Krystallkronleuchters überströmt , hängt das lebensgroße Oelbild eines Knaben , ein schönes , stolzes Kind mit leuchtenden Augen und einer wunderbar klaren Stirn unter der blonden Lodenfülle … und die blauen Augen leuchteten so [ 594 ] bezwingender Gewalt , daß Heimath und Vaterhaus in weite Ferne zurückfliehen , das sagen die träumerischen , schwarzen Augen drunten im ärmlichen Stübchen . Einzelne Passagen auf dem Clavier drangen jetzt von drüben herüber und in eines der Fenster trat eine Gestalt , es war die blonde Antonie , die Enkelin der alten Räthin . Sie war ganz in Weiß gekleidet . Ihre entblößten , blendend weißen und sehr schön geformten Schultern umschloß ein wahrer Duft von Tüll und Spitzen , und auf dem weißblonden Scheitel lag ein Kranz von zarten Rosen . Sie sah sehr hübsch und elegant aus . Kaum hatte sie sich in die Fensternische zurückgezogen , als Werner zu ihr trat . Das Licht des Kronleuchters fiel auch blendend auf seine Züge , wie auf das Bild des Knaben ; die Aehnlichkeit zwischen Beiden war wunderbar , allein aus dem schmächtigen Kinde war ein hoher Mann mit fast königlicher Haltung geworden … Er faßte die Hand des jungen Mädchens zwischen seine Hände , als ob er sie beschwöre . Sie schien seinen Bitten widerstehen zu wollen , aber zuletzt , als er ihren Arm in den seinen legte , ging sie mit ihm und lachte hinter dem vorgehaltenen Fächer , als er seinen Kopf vertraulich herabbog und ihr Etwas zuflüsterte . Magdalene hatte diese kleine Scene mit angesehen , ohne sich zu regen , aber sie biß die Zähne zusammen , wie im heftigen Schmerz , und mit sprühenden Augen verfolgte sie die junge Dame , die , jetzt ein Notenblatt in den Händen , zum Clavier trat . Gleich darauf erscholl eine ziemlich harte , spitze Stimme , die ein schönes , inniges Lied ohne alles Verständniß vortrug . „ Sie singt schlecht , “ murmelte Magdalene . „ Ihre Stimme ist dünn und farblos wie ihr Haar . “ Als der Gesang schwieg , rauschte ein wahrer Beifallssturm durch den stillen Hof . Jacob aber bog sich zu Magdalene hinüber und legte seine Hand liebkosend auf ihren glänzenden Scheitel . „ Gelt , Lenchen , “ sagte er , „ da machen ’ s unsere Glocken doch ganz anders . Wenn die anfangen , da weiß man gleich , weshalb sie den Mund aufthun , aus dem Gepimpel da droben aber kann kein Mensch klug werden … Weiß nicht , was die Leute davon haben , wenn ihnen so ein Messer durch die Ohren fährt . “ Da kam er jedoch schlecht an bei seiner Frau und der Seejungfer . Sie hatten den Gesang sehr schön gefunden und konnten sich nicht satt sehen an der jungen Dame droben , wie sie beim Singen das bekränzte Haupt hin und her bog und die Augen zum Himmel aufschlug ; ja , sie behaupteten sogar , sie sähe aus , wie ein leibhaftiger Engel , als sie gleich darauf in die Fensternische trat , wo die hohe Gestalt Werners während des Gesanges regungslos gelehnt hatte . Und als sie nun vertraulich ihre Hand auf seinen Arm legte und ihm mit einer graziösen , schelmischen Bewegung ein riesiges Bouquet an das Gesicht hielt , damit er den Blumenduft einathme , da meinten die zwei Alten , der müsse doch kein Herz im Leibe haben , der sich nicht auf der Stelle in sie verliebe . „ Ach , laßt mich in Ruhe , “ sagte Jacob und das ironische Lächeln erschien in seinem Gesicht . „ Ihr seid auch gerührt , wenn die Spittelweiber in der Kirche neben Euch zetern , daß einem Hören und Sehen vergeht … Und wenn so ein junges Ding , wie die da , in einer weißen Fahne steckt , da sind alle himmlischen Heerschaaren Bettelvolk dagegen ! … Das Mädel da droben ist nicht um ein Haar besser , als die Alte auch , sage ich Euch . Keine weiß sich zu lassen vor Hochmuth … und wenn die Kleine jetzt so schön thut und heuchelt und schmeichelt , so weiß sie auch , warum . Sie ist arm , wie eine Kirchenmaus , und es wäre gar nicht bitter , sich hier in die Wolle zu setzen und eine reiche Frau zu werden … Aber Herr Werner ist nicht auf den Kopf gefallen , der sieht durch zehn Wände , wo die Leutchen hinauswollen . “ Er nahm bedächtig eine Prise Schnupftabak , die er während der ganzen Demonstration zwischen den Fingern gehalten hatte , dann fuhr er fort : „ Ihr braucht Euch überhaupt nicht einzubilden , daß mein junger Herr Eine aus hiesiger Stadt freit , das weiß ich besser … Da hab ’ ich heute gegen Abend noch ein wenig gefegt in seiner Stube , wo er malt – nun , wie nennt er ’ s doch gleich ? “ „ Atelier , “ sagte Magdalene , ohne den Kopf nach ihm umzuwenden . „ Ja , richtig … und da lag auf dem Tisch ein großes Bild , es war mir gezeichnet , wie Du s nennst , Lenchen , nicht bunt gemalt . Ich konnte das Gesicht nicht erkennen , weil ich nicht so nahe hingehen mochte ; aber so viel hab ’ ich doch gesehen , daß es eine Frauensperson war , die ein weißes Tüchelchen auf dem Kopfe hatte , wie Deine sel ’ ge Mutter in Welschland eines getragen hat , Lenchen . Da kam gerade Herr Werner herein … er lachte , wie er meinen langen Hals sah . Nachher deckte er aber geschwind ein Tuch auf das Bild und sagte zu mir : ‚ Höre , Jacob , das brauchst Du gerade noch nicht anzusehen ; aber ich will Dir Etwas verrathen , die da auf dem Papier wird einmal meine Frau . ’ … Er ist ja sechs Jahre in Welschland gewesen und