Liedel hab ’ ich auch oft gesungen , als ich noch jung war , “ sagte die Muhme und nickte , „ hab ’ auch dort unten gesessen in der Jasminlaube mit der Lisett und aus Herzenslust gesungen , und sie konnt ’ s auch so wunderschön , – aber Du wolltest ja wissen “ unterbrach sie sich rasch , „ wo ich ihn zum ersten Male gesehen ? Guck , da gehe ich einmal an einem Abend , es war so schön wie heute , nur etwas später im Jahr , im Juli ungefähr , den Weg hinunter , der am Park entlang führt , und singe : ‚ Er ist kein Kaiser ; er ist kein König ; er ist Soldat , er ist Soldat . ‘ Da kommt aus dem Schatten der Lindenallee ein Mensch herausgetreten und fragt : ‚ Na Jungfer , muß es gerad ein Soldat sein ? ‘ und weil ich so erschrocken war , hab ’ ich gar nicht geantwortet und bin rasch weiter geschritten . Er aber hinter mir drein und hat höflich um Verzeihung gebeten , und wie ich ihn mir dann genauer anschaute , da sah ich in ein so gutes liebes Gesicht mit ein paar ehrlichen treuen Augen , daß ich mich gar nicht mehr fürchtete ; da sind wir denn langsam zusammen weiter gegangen und er hat mir erzählt , daß er auf dem Schlosse Reitknecht sei bei der jungen Frau Baronin , was jetzt die Großmutter ist von Army und Nelly , die dazumal grad ’ hingekommen war , und daß er schon oft nach mir geschaut , wenn er an der Mühle vorbei geritten , denn Du weißt ja , ich hab ’ hier gedient bei Deiner Urgroßmutter selig . Und ich hab ’ ihm auch erzählt von mir , und daß ich keinen Vater und Muttern mehr hätt ’ , und dann haben wir uns drüben am Mühlensteg die Hände gereicht und er hat gesagt : „ Gute Nacht , Mariechen ! “ und dann haben wir nichts mehr gesprochen , sondern sind stumm neben einander gestanden eine ganze Weile , und ich bin fortgelaufen über die Brücke , so rasch ich konnte – – “ „ Wie war Dir denn zu Muthe , Muhme ? “ „ Ja , das weiß ich gar nicht mehr genau , Liesel , “ sagte die alte Frau , „ ich weiß nur , daß es mir vorkam , als habe der Mond noch nie so golden auf die alte Mühle geschienen , und als sei der Himmel noch nie so hoch gewesen ; ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen und war doch am andern Tage gar nicht müde , und die Worte : ‚ Gute Nacht , Mariechen ! ‘ , die schwirrten mir immer durch den Kopf . “ Die Alte sah zu dem jungen Mädchen hinüber , dessen Augen in Thränen schimmerten . „ Sag mir nur , Liesel , was ist mit Dir eigentlich ? “ „ Ach , gar nichts , Muhme ! “ erwiderte diese . „ Weißt Du , ich gehe nach ein wenig hinaus vor die Thür ; Vater und Mutter müssen gleich kommen . Gute Nacht , Muhme ! “ „ Gute Nacht , Liesel ! Behüt ’ Dich Gott ! Höre aber , Kind , wenn Du morgen früh wieder Spargel stichst , da laß nicht wie heute die Hälfte stehen , sonst muß ich es künftig wieder selbst besorgen , so sauer es mir wird . Gute Nacht ! “ Und nun war die alte Frau wieder allein in ihrem Stübchen . Sie schloß das Fenster und ging kopfschüttelnd zur Kommode ; sie sah sich ihres Christian ’ s Bildniß an ; die Strahlen des Mondes waren weiter geglitten ; sie konnte das kleine Bild nicht recht erkennen , aber sie wußte ja so genau , wie es aussah . „ Ja , so war es , “ flüsterte sie , „ dort draußen am Mühlsteg , da fing es an . Lieb ’ hat ein gut Gedächniß ; ich weiß es heut ’ Abend wieder so genau , als hätten wir gestern dort gestanden . Die Liesel ist schuld daran . Was sie nur eigentlich wollte , das närrische Ding ? – “ – – Lieschen hat sich draußen unter die Linde gesetzt , und der Mühlbach rauscht an ihr vorbei . Ihre Augen sind auf den Weg jenseits des Wassers geheftet , der zum Schlosse führt , und dort drüben hinter den dunklen Wipfeln , dort ragen die stolzen mondbeglänzten Thürme empor in den Nachthimmel , wie sie es schon so oft gesehen , so unzählige Male – wie war ihr nur heut ’ so sonderbar zu Muthe ? Das machte ein unverhofftes Wiedersehen . Army war auf einmal in die Laube getreten , in der Nelly und sie gesessen und sich etwas vorgelesen . Ganz unvermuthet stand er da und schloß lachend die Schwester in die Arme , die , vor Freude dunkelroth , gar nicht sprechen konnte , und dann hatte er ganz erstaunt zu ihr hinübergesehen und sie endlich „ Fräulein Lieschen “ angeredet . „ Fräulein Lieschen “ ! Wie das klang ! Sie mußte lachen und er lachte mit , oder er blieb doch dabei , sie so zu nennen . Er war größer und stattlicher geworden seit jenem Winterabende , wo sie ihn zum letzten Male unter der alten verschneiten Linde sah , und jetzt lag über dem frischen Munde ein keckes Schnurrbärtchen ; wie hübsch war er doch ! Und nun war der Abend von Nelly ’ s Geburtstag so rasch vergangen ; sie hatten alte Kindererinnerungen aufgefrischt , und er war so lustig , so vergnügt gewesen ; das Gesicht seiner Mutter hatte wie verklärt geleuchtet , und dann , als sie fortgehen mußte , da hatte er sie begleitet ; sie waren zusammen die alte Lindenallee entlang gegangen und dann den Weg bis zum Mühlsteg