man von vielen Seiten doch keineswegs als mustergültig anerkennen . Es wurde Manches von einem gewissenlosen Ausbeutungssysteme geredet , das , nur darauf berechnet , den Reichthum des Besitzers zu mehren , nicht die mindeste Rücksicht auf das Wohl und Wehe der Menschenkräfte nahm , die es sich dabei dienstbar machte , von willkürlichen Uebergriffen der Beamten , von gährender Unzufriedenheit der Arbeiter – indessen , das war und blieb mehr oder weniger Gerücht , da die Colonie selbst ja zu fern lag . Thatsache war und blieb dagegen , daß sie eine nahezu unerschöpfliche Quelle des Reichthums für ihren Eigenthümer bildete . Freilich mußte ein Jeder zugestehen , daß die Ausdauer , die Zähigkeit und das industrielle Genie dieses Mannes mindestens ebenso groß waren wie seine Gewissenlosigkeit . Aus den ärmlichsten Verhältnissen hervorgegangen , von der Woge des Lebens emporgehoben und wieder herabgeschleudert , war es ihm schließlich doch gelungen , sich auf der Höhe zu behaupten , und jetzt nahm er dort schon seit Jahren die unbestrittene Stellung eines Millionärs ein . Freilich schien sich auch während dieser letzten Jahre das Glück unwandelbar an seine Ferse zu heften ; so oft er es auch auf die Probe stellte , es blieb ihm treu , und wo es sich um das bedenklichste Unternehmen , um die gewagteste Speculation handelte , sie glückten , sobald seine Hand die Leitung übernahm . Berkow war früh Wittwer geworden und zu keiner zweiten Ehe geschritten ; sein rastloser , immer nur auf Speculation und Erwerb gerichteter Charakter empfand die Häuslichkeit eher als eine Fessel , denn als eine Erholung . Sein einziger Sohn und Erbe wurde in der Residenz erzogen , und es war denn auch , was Hofmeister , Lehrer in allen Fächern , Universitätsbesuch und Reisen betraf , nichts in seiner Erziehung gespart worden . Von einer eigentlichen Vorbildung für seinen Beruf als künftiger Chef und Leiter so großartiger industrieller Unternehmungen verlautete dagegen nichts . Herr Arthur zeigte eine entschiedene Unlust , irgend etwas zu lernen , was nicht zur fashionablen Ausbildung gehörte , und der Vater war viel zu schwach und viel zu eitel auf die von seinem Sohne zu spielende glänzende Rolle , zu deren Ermöglichung und Behauptung er mit Freuden Tausende hergab – um ernstlich auf eine tiefere Ausbildung desselben zu dringen . Im schlimmsten Falle gab es ja immer noch fähige Beamte genug , deren technische und mercantilische Kenntnisse man sich für hohes Gehalt dienstbar machen konnte . So kam denn der junge Erbe kaum einmal des Jahres nach den Besitzungen in der Provinz , wo er sich jedesmal tödtlich langweilte , während der Vater , der allerdings auch zeitweise in der Residenz lebte , sich doch die Oberleitung des Ganzen vorbehielt . Das Wetter hatte den Landaufenthalt des jungen Ehepaares bisher noch nicht besonders begünstigt . Die Sonne machte sich selten in diesem Frühjahre ; heute endlich schien sie nach langen Regentagen einmal wieder klar und warm herab , als wolle sie auch ihrerseits den Sonntag begrüßen . Die Schachte waren leer und die Werke feierten , aber trotz der Sonntagsruhe und trotz des lachenden Sonnenscheins schien doch etwas von dem düster einförmigen Charakter der Gegend auf der ganzen Colonie zu liegen . In all ’ diesen zahlreichen , allein nach dem starren Princip der Nützlichkeit aufgeführten Bauten und Wohnhäusern gab sich auch nicht der leiseste Sinn für Verschönerung oder für Bequemlichkeit der Betheiligten kund . Daß dieser Sinn dem Besitzer nicht überhaupt mangelte , davon legte dessen eigenes Landhaus Zeugniß ab , das man absichtlich eine Strecke von den [ 39 ] Werken entfernt , mit der vollen Aussicht auf die Waldberge gebaut hatte , und das , außen und innen mit einem wahrhaft fürstlichen Luxus ausgestattet , mit seinen Balcons , Terrassen und Blumenanlagen wie eine Oase voll Duft und Poesie inmitten dieser Stätte der Industrie lag . Das in unmittelbarer Nähe der Schachte gelegene Häuschen des Schichtmeisters Hartmann verrieth schon durch sein Aussehen , daß sich der Eigenthümer desselben einer besonders bevorzugten Stellung erfreute , und so war es auch in der That . Hartmann hatte , noch als junger rüstiger Bergmann , ein Mädchen geheirathet , das im Dienste der verstorbenen Frau Berkow stand und sich der ganz besonderen Vorliebe ihrer Herrin erfreute . Die junge Frau blieb selbst nach ihrer Verheirathung noch mehr oder weniger in Beziehung zu der ehemaligen Herrschaft , und in Folge dessen wurde auch ihr Mann in jeder Weise begünstigt und bevorzugt , von Posten zu Posten geschoben und endlich sogar zum Schichtmeister befördert . Freilich hörten diese Beziehungen und Begünstigungen auf , als Frau Berkow starb ; ihr Gatte war nicht der Mann , sich um ehemalige Angehörige seines Haushalts viel zu kümmern , und als Hartmann ’ s Gattin bald darauf gleichfalls mit Tode abging , war vollends nicht mehr die Rede davon . Indessen der Schichtmeister hegte von jener Zeit her noch immer eine große Anhänglichkeit an die Berkow ’ sche Familie , der er seine jetzige sorgenfreie Stellung verdankte , während er sonst wahrscheinlich , wie so viele seiner Cameraden , nie über die mühselige , kärglich lohnende Schachtarbeit hinausgekommen wäre . Er hatte bereits vor mehreren Jahren seine verwaiste Schwestertochter , Martha Ewers , in ’ s Haus genommen , die ihm die Hausfrau reichlich ersetzte ; zur Erfüllung seines geheimen Wunsches aber , daß aus ihr und seinem Sohne einmal ein Paar werden möchte , hatte sich bisher noch wenig Aussicht geboten . An diesem Sonntag-Morgen war das sonst so friedliche Häuschen der Schauplatz einer ziemlich erregten Scene , wie sie jetzt leider zwischen Vater und Sohn nicht mehr zu den Seltenheiten gehörten . Der Schichtmeister , in der Mitte der kleinen Stube stehend , sprach mit vollster Heftigkeit auf Ulrich ein , der , soeben aus der Wohnung des Directors zurückgekehrt , stumm und finster an der Thür lehnte , während Martha , die etwas seitwärts stand , mit unverhehlter Besorgniß die Streitenden beobachtete . „ Hat man je so