Leder bezogene Lehnstuhl des Schloßmüllers aus der Fensterecke tiefer in das Zimmer gerückt , damit kein Zuglüftchen die Patientin streife ; sie holte einen kleinen Tisch aus dem Alkoven und die weißgescheuerte Fußbank unter dem hochbeinigen Kanapee hervor – das geschah so unbefangen und selbstverständlich , als sei sie nie von der Mühle fortgewesen . Sie war aber auch so vertieft in ihre augenblickliche Aufgabe , daß man meinen konnte , sie habe die Anwesenheit des Mannes dort im südlichen Eckfenster ganz vergessen . Nur als sie die obere Schublade der Kommode aufzog und ein weißes Tuch mit rot eingewirkter Kante herausnahm , um es über das Tischchen vor dem Lehnstuhle zu breiten , wandte sie das Gesicht nach ihm und sagte : „ Es ist etwas Schönes um diese altbürgerliche Ordnung – Alles steht und liegt am altgewohntem Orte . So ist es gewesen , ehe ich geboren wurde , und während meiner sechsjährigen Abwesenheit sind die Einrichtungsgesetze unverrückt geblieben – man ist sofort wieder heimisch . “ Sie zeigte auf den Spiegel über der Kommode . „ Da hinter dem Rahmen guckt die Ecke des Hauskalenders , in den der Großpapa seine Notizen schrieb , und darüber steckt noch die Rute mit dem verblichenen Bande , die schon der Schrecken meiner Mutter gewesen ist . “ „ Auch der Ihrige ? “ „ Nein , mich kleines Ding beachtete der Großpapa nicht genug , um sich mit meiner Besserung zu befassen . “ Sie sagte das durchaus nicht bitter ; eher mit einer Art lächelnder Resignation . Dabei wischte sie den leichten Staubanhauch , der sich während Suse ’ s Kranksein abgelagert hatte , von den Möbeln und schloß auch die anderen Fenster . „ Hier auf dem Steinsims müssen nothwendig Blumen stehen ; ihr Duft soll meine arme Suse erquicken . Ich werde Schwager Moritz um einige Hyacinthen- und Veilchentöpfe aus dem Wintergarten bitten – “ „ Da werden Sie sich an die Frau Präsidentin Urach wenden müssen ; sie hat einzig und allein über den Wintergarten zu verfügen ; er gehört zu ihrer Wohnung . “ Das junge Mädchen sah ihn groß an . „ So streng ist die Etiquette drüben ? Zu Papas Lebzeiten war der Wintergarten Gemeingut der Familie . “ – Sie zuckte die Achseln . – „ Damals freilich war die vornehme Schwiegermutter meines Vaters nur dann und wann Gast in der Villa . “ Ihre klangreiche Stimme verschärfte sich ein wenig bei diesen Worten , aber sie warf gleich darauf den Kopf in den Nacken , als könne sie damit eine augenblickliche unangenehme Empfindung abschütteln , und setzte heiter lächelnd hinzu : „ Nun , dann um so besser , daß ich zuerst in die Mühle ging , um mich zu acclimatisieren ! “ Er verließ die Fensternische und trat zu ihr . „ Ob man Ihnen aber drüben nicht sehr verargen wird , daß Sie sich nicht sogleich in den Schutz der Familie begeben haben ? “ fragte er mit ernstem Nachdrucke , aber auch mit jenem Antheile , der zart einen Rath , einen Wink zu geben versucht , ohne zudringlich zu werden . „ Dazu hat man doch wohl nicht das Recht , “ versetzte sie rasch und lebhaft , während der leuchtende Karmin auf ihren Wangen sich verdunkelte . Dieses ‚ Drüben ‘ ist für mich gleichbedeutend mit der Fremde , in der ich den Familienschutz , wie Sie ihn nennen – nämlich das Gefühl der Zusammengehörigkeit – nicht voraussetzen kann , auch nicht bei den Schwestern . Wir kennen uns gar nicht näher ; nicht einmal das dürftige Band eines kleinen Briefwechsels existiert zwischen uns – ich habe nur mit Moritz korrespondiert . Als Papa noch lebte , wurde Henriette bei ihrer Großmama erzogen . Wir sahen uns äußerst selten und auch dann nur unter der Aufsicht der Frau Präsidentin . Meine Schwester , die Kommerzienrat Römer , wohnte in der Stadt und starb auch sehr frühe . Und Flora ? Sie war sehr schön und sehr gescheidt ; sie war eine hochgefeierte junge Dame und machte bereits die Honneurs in unserem Hause , als ich noch tief in den Kinderschuhen steckte . Flora muß großartig beanlagt gewesen sein , weil man sich stets so namenlos bedrückt und eingeschüchtert in ihrer Nähe fühlte . Ich habe nie gewagt , sie anzureden , oder auch nur ihre wunderschönen Hände zu berühren , und noch heute fühle ich , daß es sehr unbescheiden von mir sein würde , wollte ich den Umgangston zwischen ihr und mir beanspruchen , wie er sonst zwischen Schwestern üblich ist . “ Sie unterbrach sich und sah ihm erwartungsvoll in das Gesicht , aber sein weggewendeter Blick schweifte über die Gegend draußen . Er ermutigte sie mit keiner Silbe – hatte er doch auch um das seltene Mädchen dienen müssen , wie Jakob um die Rahel . Möglicher Weise war er nicht einmal duldsam gegen die Schwesterliebe in dem Herzen , das sich ihm endlich zugeneigt . … Bei aller Milde und sanften Schlichtheit , die er wohl in Folge seines ärztlichen Berufes äußerlich angenommen , sah er doch aus , als könne er auch sehr ernstlich und entschieden auf seinem Rechte bestehen . „ Wie die Sachen stehen – die Villa ist ja nicht mehr mein Vaterhaus – kann ich dort nur als Gast , als Besuch gelten , wie jeder Andere auch , “ hob sie nach einer augenblicklichen Pause wieder an . „ Hier in der Mühle stehe ich auf meinem eigenen Grund und Boden ; da ist Heimathluft und Heimgefühl , und das alte Schieferdach droben und Franz und Suse werden mich und meine unmündigen achtzehn Jahre wohl ebenso treu beschirmen , wie es die Villa mit ihrer strengen Etiquette nur immer vermag . “ Ein mutwilliges Lächeln schwebte um ihren Mund . „ Uebrigens wird man über diesen ‚ Formfehler ‘ rascher hinweggehen , als Sie denken , Herr Doktor – man kann es von ‚ der Müllermaus