werden Sie auch dereinst ruhig auf Ihrer Pfarre sterben , während Pater Benedict – nun , ich mag nicht zum Propheten werden . Lassen Sie uns gehen , soeben läutet die Mittagsglocke . Ich will sehen , daß ich Ihnen nach der Tafel die gewünschte Audienz beim Prälaten auswirke . “ [ 37 ] Die große , aus mehreren nebeneinanderliegenden Gütern bestehende Herrschaft Dobra war fast ein Jahrhundert lang in den Händen einer alten , reichen Adelsfamilie gewesen . Aber der Reichthum hatte mit der Zeit mehr und mehr abgenommen , und endlich war der letzte Rest desselben durch schlechte Bewirthschaftung und unsinnige Verschwendung , die , wie das meist zu geschehen pflegt , mit äußeren Unglücksfällen Hand in Hand gingen , dahingeschmolzen . Der letzte Graf Seltenow vermochte die über und über verschuldeten Besitzungen nicht mehr zu halten , und da bei dem notorisch schlechten Zustande derselben und den Anforderungen der Gläubiger , die sofortige Deckung verlangten , sich lange Zeit hindurch kein Käufer fand , so gelangten sie endlich für einen Preis , welcher allerdings gleichbedeutend mit dem Ruin des Grafen war , in die Hände eines Fremden , der wie vom Himmel geschneit plötzlich mitten unter die Großgrundbesitzer des Landes fiel , die in dieser Gegend ausschließlich aus dem hohen Adel und der Geistlichkeit bestanden . Man wußte von diesem Günther eigentlich nichts weiter , als daß er bürgerlich und protestantisch sei ; aber diese beiden Eigenschaften waren hinreichend für die gesammte Nachbarschaft , um sofort Front gegen ihn zu machen . Er ward als nicht umgangsfähig erachtet , und man beschloß , ihm dies bei der ersten Gelegenheit ein für alle Mal fühlbar zu machen . Leider blieb diese so sicher erwartete Gelegenheit gänzlich aus , denn der neue Besitzer unternahm auch nicht das Geringste , was einem Annäherungsversuche ähnlich sah . Er machte weder die üblichen Besuche , noch suchte er überhaupt Umgang , ignorirte vielmehr die ganze vornehme Nachbarschaft so vollständig und beharrlich , daß diese ganz folgerichtig anfing , sich jetzt mit ihm zu beschäftigen , und in der That bot Dobra ihr Anlaß genug dazu , denn die neuen Schöpfungen wuchsen dort in nie geahnter Schnelle und Großartigkeit förmlich aus der Erde hervor . Der neue Gutsherr entwickelte eine so rastlose Thätigkeit , einen so riesigen Unternehmungsgeist und verfügte dabei augenscheinlich über so bedeutende Geldmittel , daß das anfängliche Achselzucken sich allmählich in Neugierde , dann in Staunen und zuletzt in Bewunderung verwandelte . Dazu kam , daß die ganz neue Art der Bewirthschaftung in dem Boden und den Wäldern Dobras Reichthümer zu Tage förderte , die Niemand dort geahnt und folglich auch Niemand nutzbar gemacht hatte ; kurz , noch war kein Jahr vergangen , da hatte sich die Sachlage total verändert und es konnte den Gütern , denen man achselzuckend auch den Ruin des jetzigen Besitzers prophezeit , eine bedeutende Zukunft nicht abgesprochen werden . Günther hatte in der That Recht , wenn er seine Güter „ eingekeilt zwischen Clerus und Aristokratie “ nannte : das Gebiet des Stiftes einerseits und das von Schloß Rhaneck andererseits grenzten unmittelbar daran , allerdings die vornehmste Nachbarschaft der ganzen Umgegend , denn die beiden Grafen , welche den Namen Rhaneck trugen , der Prälat und der jetzige Majoratsherr , nahmen dort unbestritten den ersten Rang ein . Es war ein altes , reiches und mächtiges Geschlecht , dem sie entstammten , und es hatte sich , im Gegensatz zu manchen anderen Standesgenossen , die in der Neuzeit und an ihr zu Grunde gingen , diese Macht und diesen Reichthum zu bewahren gewußt , Dank einem alten Familiengesetz , das die Heirathen der jedesmaligen Stammhalter in einer Weise vorschrieb und regelte , die den Glanz des Hauses , das zu vertreten sie berufen waren , nur noch mehr hob und befestigte . Auch Graf Ottfried hatte sich diesem Herkommen gefügt , oder fügen müssen , bei seiner Vermählung , die ziemlich spät erfolgte . Als jüngster Sohn des Hauses hatte er keinen Anspruch auf die Familiengüter und stand als Officier im Dienste eines anderen Staates , als der plötzliche und unerwartete Tod seines ältesten Bruders – der zweite war von Kindheit an der Kirche geweiht und hatte bereits die Klostergelübde abgelegt – ihn zum Majoratsherrn machte . Kurze Zeit darauf heirathete er und zwar eine der reichsten und vornehmsten Erbinnen des Landes . Es war eine Convenienzehe , die , von beiden Seiten ohne Neigung und ohne Widerwillen geschlossen , beide gleich kalt ließ , aber über etwaige Differenzen half die vornehme Art zu leben hinweg . Man erwies sich vor der Welt die nöthigen Rücksichten , im Uebrigen ging ein jedes von den Gatten seinen eigenen Weg , und man war und blieb sich fremd , ohne jemals einander nahe zu kommen . Von mehreren Kindern , die alle im zarten Alter starben , war nur eins übrig geblieben , der junge Graf Ottfried , der als dereinstiger Majoratsherr und Erbe von Rhaneck schon jetzt eine bedeutende Rolle spielte und gegenwärtig als Officier in der Residenz stand , wo auch sein Vater , der längst aus dem fremden Dienst in den seines eigenen Souverains übergetreten war , eine hervorragende und einflußreiche militärische Stellung einnahm . Letzteres war auch der Grund , weshalb die gräfliche Familie den größten Theil des Jahres in der Residenz zubrachte , Rhaneck [ 38 ] wurde nur in den Sommermonaten benutzt . Es war eine jener malerischen , aber für die Entfaltung eines großen und glänzenden Haushaltes ziemlich unbequemen alten Burgen , an die man Jahre des Baues und Hunderttausende an Kosten verschwendet hatte , um sie möglichst historisch zu restauriren , und damit ein romantisches Stück Mittelalter mitten in die Neuzeit zu versetzen . Doch der Graf liebte es als das Stammschloß seiner Familie , vielleicht auch wegen der unmittelbaren Nachbarschaft seines Bruders , und so war er denn auch diesmal , in Begleitung seiner Gemahlin , zu dem gewöhnlichen Sommeraufenthalt hier eingetroffen , und auch der junge