solchen Augenblick – an mich denken . « Marie barg ihr erglühendes Gesicht in beiden Händen – sie hatte ja da droben stets die Richtung gesucht , in der Wallersdorf liegen mußte ; die Dachluke mit ihrer Aussicht in die weite Welt war das stille Plätzchen gewesen , wo sie sich am ungestörtesten den Gedanken an ihn hingegeben hatte ... Er schwieg einen Augenblick ; dann fuhr er hastiger , aber leiser fort : » Mein Herz war bis zu jenem Tage frei geblieben – frei wie der Falk in der Luft ... ja , ich glaube , es war hochmütig , es wollte sich nicht unterwerfen – , und jetzt , was täte ich nicht , um die zu gewinnen , ohne die ich nicht mehr leben kann – ich ginge durch die Hölle , wenn es sein müßte ! « Marie war unwillkürlich und erschreckt zurückgewichen , denn er hatte die letzten Worte so leidenschaftlich herausgestoßen . Er aber hielt ihre Hände fest und zog sie näher an sich . » Gehe jetzt um Gottes willen nicht fort ! ... Ich bin ein heftiger Mensch ! « rief er . Als sie aber scheu zu ihm aufsah , da schmolz sein Blick , und seine Stimme wurde weich . » Nein « , sagte er , » fürchten darfst du dich nicht ... Wie könnte ich dir etwas zuleide tun , dir , die ich so lieb habe – so lieb , daß es nicht auszusprechen ist ! ... Jetzt ist ' s gesagt ... jetzt weißt du , was ich von dir will . Aber ich sage dir auch – ich gehe nicht eher von dieser Stelle , bis du entschieden hast , was mit mir werden soll ! « Mit welchem Ausdruck sprach er ! ... Wie glühte sein Gesicht vor innerer Bewegung ! ... Marie schwindelte es . So plötzlich dem Schmerz der Entsagung entrissen und auf den Gipfel eines unaussprechlichen Glückes gehoben , schien es ihr ganz unmöglich , an dasselbe zu glauben , und doch – stand er nicht da vor ihren Augen , ihre beiden Hände krampfhaft drückend und mit wahrer Seelenangst ihren Ausspruch erwartend ? Durfte sie da auch nur um einen Augenblick die Gewährung verzögern , ohne sich schwer an ihm zu versündigen ? ... Es bedurfte übrigens der Worte gar nicht , die ihr unsäglich schwer wurden – sie blickte auf , und er las sein Glück in ihren verklärten Zügen – mit einem Satz sprang er über die Mauer und zog jauchzend das Mädchen an sein Herz ... » Aber deine Mutter , was wird die dazu sagen ? « fragte Marie , plötzlich aufschreckend , mit beklommener Stimme – der Gedanke schien ihr schwer aufs Herz zu fallen . » Die wird sich freuen , endlich eine Tochter ins Haus zu bekommen – und was für eine ! ... Sie ist die beste Mutter unter der Sonne und will nur mein Glück – sie wird sehr bald begreifen , daß ich das nur bei dir finden kann . Still « , sagte er , als das junge Mädchen zu einem abermaligen Einwand die Lippen öffnete , » das ist die schönste Stunde meines Lebens , und die sollst du mir nicht verderben mit deinen Zweifeln ... Ich habe dir gesagt , ich liebe dich , und das heißt soviel als : Ich gebe dich nicht wieder her , und wenn Himmel und Hölle gegen mich sind . « » Um Gottes willen , Joseph , sprich nicht so frevelhaft ! « » Nun , dann sei auch du hübsch artig und folgsam ... Sieh mich freundlich an , und du sollst sehen , das wird immer Wunder bei mir wirken . « Er hob ihr liebliches Gesicht so , daß der letzte Sonnenstrahl darauffiel , und vertiefte sich förmlich in die schamerglühten Züge . Wahrscheinlich würde erst die Nacht diesen eifrigen physiognomischen Studien ein Ende gemacht haben , wenn nicht Frau Lindner laut nach ihrer Tochter gerufen hätte . Joseph wollte bleiben , denn er meinte , die Mutter dürfe ja alles wissen . Aber Marie bat ihn , ihr das zu überlassen – sie müsse sich erst sammeln und verspare deshalb auch das Geständnis auf den anderen Morgen . Nachdem ihr Joseph das Versprechen abgenommen hatte , morgen in aller Frühe an der Mauer zu sein , weil seine Mutter sehr bald Ringelshausen wieder verlassen wolle und nur er sie fahren dürfe , trennten sie sich , gegenseitig sich zuwinkend , bis keines das andere mehr sehen konnte . In welcher Aufregung Marie sich befand , als sie das Stübchen wieder betrat , das wird sich der Leser wohl vorstellen können . Anna und die Muhme waren im Begriff fortzugehen , denn sie wollten noch nach der Stadt zurück . Marie erhielt einen sanften Verweis von der Mutter , daß sie gegen alle Sitte und Höflichkeit fortgegangen war . Sie ließ alles geduldig über sich ergehen – die Mutter hatte ja recht – , ach , wieviel Ärgerem hätte sie sich unterworfen , denn sie war ja so glückselig . Wie beflügelt war ihr Gang . Sie mochte jedem um den Hals fallen und ihm ihr süßes Geheimnis mitteilen , und doch hätte sie gerade jetzt um alles die Worte nicht dazu gefunden . Wäre Frau Lindner nicht mit all dem , was ihr die Muhme erzählt , so sehr beschäftigt gewesen , sie hätte sehen müssen , daß eine auffallende Veränderung mit ihrer Tochter vorgegangen sei . Marie war so zerstreut und in sich versunken , daß die kleine Christel zweimal bitten mußte , sie doch hinüber ins Bett zu bringen , und dann faßte sie die Kleine , ganz gegen ihre sonst so sanfte Art und Weise , ungestüm bei der Hand und zog sie in die Kammer . Als Christel ihr Abendgebet gesprochen hatte , schlang sie ihre Arme um Maries Hals , die vorsorglich die Decke über das Schwesterchen breitete , und