Da wurde das Interesse traurig genug abgelenkt . Eine der Schülerinnen , ein blühendes , freundliches Geschöpf , bekam den Typhus und war in wenigen Tagen eine Leiche . Man hatte sie in der abgelegenen Krankenstube gepflegt , und niemand der Kinder durfte sie im Sarge sehen . Das Unschöne , Traurige sollte den jungen Wesen möglichst fern gehalten werden . Trotz dieser Vorsicht bekamen mehrere Schülerinnen Weinkrämpfe . In den Schlafsälen mußten die Lampen brennen bleiben , weil die meisten sich fürchteten , im Dunkeln zu schlafen . Auch Agathe war maßlos aufgeregt . Sie wurde von einem unnatürlich gesteigerten Verlangen geplagt , die Leiche zu sehen , ja sie zu berühren . Sie schämte sich über sich selbst , suchte sich zu beherrschen und las in ihrer Bibel den neunzigsten Psalm . Es war schon spät am Abend . Eugenie sprach noch mit der Engländerin und erzählte dieser , sie habe ihr Vokabelheft bei Klotilde liegen lassen und wolle noch hinüberlaufen , es zu holen , weil sie morgen früh daraus lernen müsse . Nach einigem Hin- und Herreden verschwand Eugenie . Es verging etwa eine Viertelstunde , dann kam sie zurück und schlüpfte in Agathes Kammer . “ Agathe , ” flüsterte sie weinend , “ wir haben Elsbeths Leiche gesehen . Ich mußte — ich wäre sonst gewiß auch krank geworden . ” “ Wie kann man denn ? ” fragte Agathe , sich aufrichtend . “ Die Krankenstube hat doch ein Fenster nach dem Flur — das steht offen , hinter dem Vorhang . Es brennt Licht drin . Sie war so schön — aber grausig ! Ach , Agathe , so jung zu sterben , ist schrecklich ! ” Die entzweiten Freundinnen fielen sich in die Arme und weinten zusammen , dann zog Agathe ihre Strümpfe an und warf ihre Röcke und ihren Regenmantel über . “ Ich will auch hin ! ” “ Ja — ein Stuhl steht in einer Ecke vom Flur . Du mußt darauf steigen . Warte erst noch , damit die Miß nichts merkt . ” In Furcht und Grauen schlich Agathe durch die dunklen Korridore des großen Hauses , eine Treppe hinab , eine andere hinauf , bis sie an das abgelegene Zimmer des Seitenflügels kam , wo der Sarg mit der jungen Elsbeth stand . Ein kühler Wind strich durch das Fenster und bewegte ihr Haar , als sie den Vorhang hob , ein merkwürdig schauerlicher Duft wehte ihr entgegen , die Lampe , die auf einem Tisch zur Seite brannte , warf einen klaren Schein gerade auf das Gesicht der Toten und auf die wächsernen Hände , die über der Brust gefaltet lagen . Als Agathe das ruhige , weiße Antlitz mit den geschlossenen Augen unter dem Schmuck des grünen Myrthenkranzes erblickte , wich ihre krankhafte Erregung und es wurde sehr still in ihr . Sie senkte den kleinen Vorhang und stieg mit schönen feierlichen Gefühlen wieder hinab . Sie faltete die Hände und lehnte sich gegen die Mauer . “ Lieber Gott , laß mich auch sterben , ” betete sie . Das Leben , auf das sie sich so freute , schien ihr wertlos im Vergleich zu dieser Ruhe . An Auferstehung dachte sie nicht . Sie wäre gern in dem Augenblick vergangen — im Nichts verschmolzen , doch ohne sich darüber klar zu werden . — — Die Traurigkeit und Todessehnsucht hielt lange bei ihr an . Auch als Eugenie sich ihr wieder näherte , machte sie das nicht mehr glücklich . Sommerferien auf dem Lande . . . Schwebt nicht ein Duft von Rosen und Erdbeeren vorüber ? Schäumende Milch , frisch aus dem Kuhstall ! — Körbe voll schwarzer und gelb-rotglänzender Kirschen ! — Kuchen , halb so groß wie der Tisch , mit einer dicken Butter- und Zuckerkruste — Honigscheiben , die vor neugierigen Augen dem Bienenstock entnommen werden . . . Und Sonne — Sonne — Sonne ! ! Fahrten durch die Felder , denen der kräftige Geruch des reifenden Kornes entströmt , durch Wälder , wo kleine braune Rehe eilig und furchtsam hinter fernen Baumstämmen hervoräugen . Auf offenem Ponywägelchen Vettern und Cousinen zusammengerüttelt und geschüttelt und überströmt von des Himmels unverhofft niederrauschendem Gewitterregen . Triefende Haarschöpfe und verdorbene Sommerhüte und selige , fröhliche , glühende , junge Gesichter ! Und liebes , heimliches Beieinanderhocken auf kleinen Ecksofas im Schatten altertümlich geschnitzter Schränke , so brüderlich und schwesterlich — und doch nicht ganz Bruder und Schwester . . . Das fanatische Krokettspielen auf dem großen Platz vor dem Hause — oft noch eine Revanche-Partie im Stockfinstern , bei der mangelhaften Beleuchtung einer Stalllaterne , die von den galanten Vettern von Reifen zu Reifen getragen wird . Das Tanzen zu der Begleitung einer gepfiffenen Polka durch den weiten , leeren Festsaal mit den Familienbildern aus der Empire- und Biedermannszeit . — Onkels und Tanten als wunderlich geputzte Kinder , welche Kaninchen und weiße Tauben in den Händen halten und von den Wänden herab dem Tollen einer neuen Jugend feierlich lächelnd zuschauen . Und vor allem die große Mittagstafel , bei der zuletzt von Onkel August ein Gesetz erlassen werden mußte : “ Hier wird gegessen , nicht gelacht . ” Aber dann hätte man den Vettern und Cousinen auch verbieten müssen zu sprechen , zu blicken , sich zu bewegen . Was war denn nur fortwährend so unsäglich komisch ? Agathes und Martins gemeinsames Schwärmen ? und die nüchternen Bermerkungen , welche Cousine Mimi dazwischen warf ? Die zierlichen Redewendungen der Kadetten , der Söhne von Onkel August Bär , oder die unnatürlich tiefe , pathetische Stimme , in der Agathes Bruder sich seit kurzem gefiel ? Man mußte eben lachen über alles und über gar nichts — den ganzen Tag lachen , bis man fast vom Stuhle fiel , bis die Mädchen mit thränenüberströmten Wangen und den seltsamsten Lachseufzern gegeneinander taumelten und die großen Jungen vor Vergnügen brüllten , sich auf die Schenkel schlugen und wie vom Veitstanz