aus kleinlichem Geiz nie den Mut zu größeren Spekulationen gehabt habe ; aber die Art , wie er sich für seine Tätigkeit bezahlt machte , ist denn doch sehr auffallend . Fünf Jahre lang hatte er nur den Gehalt eines Direktors und freie Station , er schien den Zeitpunkt abzuwarten , wo er seinen Schnitt machen konnte . Dieser kam auch . Eines Tages traf Herrn von Hartwich der Schlag und die Ärzte sprachen ihm nur noch wenige Jahre Leben zu . Diesen Augenblick der Hilflosigkeit benützte Gleißert und drohte ihm mit seinem Austritt aus dem Unternehmen und anderweitiger Verwendung seiner Erfindungen , welche für die Fabrik von höchstem Werte waren , wenn Hartwich ihn nicht zum Erben seines Vermögens ernenne . Hartwich , der ihn gerade jetzt nötiger brauchte als je , ging auf seine Bedingungen ein , setzte jenes arme kleine Mädchen auf den Pflichtteil und machte ein gerichtliches Testament zu Gleißerts Gunsten . “ — „ ’ s ist doch ein böser Bube , dieser Gleißert “ , rief der alte Geheimrat , „ also auch ein Erbschleicher ? Nun möcht ’ ich wissen , was dem Kerl noch heilig ist ? ! “ „ Wir wollen einmal das Kind über ihn ausfragen “ , rief eine der Damen . „ Ja , ja “ , stimmten mehrere bei . „ Das wäre inter ­ essant . Ach , liebe Staatsrätin , holen Sie die Kleine doch ! “ Die Staatsrätin sah nach der Uhr und überlegte , ob sie Ernestinen schon wecken solle ; da sie jedoch seit fast einer Stunde schlief , ging sie , nach ihr zu sehen . Bald kehrte sie mit ihr zurück und wieder mußte die Kleine zwischen den Neugierigen Spießruten laufen . Doch die Ruhe hatte sie erquickt und gestärkt , sie war diesmal standhafter . Da hörte sie , wie der alte Geheimrat seinem Nachbar zuflüsterte : „ Wie kommt der dumme Hartwich zu einem so klugen Kinde — sehen Sie doch diesen merkwürdigen Kopf an . Schade , daß die Kleine kein Knabe ist — daraus würde etwas ! “ Das Wort fuhr Ernestinen zündend durch die Seele ! — Schon wieder mußte sie das hören , — von einem ganz fremden Mann , — das furchtbare „ Schade , daß sie kein Knabe wurde . “ — Sie richtete sich hoch auf , als wäre sie um einen Zoll gewachsen und blickte zu dem unvorsichtigen Sprecher Hinüber , als wolle sie ihm zurufen : „ Es wird doch etwas daraus ! “ Dann schaute sie verlangend nach den spielenden Kindern , die sich eben im Werfen von Bällen übten ; wenn sie nur jetzt unter ihnen wäre , sie wollte schon zeigen , daß sie es den Buben gleichtun könne . Da faßte sie die Landrätin an der Hand und sagte : „ Nun , liebes Kind , erzähle uns doch auch etwas von Deinem Vater , wie geht es ihm ? “ Ernestine sah sie wie verwundert über diese Frage an : „ Ich habe ihn nicht danach gefragt ! “ Die Damen winkten sich verstohlen zu . „ Hast Du ihn denn heute nicht gesehen ? “ „ Doch ! “ antwortete sie kurz . „ Hast Du denn Deinen Vater recht lieb ? “ fragte die Landrätin weiter . Ernestine stutzte — dann aber sagte sie ruhig und fest : „ Nein ! “ Die Fragerin ließ des Kindes Hand los , als habe sie ein Insekt gestochen : „ Das ist ja eine zärtliche Tochter ! “ höhnte sie , während die Andern die Köpfe schüttelten . „ Wen hast Du denn eigentlich lieb — Deinen Onkel vielleicht ? “ „ Ich habe zu Hause Niemanden lieb , — aber meinen Onkel kann ich doch besser leiden als den Vater ; er schlägt mich wenigstens nicht ! “ antwortete Ernestine . „ Nun es scheint , Gleich und Gleich gesellt sich ! “ warf eine Dame hin , die Übrigen nickten ihr mit ent ­ setzten Gesichtern zu und Alle wandten sich von Ernestinen ab . „ Das ist ein unglückliches Kind “ , sagte die Staatsrätin und erhob sich , um die Gefolterte zu der kleinen Gesellschaft zu führen . „ Angelika ! hier ist Ernestinchen von Hartwich “ , rief sie ihrem etwa achtjährigen Töchterchen zu , „ sei hübsch Deiner Pflichten als Wirtin eingedenk ! “ Die Kinder , zu welchen die Staatsrätin ihren Schützling hinführte , stoben scheu auseinander wie eine Vögelschar , wenn ein Papierdrache unter sie hinein ­ fliegt . In einzelnen Gruppen umstanden sie von Weitem das fremde Mädchen und flüsterten sich lebhaft zu . — Ernestine sah sich gemieden , allein , inmitten des glänzenden Kreises , an den sie noch kurz zuvor so bewundernd ge ­ dacht ; sie war behaftet mit dem ganzen Fluch einer Vogelscheuche , aber sie hatte den grausamen Vorzug vor jener , daß sie diesen Fluch empfand . Sie fühlte , daß sie jenen frohen Kreis auseinander gesprengt hatte , daß sie die Kleinen von sich bannte , daß man sich vor ihr scheute , und wieder glaubte sie , in die Erde sinken zu müssen und ihre schwachen Kniee zitterten unter der Last des Spottes und der Verachtung , die hier von Neuem über sie hereinbrach . — Die Staatsrätin warf der kleinen Angelika einen strengen Blick zu , den Ernestine gewahrte , und sagte : „ Gib Deiner neuen Freundin die Hand ! “ Ein Paar größerer Mädchen kicherte verstohlen ; Ernestine verstand , wie sie flüsterten : „ eine schöne Freundin ! “ Angelika trat nun zu Ernestine und reichte ihr das runde weiche Händchen , zog es aber gleich wieder zurück , blieb eine Weile stumm vor ihr stehen , betrachtete den alten braunen Strohhut , den Ernestine in der Hand hielt , wagte es auch einmal , ihr flüchtig in die Augen zu schauen und schmiegte sich dann verlegen und ängstlich an die Mutter