten wunderliche Klänge zu ihm herüber , und ein paarmal glaubte er sogar im hellen Dämmerlichte der Sommernacht den alten Baron auf seinem gewohnten Platz im Lehnstuhl am Fenster , den Ruinen gegenüber , zu erblicken . Wie alle , die mit sich nicht im Klaren sind , war auch Moritz ein wunderliches Gemisch von Freigeisterei , Vernünftelei und ganz gemeinem Aberglauben . Vergeblich strebte er diesen wegzuspötteln und wegzuraisonniren , immer und ehe er sich dessen versah , übte derselbe seine Gewalt über ihn aus , aber um aller Güter der Welt willen hätte er dieses nicht eingestanden . Deshalb konnte er sich auch nicht entschließen , die ihm so furchtbaren Zimmer mit andern zu vertauschen , obgleich er beinahe in keiner Nacht eines ruhigen Schlafs sich in ihnen erfreute . Am Tage ging es nicht viel besser , denn da marterte ihn der Anblick der seinen Fenstern gegenüberliegenden Brandstelle . Die Lust , etwas ganz Unerhörtes , nie Gesehenes hier aus der Asche entstehen zu lassen , regte sich um so unwiderstehlicher , je enger ihm in dieser Hinsicht die Hände gebunden waren . Sogenannte Nachbarn , von der Neugier meilenweit zu ihm geführt , machten ihm durch ihre Aufforderungen und Vorschläge zum Bauen die Entsagung noch schwerer ; denn er mochte nicht gestehen , was ihn eigentlich zurückhielt . Unzähligemal nahm er den Bauriß , der einst des alten Barons Zorn so heftig erregt , zur Hand , betrachtete ihn mit sehnsuchtsvollen Blicken , und legte ihn mit ängstlichem Frösteln wieder hin . Endlich kam es so weit , daß er sogar Gabrielen fast nie ohne eine geheime widerwärtige Regung anblicken mochte , denn alles erinnerte ihn daran , daß er ohne sie hier als unumschränkter Gebieter nach Belieben würde schalten und walten , einreißen und bauen dürfen . Gleich allen erklärten Günstlingen des Glücks war es ihm unmöglich , nicht gerade das Einzige , was ihm versagt war , für das Allerwünschenswertheste zu achten . Dieses ärgerliche Empfinden verleitete ihn nicht selten zu Ungleichheiten im Betragen und ungeduldigen Ausfällen , wie er sich früher deren nie gegen seine Gemahlin erlaubt hatte . Gabriele wußte indessen diesem allen mit so edler Gelassenheit zu begegnen , ohne sich ihrer Würde im mindesten dabei zu vergeben , daß Moritz gewöhnlich im nächsten Moment über seine eigne Unart erschrak und sich sichtbar schämte , doch ohne es anerkennen zu