und der Alte seinem Grundsatze : Give the world its due in bows , nach , hob mit wütendster Höflichkeit den seinigen gleichfalls von der breiten Stirn , schritt kurz und schnell weiter dem zornwütigen Sachsenhausen zu und schnurrte das Wort : » Bipes ! « indem er wie zu seiner Selbstberuhigung und Besänftigung hinzufügte : » Die Klötze werden es nicht lernen , nach rechts auszuweichen ! « Der Legationsrat Alexius von Nebelung vernahm im Weitergehen diese Bemerkung ganz wohl ; allein er wendete sich nicht , um sich eine Erläuterung auszubitten . Nicht , daß er sein Gift schon völlig verspuckt gehabt hätte , aber augenblicklich fühlte er die Zähne etwas stumpf und hatte das Wiederzusammenlaufen der Galle abzuwarten . Den klaräugigen Alten im Frack kannte er aber auch zu gut vom Lesezimmer des Kasinos und der Table d ’ hote im Englischen Hofe her , um sich mit ihm auf dem nämlichen Fuße einzurichten wie mit dem guten Nachbar und braven großherzoglich darmstädtischen Kommerzienrat Florens Nürrenberg . » Der hätte meine Schwester Lina heiraten müssen ! « sagte der Legationsrat im langsamen Weiter- und Hügelan-Schleifen . » Jetzt wird sie angelangt sein und sich sehr darüber wundern , mich nicht am Main-Weser-Bahnhofe zu finden . Und mit Recht ! Es war meine Schuldigkeit , dort zu sein ; zumal unter den obwaltenden Verhältnissen . Wie wird sie mich nun ihrerseits empfangen , wenn ich nach Hause komme ? Werde ich sie überhaupt zu Hause finden ? Wenn sie ihren Charakter über das Weltmeer wiedergebracht hat – wenn Käthchen sie vielleicht – was der Himmel verhüten möge ! – gleichfalls verfehlt hat – wenn das Kind , das die Tante gar nicht kennt , sie im Menschengewühl nicht herausgefunden hat , ist sie imstande , in gerader Richtung vom Bahnhof nach irgendeinem Hotel zu fahren , mir eine Visitenkarte zu schicken und mit dem nächsten Zuge wieder abzureisen . Und das alles nach zwanzigjähriger Trennung ! Das alles , nachdem sich so manches verändert – nachdem wir beide – – milder , bedächtiger , gelassener – ja , milder geworden sind ! Zwanzig Jahre – und ihre freundlichen Briefe aus der Fremde ! – Zwanzig Jahre , seit wir uns nicht sahen ; seit die ganze Welt eine andere geworden ist ! Ei , so wollte ich doch – « Er stand still und blickte auf den Weg nach Sachsenhausen zurück und – sah nach der Uhr . » Es ist zu spät ! « murmelte er mit einem Seufzer . » Jetzt ist es gleichgültig , ob ich bei eingebrochener Dämmerung oder erst bei vollständiger Nacht heimkehre . Ich werde noch bis zur Warte hinaufsteigen , mir überlegen , was ich daheim sagen werde , und dann ruhig heimgehen . Ist es denn meine Schuld , daß uns dieser schöne Abend so schändlich verdorben worden ist ? « Nun schlich er unter dem Gesange der Feldgrillen um ihn her und sah , fühlte und empfand das Seinige auf der Landstraße , die von Frankfurt nach Darmstadt führte . Von nun an blieb er dann und wann stehen , entweder mit dem Kopfe schüttelnd oder mit ihm nickend . Er geriet immer tiefer in die Vergangenheit , in jene Zeit , als er noch mit der Schwester Lina im Elternhause zu 0x0burg lebte , und für einen Mann ohne jegliche Phantasie malte er sich die Bilder bunt und farbig genug aus ; da fand sich freilich nicht die Stimmung und Anlage , Wanderers Sturmlieder zu singen oder über die Welt als Wille und Vorstellung nachzugrübeln . Wie eine Claurensche Novelle wuchs das empor in seiner Seele , und es fehlte nichts von allen Zubehörigkeiten dabei . Nur die Schwester Lina paßte ganz und gar nicht hinein , und das war auch der Grund , weshalb sie vor zwanzig Jahren daraus wegging . Da war die kleine Residenz mit dem Fürsten Alexius dem Dreizehnten , der auf Alexius dem Zwölften gefolgt war ; – die kleine Residenz mit dem hochfürstlichen Ministerio , dem Hofmarschallsamte , dem Leibgarde-Jägerbataillon , dem Landeskonsistorio , dem Landeszuchthause , dem Hoftheater , dem hohen Adel und verehrungswürdigen Publiko , wie es in den achtzig oder hundert Bänden der gesammelten Werke des berühmten Autors genau verzeichnet steht . Da war das Haus des Papas , welcher der Großpapa unseres Käthchen Nebelung in der Hanauer Straße da drunten in Frankfurt am Main war . Wilhelm Hauff hat es ganz genau kennen gelernt , und die Tante Lina las als ein ganz , ganz junges Backfischchen den Mann im Monde nebst der daran gehängten Kontroverspredikt und Vermahnung an die deutsche Nation . Sie hätte beinahe für die letztere ein Danksagungsschreiben , einen Belobungsbrief an den jungen Stuttgarter Hauslehrer geschrieben , und zwar ganz verstohlen , denn ihre sämtlichen älteren und jüngeren Bekanntinnen waren entrüstet über den schwäbischen Doktor und sein heimtückisches , frivoles , lästerliches Vorgehen gegen den herrlichen , liebenswürdigen Hofrat im Generalpostamt zu Berlin , Karl Gottlieb Samuel Heun . Sie schrieben nach dem Eßlinger Prozeß ganz offen ein Gratulationsschreiben an den Hofrat und gaben das duftende Briefchen am hellen Tage auf die Post , und ihre Mamas hatten nicht das mindeste dagegen einzuwenden . Auch der Studiosus der Jurisprudenz Alex Nebelung las damals seinen Clauren und las ihn in den Ferien den Schwestern seiner Studiengenossen vor . » Hm , ha ! « sagte der Legationsrat Alexius von Nebelung auf der Darmstädter Chaussee . Er dachte immer inniger daran , wie schön es doch sei , jung zu sein und sich begeistern zu können . Er dachte an den ersten Hofball , auf dem er als jugendlicher Auskultator , seiner Tanzfüße wegen , wenn auch nicht seiner sozialen Stellung nach hoffähig war , und dann – dann dachte er an das , was während dieses Balles zu Hause vorging , und wie damals das Wohlbehagen in 0x0burg durch Schuld der Schwester Karoline in eine Katastrophe auslief . Die Schwester Lina war nicht hoffähig .