: Rudolf pflegte sonst nach solchem Gange » zur Herzerfrischung « , wie er sagte , sie für eine Weile aufzusuchen , sich ein paar Worte oder auch nur einen Händedruck von ihr zu holen ; und jetzt kam es ihr plötzlich , daß er auch vorhin so jäh und ohne beides von ihr fortgegangen sei . Noch einige Minuten stand sie horchend , ob nicht die eben geschlossene Tür sich wieder öffnen möge ; dann legte sie die Geschirre , die sie in der Hand hielt , fort und ging nach Rudolfs Zimmer . Es schien völlig still da drinnen ; als sie die Tür öffnete , fand sie ihn mit aufgestütztem Kopf an seinem Schreibtisch sitzen . Sie setzte sich an seine Seite und nahm seine Hand , die er ihr schweigend überließ ; erst als sie den Druck derselben in der ihren fühlte , sprach sie leise : » Was war ' s denn , Rudolf ? Warum gingst du mir vorüber ? Brauchst du heute keine Herzerfrischung , oder mißtrauest du schon meiner armen Allmacht ? « Dem Drängen dieser liebevollen Stimme widerstand er nicht ; ihm war ja auch nichts Übles widerfahren ; im Gegenteil , sein Bericht hatte den Grafen in die wohlwollendste Laune versetzt ; er hatte von dem notwendigen Abgange des altersschwachen Oberförsters gesprochen : schon jetzt werde Rudolf die Geschäfte und , sobald die Pensionsverhältnisse des Abgehenden geordnet wären , auch dessen höhere Stelle endgültig übernehmen müssen . Ein Laut freudiger Überraschung entfuhr bei dieser Mitteilung dem Munde der jungen Frau . » Wie schön ! « rief sie , stolz zu ihrem Mann emporblickend ; » und dies Vertrauen , das du dir so bald erworben hast ! « Rudolf drückte den blonden Kopf seines Weibes gegen seine Brust , nur damit die glücklichen Augen nicht in seinem Antlitz forschten ; denn – wie sollte er nun das Weitere sagen ? Schon seine bisherigen Pflichten lagen seit dieser Morgenstunde wie eine Angst ihm auf dem Herzen ; bei dem Vorschlage des Grafen hatte es wie ein unübersteiglicher Berg sich vor ihm aufgetürmt ; und statt eines freudigen Dankes hatte er nur zu einem Versuch bescheidenen Abwehrens sich ermannen können . Aber dieser Versuch war vergeblich gewesen ; der Graf hatte nur gelächelt : » Mein junger Freund , nicht nur l ' appétit vient en mangeant ; es geht auch in andern Dingen so ; ich selber habe nicht gewußt , was ich zu leisten vermochte , bis ich gezwungen wurde , es zu wissen . « Auf seine verwirrte Erwiderung : » Exzellenz ehren mich zu sehr mit einem solchen Vergleiche « , war ihm dann nur geantwortet : » Nun , nun , Herr Förster , ein jeder in seinem Kreise ! Ich werde Sie denn doch vor solche Probe stellen müssen . « Während dieser Vorgang sich ihm peinlich in der Erinnerung wiederholte , hatte Anna sich aus seinen Armen losgewunden . » Du ! « rief sie , » wie lange willst du mich gefangenhalten ! « Dann stand sie aufgerichtet vor ihm : » Aber du bist nicht froh , Rudolf ; noch immer nicht ! Und ich dachte schon an einen Jubelbrief nach Hause . « Eine demütigende Scham überkam ihn , aber zugleich ein Drang , vor diesen klaren Augen zu bestehen . » Schreibe nur deinen Brief « , sagte er aufstehend ; » es wird zwar aller meiner Kraft bedürfen ; aber – ja , Anna , Dank , daß du gekommen bist . « Kurz darauf waren aus der Oberförsterei ein großer Aktenschrank und ganze Karren von Aktenbündeln angelangt und in Rudolfs Zimmer untergebracht ; auch eine Kammer für einen Schreibgehülfen hatte Anna einrichten müssen . Rudolf selber saß jetzt meistens in die Nacht hinein bei seiner Arbeit ; selbst am Sonntage , zum Kirchgang , riß er sich erst im letzten Augenblicke los ; ja , wenn Anna während des Gottesdienstes zu ihm aufblickte , glaubte sie eher arbeitende Gedanken als Andacht auf seinem Gesicht zu lesen . Im Hause über Tag sah sie ihn fast nur bei den Mahlzeiten , die er möglichst rasch beendete , und sosehr er oftmals einer Herzerfrischung zu bedürfen schien , er kam immer seltener , sie bei ihr zu suchen . So mußte sich die junge Frau denn wohl gestehen : was ihres Mannes Stirn umwölkte , war etwas andres , als was der wechselnde Tag zusammentreibt und wieder auseinanderweht . Aber aus welchen ihr unbekannten Abgründen war das aufgestiegen ? War es noch rückgebliebener Schatten jener Krankheit , die er bei dem Besuch im Elternhause kaum erst überstanden hatte , oder war dies sein eigenstes Wesen , das sich jetzt ihr offenbarte ? Zwar , die Last der Arbeit dauerte fort ; aber an der ausreichenden Kraft des geliebten Mannes auch nur entfernt zu zweifeln konnte ihr nicht einfallen ; tat das doch auch der Graf , der scharfblickende Menschenkenner , nicht . Sie konnte sich keine Antwort geben ; Rudolf selbst aber , wenn sie offen ihn befragte , schob alles auf die überkommene doppelte , ja dreifache Arbeit und vertröstete sie auf die Zeit , wenn erst die von dem kranken Vorgänger angehäuften Reste abgearbeitet sein würden . Ließ sie ungläubig dennoch nicht mit Bitten nach , dann sah sie Qual und Zärtlichkeit so bitterlich auf seinem Antlitz kämpfen , daß sie jäh verstummen mußte . So schwieg sie denn auch ferner und suchte nur , wo sie es immer konnte , ihm zu bringen , was er nicht mehr von ihr zu holen kam . Das Nachtarbeiten war allmählich zur Regel geworden ; aber Frau Anna ließ ihn nicht allein ; auch für sie gab es ja , wenn sie wollte , Arbeit genug . » Bei unseren neuen Amtsgeschäften « – so hatte sie der Mutter nach Haus geschrieben – » haben wir hier einen langen Tag ; schickt mir nur alle euere Winterwolle , denn alle