denken , von der man sich erzählte , daß sie in der ersten Zeit ihrer verschwiegenen Liebe alle vielblättrigen Blumen bei dem gemurmelten » Er liebt mich und so weiter « zerzupft habe . Baron Lothar sah mit gerunzelten Brauen auf die kleinen Vandalenhände und zuckte die Achseln . » Ich möchte Sie übrigens bitten , die Kleine wieder in gestreckte Lage zu bringen « , sagte er zu Frau von Berg . » Sie sitzt jedenfalls schon zu lange und ist ermüdet . Man sieht es an der Krümmung des Rückens . « Die Dame rauschte mit zurückgeworfenem Kopfe nach dem Kinderwagen , während sich Klaudine verabschiedend vor dem Herrn des Hauses neigte . Allein er blieb an ihrer Seite . Beim Umbiegen um die Hausecke kam ihnen ein leichter Zugwind entgegen . Er erregte ein leises Blätterrauschen in den Lindenkronen über ihnen . » Wie es geheimnisvoll raunt da oben ! « sagte Baron Lothar . » Wissen Sie auch , von was die alten Bäume flüstern ? Von den Montecchi und Capuletti des Paulinentales . « Die junge Dame lächelte kühl . » Im Mädcheninstitut besinnt man sich selten auf den Familienzwist daheim « , entgegnete sie gelassen . » Man hat sich gern und fragt nicht , ob man auch darf , und wenn ich heute den von den Meinen gemiedenen Boden betrete , so gilt es eben auch nur der Pensionsschwester . Ich war schon einmal während meiner letzten Institutsferien in Neuhaus . Die alten , schönen Bäume kennen mich . « Er verbeugte sich schweigend und ging weiter , und sie betrat den Hausflur . Sie brauchte nicht nach Beate zu fragen , denn hinter der nächsten Tür , die zu einem nach der Hofseite liegenden Gelaß führen mochte , klang in energischer Weise die gebieterische Stimme der » Pensionsschwester « . » Geh , sperre dich nicht , kindisches Ding ! « schalt sie drin . » Ich habe keine Zeit zu vertrödeln – die Hand her ! « Eine momentane Pause . » Sieh , sieh , wie schön die Schnittwunde heilt ! Nun können wir auch den Nähfaden wieder herausziehen ! « Der leise Aufschrei einer jugendlichen Stimme erfolgte , dann war es still . Klaudine öffnete geräuschlos die Tür . Dicker Plättdunst quoll ihr entgegen . An einer langen Tafel standen drei weibliche Personen und bügelten im Schweiß ihres Angesichts , während Beate am Fenster einer jungen Magd die Binde wieder um die verletzte Hand wickelte . Sie sah die Eintretende nicht , wohl aber fuhr ihr scharfer Blick sofort von der geknüpften Verbandschleife über den Plättisch hin . » Luise , Naseweis , was machst du denn da ? « rief sie . » Herrgott , meine allerbeste Kragengarnitur unter den unglücklichen Fäusten ! Hör mal , das ist mehr als dreist von solch einem Kiekindiewelt , wie du bist ! « Sie nahm dem Mädchen die Stickerei weg , besprengte sie mit Wasser und rollte sie zusammen . » Ich werde das Unheil später selbst gutmachen . « sagte sie zu den anderen , auf das kleine Bündel deutend . Dabei ging sie nach der Tür und stand überrascht vor Klaudine ; und das war wirkliche , herzliche Freude , die sich plötzlich verklärend über ihre strengen Züge verbreitete . » Heißes Wasser in die Kaffeemaschine ! « befahl sie kurz und bündig in die Plättstube zurück , legte ihren Arm um die Schultern der jungen Dame und führte sie in die Wohnstube , in das schöne , weite Eckzimmer mit seinen tiefgebräunten , altmodischen Mahagonimöbeln , seinen weißen , tannenen Dielen und den zierlich gefältelten Vorhangbogen . Vor den drei Fenstern an der Südseite waren die Rollvorhänge niedergelassen , die zwei nach Osten sehenden dagegen brauchten keinen Schutz gegen das grelle Nachmittagslicht . Da dunkelten die Linden , und unter ihrem herrlichen , undurchdringlichen Schirmdach hinweg sah man ungeblendet hinaus in das blühende , sonnenglänzende Land . » Nun mache dir ' s bequem , alter , lieber Pensionskamerad ! « sagte Beate und führte die Angekommene zum Niedersitzen an eines dieser Fenster . Sie nahm ihr den Hut ab und strich leicht mit der Hand über die köstliche Haarfülle . » Da ist ' s ja noch , was wir alle so gern hatten , das wellige Gelock über der Stirn und im Nacken ! Falsche Wülste trägst du auch nicht , und dem › Goldschnitt ‹ hat der Hoffriseur mit seinem Brenneisen auch nichts anhaben können – na , du kommst ja ziemlich heil aus – dem Babel ! « Klaudine lächelte leise und setzte sich an Beates Nähtisch . Da lag neben feiner Flickwäsche , sauber eingebunden , Scheffels » Ekkehard « . » Ja , siehst du , Schatz « , sagte Beate , die verschiedenes zusammentrug , um den Kaffeetisch herzurichten , mit einem Blick auf das Buch gleichsam entschuldigend , » ein Menschenwesen wie ich , das täglich wie ein Gendarm hinter Trägheit und Indolenz her und dabei selbst meist ein richtiger Arbeitsbär sein muß , hält dann auch um so zäher auf seine seltene , schöne Erholungstunde , und für den Zweck trage ich mir nach und nach das Beste , was die deutsche Literatur hat , in meinem Lesewinkel zusammen . « Dabei räumte sie das Buch und die Flickwäsche in den Nähkorb und legte eine Serviette auf den Tisch . Dann brachte sie die Zuckerdose , ein altmodisches , lackiertes Blechkästchen mit festem Verschluß . Sie schloß es auf und machte ein ärgerliches Gesicht . » Nun ja , da hat man ' s ! Ein Wunder ist ' s freilich nicht bei dem Drunter und Drüber ! Wirtschaftszucker in der guten Dose ! Das ist mir auch noch nicht passiert ! Aber Lothar hat mir auch einen Streich gespielt , einen Streich ! Da schreibt mir der Mann als Antwort auf meinen Brief , worin ich ihm den Ankauf eures Silbers anzeige , er käme nun auch