dahin niedergeschlagenen Augen blitzten in einem unheimlichen Feuer auf : » Was sagst du da von fremd und arm ? Arm ! Ich habe mir ' s von Reginen erzählen lassen . Sie kam aus einem Land , wo sie glücklich war , und hier hat sie geweint und sich zurückgesehnt , und vor Sehnsucht ist sie gestorben . Arm ! Wer war arm ? Wer ? Ich weiß es . Du warst arm . Du ! « » Schweig « , sagte Gerdt . » Ich schweige nicht . Was wollt ihr ? Ich bin nicht euer Kind . Gott sei Dank , daß ich ' s nicht bin . Ich bin eure Schwester . Und ich wollt , ich wär auch das nicht . Auch das nicht . Verklagt mich . Geht hin , und erzählt ihm , was ich gesagt hab ; ich werd ihm erzählen , was ich gehört hab , heute draußen im Wald und hundertmal hier in diesem seinem Haus . Oh , ich hab euch zischeln hören . Und ich weiß alles , alles . Ihr wartet auf seinen Tod . Streitet nicht . Aber noch lebt er , und solang er lebt , wird er mich schützen . Und ist er tot , so schütz ich mich selbst . Ja , ich schütze mich selbst . Hörst du , Trud . « Und sie ballte ihre kleinen Hände . Trud , in ihrem Gewissen getroffen , erkannte , daß sie zu weit gegangen , während Grete plötzlich aller Scheu los und ledig war , die sie bis dahin vor ihrer Schwieger gehabt hatte . Sie hatte das Gefühl eines vollkommenen Sieges und stieg , in der Freude darüber , in den zweiten Stock hinauf . Oben fand sie Reginen und erzählte ihr alles , was unten geschehen . » Kind , Kind , das tut nicht gut , das kann sie dir nicht vergessen . « Aber Grete war übermütig geworden und sagte : » Sie fürchtet sich vor mir . Laß sehn ; ich habe nun bessere Tage . « 7. Kapitel . Jacob Mindes Tod Siebentes Kapitel Jacob Mindes Tod Und wirklich , es war , als ob Grete recht behalten sollte . Weder des Umherirrens im Walde noch des heftigen Streites , der den Tag beschlossen , wurde von Trud irgend noch erwähnt ; allem Anscheine nach auch gegen Gigas nicht , der sonst kaum ermangelt haben würde , von dem graden Pfade des Rechts und von dem » Irrpfad in der Wildnis « zu sprechen . Aber solche Predigt unterblieb , und die Sommermonate vergingen ruhiger als irgendeine Zeit vorher . Aller Groll schien vergessen , und Grete , die , nach Art leidenschaftlicher Naturen , ebenso rasch zu gewinnen als zu reizen war , gewöhnte sich daran , in den Stunden , wo Gerdt außerhalb des Hauses seinen Geschäften nachging , in Truds Schlafzimmer zu sitzen und ihr vorzuplaudern oder vorzulesen , was sie besonders liebte . Und wenn Regine den Kopf schüttelte , sagte sie nur : » Du bist eifersüchtig und kannst sie nicht leiden . Aber sie meint es gut , und es war auch nicht recht , daß wir in den Wald gingen . « So kam der Einsegnungstag , Ende September , und den Sonntag darauf war Abendmahl , an dem alle Mitglieder des Hauses teilnahmen . Alle zeigten sich in gehobener Stimmung , der alte Jacob Minde aber , trotzdem er nur mit Mühe den Kirchgang gemacht hatte , war mitteilsamer denn seit lange , plauderte viel von seiner Jugend und seinem Alter und sprach auch abwechselnd und ohne Scheu von Gerdts und von Gretens Mutter , als ob kein Unterschied wäre . Trud und Gerdt sahen dabei einander an , und was in ihren Blicken sich ausgesprochen hatte , das sollte sich anderntags bestätigen . Denn in aller Frühe schon lief es durch die Stadt , daß der alte Ratsherr auf den Tod liege , und als um die sechste Stunde der Schein der niedergehenden Sonne drüben an den Häuserfronten glühte , bat er Reginen , daß sie die Vorhänge zurückschieben und die Kinder rufen solle . Und diese kamen , und Grete nahm seine Hand und küßte sie . Gleich danach aber winkte der Alte seine Schwieger zu sich heran und sagte : » Ich lege sie dir ans Herz , Trud . Erinnere dich allezeit an die Mahnung des Propheten : › Laß die Waisen Gnade bei dir finden . ‹ Erinnere dich daran und handle danach . Versprich es mir und vergiß nicht diese Stunde . « Trud antwortete nicht , Grete aber warf sich auf die Knie und schluchzte und betete , und ehe sie ihren Kopf wieder aufrichtete , war es still geworden in dem kleinen Raum . Am dritten Tage danach stand der alte Minde hoch aufgebahrt in Sankt Stephan , der tangermündischen Hauptkirche , die , nach Art mittelalterlicher Gotteshäuser , hart am Rande der Stadt gelegen war . Auf dem Altar brannten die großen Kerzen , und ringsumher saßen die Ratmannen der Stadt , obenan der alte Peter Guntz , der nicht geglaubt hatte , seinen so viel jüngeren Freund überleben zu müssen . Keiner fehlte ; denn die Mindes waren das älteste Geschlecht und das vornehmste , wirkliche Kaufherren , und seit Anbeginn im Rate der Stadt . In nächster Nähe des Sarges aber standen die Leidtragenden . Gerdt sah vor sich hin , stumpf wie gewöhnlich , während Trud und Grete , schwarz und in wollene Stoffe gekleidet , zum Zeichen ihrer tiefsten Trauer bis über Kinn und Mund hinauf hohe weiße Tücher trugen , die nur den Oberkopf frei ließen . Grete , kaum fünfzehn Jahr , sah um vieles älter aus , als sie war , und alles Kindliche , das ihre Erscheinung bis dahin gehabt hatte , schien mit diesem Tage von ihr gewichen . Die Orgel spielte , die Gemeinde sang , und als beide schwiegen