Hutes das Haupthaar so kurz geschoren , wie es nur immer Frau Benedikte einst dem kleinen Junker Detlev zugedacht haben mochte . Als er sein Pferd einem herbeigerufenen Jungen übergeben hatte und nun die Freitreppe zum Hause hinaufschritt , wurden in einem Leibgurt unter seinem Mantel ein Paar Pistolen sichtbar , deren Schlösser nach der neuesten Erfindung und außerdem von besonders kunstvoller Arbeit zu sein schienen . In höflichen , aber knappen Worten frug er die auf dem Flur ihm entgegentretende Schloßfrau nach ihrem Eheherrn und wurde von dieser , während ihre Augen eine behende Musterung an ihm vollzogen , in das Oberhaus hinaufgewiesen . Droben , in einem sonst nicht benutzten Zimmer , saß Herr Hennicke schon seit dem frühen Morgen rechnend und vergleichend über den alten Papieren von Eekenhof ; in der einen Hand die Feder , in der anderen den großen , seltsam geformten Doppelschlüssel , der dort alle Türen öffnete und schloß . Eben stützte er den Kopf , um von der ungewohnten Arbeit auszuruhen , und starrte mit heiterem Antlitz in den öden Raum , der außer ein paar wurmstichigen Archivschränken keine Ausstattung an den getünchten Wänden aufzuweisen hatte . In seinen Gedanken mochte er zwei Gräber vor sich sehen ; auf dem schweren Leichenstein des einen eine hagere Frauengestalt mit fest geschlossenen Händen und darüber den Namen » Benedikte « eingemeißelt ; das andere ohne Namen , fern überm Ozean , unfindbar von fremdem Kraut und Ranken überwuchert . Da pochte es an die Tür , und als er , auffahrend , das Willkommswort gerufen hatte , trat der Fremde zu ihm ein . Frau Benedikte war unten an dem Treppenaufgang stehengeblieben ; aber sie mühte sich vergebens , zu erhorchen , was droben hinter der dicht verschlossenen Tür verhandelt wurde . Einmal freilich war ein Geräusch , als würde ein schwerer Stuhl erschüttert , wie wenn etwa die Lehne von unsicherer Hand umklammert würde . Danach aber vernahm sie nur den ruhigen Laut einer jungen Stimme , welcher die düstere ihres Eheherrn zu antworten schien . Schon war sie des vergeblichen Horchens müde , da wurde droben die Tür geöffnet , und sie hörte den jungen Kaufherrn , während er hinaustrat , sagen : » Prüfet nur , Ihr werdet alle Schriften und Sigille richtig finden ; vor allem aber denket , wenn ich morgen wiederkehre , daß Ihr mit keinem Fremden unterhandeln sollt ! « Ein Hustenanfall , den sie vergebens zu ersticken suchte , trieb Frau Benedikte von ihrem Posten ; der Reiter aber , der schon gegen die Treppe zugeschritten war , zu welcher der Hausherr ihn nicht geleitet hatte , ging jetzt rasch hinab und unten über den Hausflur nach dem Hof hinaus . Als ein Windhauch seinen Mantel blähte , waren darunter in dem Leibgurt die kostbaren Pistolen nicht mehr sichtbar ; irgend etwas , sei es ein bestehendes Verhältnis oder ein einst Geschehenes , mochte ihn veranlaßt haben , dieselben bei seiner Verhandlung mit dem Gutsherrn abzulegen und auch später nebst gewissen Schriften dort zu lassen . Seine Gedanken wie sein Pfad führten ihn nach einem alten einsamen Hause ; vielleicht auch , daß er nach den eben verlaufenen Kriegszeiten die dort wohnenden Frauen zu erschrecken fürchtete , wenn er in Waffen zu ihnen einträte . Herr Hennicke aber in seinem Archivzimmer sah noch mit stumpfen Blicken auf die zurückgelassenen Papiere , als sich von draußen die Stiege herauf Frau Benediktes Hüsteln hören ließ . Sie hatte vom Fenster aus dem Fremden nachgespäht , sie hatte ihn im Hofe sein scheckiges Roß besteigen und dann durch das Torhaus auf die Heerstraße hinausreiten sehen ; aber des Mannes Antlitz und Gewandung war ihr unbekannt geblieben . Nun trat sie atemlos zu ihrem Eheherrn in die Stube . » Rechnest du noch immer um dein neues Erbgut ? « frug sie scharf . Er stieß ein Lachen aus . » Was willst du ? « entgegnete er kurz . » Du hattest Besuch « , sprach sie ; » sag doch , wer war ' s denn ? « Herr Hennicke sah sie mit düsteren Augen an . » Geh « , sagte er , » ich brauch hier keine Weiberzungen . « Aber sie forschte weiter : » War ' s etwa einer von den Lübischen Stadtjunkern , bei denen du in der Kreide stehst ? Mach dir auf meine Gülten keine Rechnung ! « Herr Hennicke war aufgesprungen und tat einen dröhnenden Faustschlag auf den Tisch . » Ein Stadtjunker , Frau Benedikte ? – Beim Teufel , ich gäbe dich mitsamt deinem Hof darum , so es einer von dem Krämervolk gewesen wäre . Da lies ! « rief er und schob ihr eines der Papiere zu . » Du sollst auch deine Freude haben ! « Und Frau Benedikte nahm es und durchwanderte Zeil um Zeile mit ihren nackten Augen ; dann , als sie ausgelesen hatte , legte sie es auf den Tisch und sagte : » Du wirst ein Lump , Herr Hennicke , aber nicht der erste , der aus seines Weibes Hand gefüttert wurde . « Einige Augenblicke war es totenstill im Zimmer . Als aber Frau Benedikte den Blick auf ihres Eheherrn Antlitz wandte , tat sie einen gellen Schrei und streckte jählings die Hände über ihren Kopf , als gälte es , sich vor Mord zu schützen . Und doch hatte Herr Hennicke kein Glied gerührt ; ja , seine Arme hingen wie gelähmt an seinem Leibe ; es waren nur die Augen , vor denen sich das Weib erschrocken hatte , worin es wie aus einem Abgrund aufgestiegen war . » Was schreist du ? « sagte er ; aber es war , als wollten die Worte aus dem trockenen Halse nicht heraus . » Lies noch einmal , so wirst du sehen , daß die Schrift gefälscht ist ! Ich habe den Betrüger fortgejagt ; er wird sich hüten , zum zweiten Mal zu kommen . «