diesem kalten und harten Steine niedergeworfen . Mein Herzblut ist durch diese Rinne niedergelaufen , wie einst das Blut der fränkischen Gefangenen aus dem Heerbann des Kaisers Karl durch dieselbe niederrieselte . Übrigens bin ich allein und will allein sein . Gehen Sie , bester Herr , ich verstehe Ihre Gefühle , Ihre gute Gesinnung gegen mich vollkommen , und wir wollen auch sicherlich einander treu im Gedächtnis behalten – leben Sie wohl , Philipp Kristeller . ‹ Das war kühl und abstoßend genug , aber ich war auch Psycholog genug , um zu wissen , aus welchem ganz anders bewegten Grunde dieser Ton heraufquoll . Es ging nicht an , den Unglücklichen vor das Gericht der Eigenliebe zu ziehen und mit einem : So empfehle ich mich denn höflichst – umzudrehen und geärgert nach Hause zu laufen . › Es ist ja möglich , daß wir heute für immer Abschied voneinander nehmen müssen ‹ , sagte ich , › aber weshalb sollen wir es denn in dieser Art tun ? ‹ Da brachen dem anderen die Tränen aus den Augen . › Nein , nein ‹ schluchzte er , › du hast recht , es ist doch nicht die rechte Art ! ‹ Er warf mir die Arme um den Hals und küßte mich und schien mich nun nicht von sich lassen zu können . › Lebe denn wohl , du Guter – denke nur an mein Elend und nichts anderes an mir ! Sieh mir nicht nach ; du sollst noch einmal von mir hören , Philipp ! Lebe wohl , lebe wohl ! ‹ So hielten wir uns lange , und dann schieden wir in der Tat voneinander . Ich habe ihn nicht wiedergesehen ; aber gehört habe ich freilich noch einmal von ihm ; – er hat mir einen Brief geschrieben ; und ich bin seit dreißig Jahren der Besitzer der Apotheke › Zum wilden Mann ‹ ! « Sechstes Kapitel Der Pastor und der Förster hatten sich auf ihren Stühlen zurückgelehnt und blickten nach der Decke . Die Schwester hatte die Hände im Schoße zusammengelegt und sah auf den Bruder ; man hörte den Sturmwind einmal wieder recht deutlich , und nachdem man lange genug geschwiegen hatte , sprach der Förster , wie es schien , um etwas zu sagen : » Es wird jetzo auch um den Blutstuhl tüchtig pfeifen und sausen . « Sonderbarerweise fügte er dann hinzu : » Einunddreißig Jahre sind eine lange Zeit ! « » Freilich ! « der geistliche Herr , wendete sich dann an den nachdenklichen Hausherrn und fragte : » Und Sie haben gar keine Ahnung , was er seines Zeichens war und wie er eigentlich hieß ? « » Entschuldigen Sie , meine Herren « , erwiderte Herr Philipp Kristeller und ging zum letztenmal in dieser Nacht , um seinen Archivschrank in seiner Offizin zu öffnen . Mit einem einzelnen Briefe in einer weiten , sonst leeren Hülse kam er zurück , reichte das mit mehreren Poststempeln und fünf abgebröckelten Siegeln bedeckte Kuvert dem Förster Ulebeule und den Brief dem Pastor Schönlank , setzte sich langsam , legte die Hand über die Augen , brachte seine Pfeife von neuem in Brand und wartete ruhig die Wirkung der Papiere auf die Hausfreunde ab . » Inhalt – neuntausend – fünfhundert Taler in Staatspapieren ! « murmelte der Förster . » Frei ! – Herrn Philipp Kristeller ! – « » Sehr wunderbar ! « rief der Pfarrer seinerseits , das Begleitschreiben überfliegend . » In der Tat ein seltsamer Brief ! Eine rätselhafte , mysteriöse Sendung ! « » Zum Henker , so lesen Sie doch laut ! « rief der Förster , und der Pastor las laut : » Ein Mann , der den Willen hat , sein Leben von vorn anzufangen , entledigt sich hier seiner schwersten und verdrießlichsten Last und schickt dem Freunde das einliegende Geld . Es verschwindet einer und hinterläßt keine Spur ; es ist unnötig und vergeblich , ihm nachzuforschen und nachzurufen . O Philipp und Johanne , nehmt , was ihn nur niederziehen würde in die Tiefe . Gründet ein Haus , das feststeht und glückliche , fröhliche Kinder in seinen Mauern aufwachsen sieht . Lebt wohl , ihr guten Freunde – lebt wohl ! – Philipp Kristeller , es grüßt dich – auf dem Wege zurück zu den Menschen , der Narr vom Blutstuhl . Hamburg , am 30. Oktober 183 – « Der Pastor legte den Brief stumm auf den Tisch , Ulebeule schlug auf den Tisch , daß sämtliches Gerät emporhüpfte und die Gläser scharf und bedrohlich zusammenklirrten : » Donnerhallo ! Na , das muß ich sagen ! na , da bitte ich zu grüßen ! « » Und Ihr habt , selbst mit diesem Schreiben in der Hand , damals nicht gemeint , dieses alles zu träumen , alter Freund ? « fragte der Pastor . » Tagelang , wochenlang bin ich wie ein Träumender umhergegangen , nicht nur mit dem Briefe , sondern auch mit dem Gelde in der Hand . Und es waren die nüchternsten Staatspapiere und Landesschuldverschreibungen von verschiedener Herren Ländern ! Sie verwandelten sich nicht über Nacht in gelbe Klettenblätter – sie gingen mir nicht vor der Nase in gespenstischem Dampfe auf ; – sie waren echt und hatten ihren Kurs , und die Bankiers waren gern erbötig , mir sie umzutauschen oder umzuwechseln ! Ich aber trug sie nebst dem Briefe zu meiner Braut und fragte die , wie ich mich gegen dieses alles zu verhalten habe – den guten Onkel ging ich fürs erste noch nicht um seinen guten Rat an . Auch Johanne hatte natürlich zuerst eine Art von Schrecken zu überwinden ; dann aber sagte sie mir verständig und ruhig ihre Meinung , und ich bin derselben gefolgt . › Dein Freund hat mir leid getan und ein Bangen erregt durch sein Wesen ; aber nie ein Grauen , als ob er ein schlechter , ein