, für Mutter und Bruder eine Existenz zu schaffen , und da war es wieder Onkel Treumann , der helfend eingriff . Er legte das Notariat zu Gunsten seines ältesten Neffen nieder , früher als es ursprünglich seine Absicht gewesen war , führte ihn in das Amt ein und erleichterte ihm in jeder Weise den Eintritt in den neuen Wirkungskreis . Daß der junge Jurist , der bereits als Verteidiger seinen ersten Lorbeer errungen hatte und von einer großen Zukunft träumte , das als den geistigen Tod ansah , kam dem Onkel nicht in den Sinn , aber er stand immer auf einer Art von Kriegsfuß mit ihm . Er hatte Ernst in Verdacht , mit einer geheimen Geringschätzung auf seine Umgebung und auf Heilsberg herabzublicken , und damit hatte dieser verspielt bei dem Herrn Notar , der das düstere , verschlossene Wesen Ernsts seit jener Katastrophe überhaupt unbegreiflich und undankbar fand . Die Sache war ja doch nun längst überwunden , man hatte ihm eine behagliche , gesicherte und ziemlich einträgliche Stellung verschafft – was wollte er denn noch mehr ? Der erklärte Liebling des Onkels war sein jüngster Neffe , den er um die Wette mit seiner Schwester verzog und verhätschelte . Er hielt ihn für ein Talent ersten Ranges , hegte die ungemessensten Erwartungen von seiner Zukunft und behandelte ihn schon ganz als künftige Größe . Max ließ sich das natürlich gefallen , der » Erbonkel « hatte ohnehin Anspruch auf seine Liebenswürdigkeit und hatte auch stets eine offene Hand für ihn , wenn er , wie gewöhnlich , nicht auskam . Da ließ er denn auch seinerseits diese Liebenswürdigkeit nicht vermissen , und die beiden standen auf dem allerbesten Fuß miteinander . Jetzt , wo Ernst auf zwei Tage nach Neustadt gefahren war , fühlte sich Treumann verpflichtet , dem Freunde seines Neffen die Honneurs von Heilsberg zu machen . Er schleppte ihn in der ganzen Stadt herum , zeigte ihm alles , natürlich auch die berühmte Folterkammer , und gab als Vorstand des historischen Vereins auch die nötigen Erklärungen . Er merkte es dabei gar nicht , daß der Major sich über ihn und sein Steckenpferd lustig machte , und nahm dessen ironische Bewunderung für bare Münze . So waren sie denn auch heute auf den Burgberg gestiegen , wo die Ruine des alten Schlosses lag . Der Herr Notar hatte die ganze Chronik des betreffenden Grafengeschlechts zum besten gegeben und war dabei so tief in das Mittelalter geraten , daß er sich gar nicht wieder herausfand , jetzt schloß er mit einer großartigen Handbewegung : » Ja , wir stehen hier auf historischem Boden ! Jeder Stein , jeder Fuß breit in und um Heilsberg zeugt von einer großen Vergangenheit . Das ist es , was wir voraushaben vor all den anderen Städten in der Provinz – wir sind durch und durch historisch ! « » Aber Neustadt hat die Bahn , « warf der Major etwas nüchtern ein , » und die Steinfelder Werke gehören ja doch auch dazu , damit hat es Heilsberg längst überflügelt . « Treumann , der noch im sechzehnten Jahrhundert schwelgte , tauchte urplötzlich daraus empor und war mit einem förmlichen Ruck mitten in der Gegenwart . » Neustadt ? « wiederholte er . » Ja freilich , das möchte sich jetzt als Großstadt aufspielen , weil es ein paar tausend Einwohner mehr hat . Lächerlich ! Kennen Sie dies Neustadt ? « » Nur als Bahnstation . Ernst hat mich dort erwartet , und wir sind hindurchgefahren . Ein stattlicher Ort ! « » Finden Sie das ? « fragte der alte Herr in sehr gereiztem Tone . » Nun , vor acht Jahren war es noch ein jämmerliches Oertchen , das gar nicht den Namen einer Stadt verdiente , bis es dem großmächtigen Herrn Ronald gefiel , seine Werke dort anzulegen , und dann setzte er natürlich auch die Bahn durch . Der setzt ja alles durch ! Stattlicher Ort ? Pah , Arbeiterbevölkerung , Menschen ohne Bildung – Kohlenstaub und Maschinenlärm – gemeines Alltagsleben – das ist Neustadt , und das ist gar nichts ! « Hartmut lächelte , er wußte bereits aus gelegentlichen Gesprächen , daß zwischen Neustadt und Heilsberg grimmige Fehde herrschte , die zum Glück nur theoretisch ausgefochten wurde . Die Neustädter verspotteten die » historischen Heilsberger « , und diese verachteten die » moderne Schwindelstadt « , wie sie den Nachbarort wegen seines schnellen Wachstums nannten . Der Herr Notar stand natürlich vorn im Kampfe , und seine sonst so freundlichen Augen leuchteten in einem förmlichen Ingrimm , als er fortfuhr : » Und Ernst ist schon wieder hinübergefahren , in Geschäften , wie er behauptet . Wenn ich nur wüßte , was das für Geschäfte sind ! Sie haben doch drüben ihre eigenen Notare und ihre eigene Gerichtsbarkeit . Werden nächstens noch Gesetze erlassen , die Herren Neustädter ! Aber aus dem Ernst ist nichts herauszubekommen , nicht das geringste . « » Vermutlich Privatangelegenheiten . Amtsgeheimnis – er kommt ja schon heut abend zurück . Haben Sie übrigens in der Zeitung gelesen , daß Ronald in diesen Tagen auf seinen Werken erwartet wird ? « » Natürlich habe ich es gelesen , die Zeitungen melden das ja so gewissenhaft , wie die Ankunft irgend einer Fürstlichkeit . Dieser Nabob , der schon die ganze Berliner Finanzwelt regiert , spielt ja auch in unserer Provinz den Pascha . Es ist die reine Paschawirtschaft bei ihm und seiner Umgebung . Wochenlang vorher muß man sich um die Gnade einer Audienz bewerben , stundenlang muß man im Vorzimmer warten , und wenn man ihn dann endlich zu sehen bekommt , dann wirft er einen hinaus – mich hat er auch hinausgeworfen ! « » O , wie kam er denn dazu ? « fragte der Major erstaunt . » Kennen Sie ihn denn überhaupt ? « Treumann schien nicht recht zu wissen , ob er die Begegnung , bei der er eine