sich und ihrem Verfasser zu reden macht ; oder sollte es noch nicht geschehen seyn , so wirst du dich zu Milet leicht mit einem Exemplar versehen können , denn die Nachfrage nach diesem Buch ist so stark , daß die Bibliokapelen12 von Athen und Korinth nichts Angelegner ' s haben , als die Hände aller Geschwindschreiber , die in beiden Städten aufzutreiben sind , mit möglichster Vervielfältigung desselben zu beschäftigen . Ich glaube nicht zu viel von diesem Werke , so beschränkt auch der Gegenstand desselben ist , zu sagen , wenn ich es , in Rücksicht auf die historische Kunst , mit dem berühmten Kanon des Bildhauers Polyklet vergleiche , und behaupte , so müsse jede Geschichte geschrieben seyn , auf deren historische Wahrheit man sich verlassen können soll . Die ganze Erzählung ist wie eine Landschaft im vollen Sonnenlicht ; alles liegt hell und offen vor unsern Augen ; nichts steht im Schatten , damit etwas anderes desto stärker herausgehoben werde ; alles erscheint in seiner eigenen Gestalt und Farbe ; nichts vergrößert , nichts verschönert , sondern im Gegentheil jede so häufig sich anbietende Gelegenheit , das Außerordentliche und Wunderbare der Thatsachen durch Colorit und Beleuchtung geltend zu machen , geflissentlich vernachlässigt , und die Begebenheiten mit ihren Ursachen und Folgen , die Handlungen mit ihren Motiven und dem Drange der äußern Umstände so natürlich verbunden , daß das Wunderbarste so begreiflich als das Alltäglichste wird . Ein Maler oder Dichter , von welchem alles dieß gesagt werden könnte , würde schlecht dadurch gelobt seyn : aber was bei diesen Mangel an Genie und Kunst verriethe , ist , nach meinem Begriff , das höchste Lob des Geschichtschreibers . Xenophon hat es allen , die nach ihm kommen werden , schwer , wo nicht unmöglich gemacht , ihn hierin zu übertreffen . Nichts kann ungeschminkter , ja selbst ungeschmückter seyn als die naive Grazie seines Styls ; nichts einfacher und anspruchloser als seine Art zu erzählen ; nichts kaltblütiger und unparteiischer als seine Charakterschilderungen , die , bei aller Bestimmtheit und Schärfe der Zeichnung , doch so sanft gehalten und beleuchtet sind , daß jeder nachtheilige Zug ihm von der Wahrheit selbst wider Willen abgedrungen scheint . Uebrigens gestehe ich gern , daß alles , was ich der Anabasis hier zum Ruhme nachsage , schlechterdings erforderlich war , da der Verfasser im Grunde selbst der Held des Stücks ist , und also die Einfalt und Bescheidenheit , in welche er alles Große und Ruhmwürdige , was ihn die Wahrheit von Xenophon zu sagen nöthigt , einhüllt , wofern sie ihm nicht natürlich wäre , hätte heucheln müssen , um das Verdächtige und Verhaßte , das der Erzählung unsrer eignen Großthaten anzukleben pflegt , durch den Schleier der Grazien dem Auge der Tadelsucht und Mißgunst zu entziehen . Was mir dieses Buch so besonders lieb macht , ist die Sokratische Sophrosyne , die es von Anfang bis zu Ende athmet , und die in allem , was Xenophon sich selbst darin denken , reden und handeln läßt , so lebendig dargestellt ist , daß , indem ich lese , unzählige Erinnerungen in mir erwachen , welche seiner an sich schon so anziehenden Erzählung , durch tausend feine Ideenverbindungen und leise Beziehungen auf etwas , so ich ehemals an Sokrates wahrgenommen oder aus seinem Munde gehört , einen Grad von Interesse geben , den sie freilich nur für wenige haben kann . Indessen muß doch dieses in seiner Art einzige Buch auch für Leser , die kein näheres Verhältniß zu Sokrates hatten , immer eines der unterhaltendsten die unsre Sprache aufzuweisen hat bleiben , und ich müßte mich sehr irren , wenn es nicht noch in den spätesten Zeiten das Handbuch und der unzertrennliche Gefährte aller großen Feldherren werden sollte . In den letzten dreißig bis vierzig Jahren haben sich die Athener zu ihrem größten Schaden einer Menge wild und ohne alle Cultur aus dem Boden hervorgeschossener Heerführer anvertraut , die sich ' s gar nicht zu Sinne kommen ließen , daß Krieg führen und einem Kriegsheere vorstehen eine Kunst sey , welche viel Wissenschaft voraussetzt und eben so gut gelernt seyn will , wie irgend eine andere . Xenophons Anabasis wird hoffentlich solchen Autoschediasten13 ( wie Sokrates sie zu nennen pflegte ) die Augen öffnen , und ihnen einleuchtend machen , welch eine seltene Vereinigung großer ungewöhnlicher Naturgaben mit einer Menge erworbener Talente , welche Stärke und Erhabenheit der Seele , Geistesgegenwart , Mäßigung und Gewalt über sich selbst , welch ein behendes , festes in der Nähe und Ferne gleich scharf sehendes Auge , welche Sorge für die mannichfaltigen Bedürfnisse eines Kriegsheeres , welche Aufmerksamkeit auf die kleinsten Umstände , welche Voraussicht aller möglichen Zufälle , welche Fertigkeit die günstigen auf der Stelle zu benutzen , und was widrige geschadet haben , sogleich wieder gut zu machen , welche Geschicklichkeit die unter ihm stehenden Menschen zu prüfen , zu lenken , zu gewinnen , und mit weiser Strenge an einen eben so pünktlichen als willigen Gehorsam zu gewöhnen , mit Einem Worte , wie unendlich viel dazu gehöre , daß ein bloßer Freiwilliger , wie Xenophon war als er dem Cyrus seine Dienste anbot , sich in kurzer Zeit als einen so vollkommenen Feldherrn zeigen könne , wie er sich während dieses beispiellosen Unternehmens erwiesen hat , wo es um nichts Geringeres zu thun war , als ein Heer von zehntausend aus allen Theilen Griechenlands zusammengerafften Kriegern , die nichts als sich selbst und ihre Waffen hatten , aus dem Herzen des feindlichen Landes , durch eine lange Reihe barbarischer feindseliger Völker , über unzugangbare Gebirge und brückenlose Flüsse , einen Weg von mehr als 25000 Stadien in ihr Vaterland zurück zu führen . Uebrigens ist vielleicht der wichtigste Dienst , den er durch dieses Buch der ganzen Hellas geleistet hat , dieser : daß sie sich daraus überzeugen können , wie furchtbar sie den Barbaren durch ihr schwer bewaffnetes Fußvolk und durch ihre Disciplin und