sich zunächst nur für einen gewissen Theil dieser Umgebungen . Sie wußte , daß Georg Winterfeld täglich das Regierungsgebäude betrat ; es galt also die Möglichkeit einer öfteren Begegnung ausfindig zu machen , von der Georg behauptete , daß sie äußerst schwierig sei . Gabriele theilte diese Ansicht durchaus nicht , und ihre Recognoscirung war daher vorläufig nur auf die Entdeckung gerichtet , wo die Kanzlei des Freiherrn , in welcher der junge Beamte arbeitete , denn eigentlich liege . Dabei kamen ihr aber der kleine siebenjährige Knabe des Castellans und dessen Schwesterchen in den Weg , mit denen sie sofort Bekanntschaft machte . Die lebhaften , munteren Kinder erwiderten die Freundlichkeit der jungen Dame mit großer Zutraulichkeit , und bei der letzteren drängte die neue Bekanntschaft bald jeden Gedanken an ihren Entdeckungszug , und leider auch an den , dem er galt , in den Hintergrund . Sie ließ sich von den Kleinen in das Gärtchen ziehen , das hinter der Castellanswohnung , getrennt vom eigentlichen Schloßgarten , lag , sie bewunderte mit den Kindern die Gesträuche und Blumenbeete und wurde immer vertrauter mit ihnen ; nach kaum einer Viertelstunde war bereits ein mit dem nöthigen Lärm versehenes Spiel im Gange , bei dem Fräulein Gabriele genau ebenso viel leistete , wie ihre kleinen Spielgefährten . Sie sprang ihnen nach über die Beete und neckte sie auf alle nur mögliche Weise . So unpassend das nun auch für ein siebenzehnjähriges Fräulein und für die Nichte des Gouverneurs sein mochte , so reizend war der Anblick für einen unbefangenen Beobachter . Jede Bewegung des jungen [ 177 ] Mädchens war von einer unbewußten , natürlichen Grazie ; die schlanke Gestalt in dem weißen Morgenkleide gaukelte wie ein Lichtstrahl zwischen den dunklen Bäumen auf und nieder . Die eine der schweren , blonden Flechten hatte sich bei dem übermüthigen Spiel gelöst und sank in ihrer ganzen reichen Fülle über die Schulter , während das frohe Lachen und der Jubel der Kinder bis hinaus zu den Fenstern des Schlosses drang . Die dort stehende Baronin entsetzte sich freilich über diese Formlosigkeit , und das um so mehr , als sie sah , daß der Freiherr die Scene dort unten unverwandt beobachtete . Was mußte der stolze , etiquettenstrenge Raven von der Erziehung einer jungen Dame denken , die sich vor seinen Augen solche Freiheiten herausnahm ! Die Baronin fürchtete jeden Augenblick eine der gewohnten scharfen Aeußerungen ihres Schwagers vernehmen zu müssen und bemühte sich , den üblen Eindruck so viel wie möglich zu verwischen . „ Gabriele ist bisweilen noch unglaublich kindisch , “ klagte sie . „ Es ist ganz unmöglich , ihr begreiflich zu machen , daß sich dergleichen Kindereien für eine junge Dame ihres Alters nicht schicken . Ich fürchte beinahe ihren Eintritt in die Gesellschaft , der durch den Tod des Vaters noch um ein Jahr hinausgeschoben wurde . Sie ist im Stande , dergleichen Zwanglosigkeiten auch auf das Salonleben zu übertragen . “ „ Lassen Sie doch dem Kinde seine Unbefangenheit ! “ sagte der Freiherr , ohne den Blick von der Gruppe abzuwenden . „ Sie wird noch früh genug lernen , Weltdame zu sein ; jetzt wäre es wirklich schade darum – das Mädchen ist ja der verkörperte Sonnenstrahl . “ Die Baronin horchte auf . Es war das erste Mal , daß sie einen wärmeren Ton von den Lippen ihres Schwagers hörte und in seinem Auge etwas Anderes sah , als eisige Zurückhaltung . Er fand offenbar Wohlgefallen an dem Uebermuthe Gabrielens , und die lange Frau beschloß , das sofort zu benutzen , um über einen Punkt in ’ s Klare zu kommen , der ihr sehr am Herzen lag . „ Mein armes Kind ! “ seufzte sie mit gut gespielter Rührung . „ Es eilt noch so sorglos durch das Leben und ahnt nicht , welche ernste , vielleicht traurige Zukunft ihm aufbehalten ist . Ein armes Fräulein ! Das ist ein bitteres Loos , doppelt bitter , wenn man , wie Gabriele , mit Hoffnungen und Ansprüchen an das Leben erzogen ist . Sie wird es bald genug empfinden lernen . “ Das Manöver glückte wider alles Erwarten . Der sonst so unzugängliche Raven schien augenblicklich in ungewöhnlich nachgiebiger Stimmung zu sein , denn er wandte sich um und sagte rasch und bestimmt : „ Was sprechen Sie denn von einer traurigen Zukunft , Mathilde ? Sie wissen ja , daß ich kinderlos und ohne eigene Verwandte bin . Gabriele ist meine Erbin , und da kann von Armuth füglich nicht die Rede sein . “ Ein Blitz des Triumphes leuchtete in den Augen der Baronin , als sie endlich die so lang ersehnte Gewißheit erhielt . „ Sie haben sich bisher noch nie über diesen Punkt ausgesprochen , “ bemerkte sie , mühsam ihre Freude verbergend , „ und ich wagte ihn begreiflicher Weise nicht zu berühren . Die ganze Sache lag mir überhaupt so fern – “ „ Sollten Sie wirklich noch niemals den Fall meines Todes und mein Testament in den Kreis Ihrer Erwägungen gezogen haben ? “ unterbrach sie der Freiherr – er ließ seinen vorhin unterdrückten Sarkasmus jetzt vollständig den Zügel schießen . „ Aber , bester Schwager , wie können Sie so etwas nur glauben ! “ rief die Dame mit beleidigter Miene . Er beachtete den Empörungsschrei nicht im Geringsten , sondern fuhr ruhig fort : „ Hoffentlich haben Sie nicht mit Gabriele darüber gesprochen “ – er wußte nicht , daß dies beinahe täglich geschah – „ ich wünsche nicht , daß ihr jetzt schon gelehrt wird , sich als reiche Erbin zu betrachten , und noch weniger wünsche ich , daß das siebenzehnjährige Mädchen mein Testament und mein Vermögen zum Gegenstand von Berechnungen macht , die ich von – anderer Seite sehr natürlich finde . “ Die Baronin stieß einen Seufzer aus . „ Immer und ewig finde ich bei Ihnen Mißdeutungen . Sie verdächtigen sogar die Regungen der Mutterliebe ,