von unten herauf streifte Konrad , von einem gedehnten » na - - ? ! « und einer Bewegung begleitet , die ihn beinahe zwang , mit der Faust in die frechen Gesichter zu fahren . Fluchend stob das Paar auseinander . Er hastete weiter , ihm war , als müsse er dumpfer , stickiger Luft entfliehen . Aber sie folgte ihm : Die Nebenstraßen , die Mietshäuser , die Torbogen hauchten sie aus ; und alles , was sich schämte und ängstigte , kroch hervor : Kinder mit fahler , sonnenentwöhnter Haut , Streichhölzer in den dünnen Händen , die sie automatenhaft einem jeden entgegenhielten ; alte Weiber , aus deren faltigem Antlitz rot umränderte , lidlose Augen schauten . Von Ekel gepackt , gegen das vergebens sein Mitleid kämpfte , machte Konrad einen weiten Bogen um sie . Schon atmete er auf ; hier endlich war die Straße breit und leer . Plötzlich aber stand eine neben ihm , groß und schattenhaft , grau umhüllt . Trug sie heimlich die Peitsche der Furien unter dem Tuche ? Konrad drängte vorwärts . Der Alte dagegen - war es Neugierde , war ' s Erschöpfung ? - hielt ihn zurück . » Komm , Giovanni , komm ! « rief er ungeduldig und wollte an der Grauen vorüber , die ihn schaudern machte . Doch Giovanni hörte nicht ; er stand jetzt dicht vor ihr . » So kriechen sie auch daheim des Nachts auf den Straßen , « flüsterte er und griff nach seinem Beutel . Da schlug die Graue das Tuch auseinander , ein winziger Kopf , braunrot , verschrumpft , wie das Greisenhaupt eines Erdgeistes , zeigte sich ; aus einem klaffenden Mund drang ein Gewimmer in schneidendem Falsett , aus ausdruckslosen Augen strömten Tränen , als ob der ganze winzige , elende Kinderkörper sich auflösen wollte in ihrer Flut . Giovannis Augen weiteten sich ; mit verstörtem Blick starrte er die Mutter an und den Säugling , während seine Hand den Arm Konrads umkrampfte . » So schlich die Mutter umher mit mir - , « kam es wie in verhaltenem Schluchzen aus seiner Kehle . Schon sammelten sich Vorübergehende um die Gruppe mit jener lüsternen Neugierde der Großstädter , die für ihre schlaffen Nerven in jedem Ereignis eine aufpeitschende Sensation zu wittern pflegen . Aber ehe sie noch Zeit hatten , ihrem Spott über das Schauspiel verletzenden Ausdruck zu geben , hatte Konrad den Alten in den nächsten vorüberkommenden Wagen gezogen . Er brachte den ganz Verstörten vorsorglich bis hinauf in sein Hotelzimmer und stand , von der Sorge um ihn erfüllt , noch minutenlang lauschend an der Türe . » O madre mia ! « murmelte leise weinend eine Greisenstimme , dann war es still . Helle Herbsttage , die in Berlin wie junger Frühling wirken , so mild , so blütenreich sind sie , verscheuchten alle Nachtgespenster . Ihrer Klarheit schien nur das Wirkliche stand zu halten . Konrads Seele , die einem See geglichen hatte , dessen Tiefe von jedem Luftzug aufgewühlt wurde , so daß die Bilder der Außenwelt sich in seinen Wellen und Kreisen und Strudeln nur verwischt und verzerrt wiedergaben , wurde mehr und mehr zu einem Spiegel , der alles ihm Begegnende scharf umrissen zurückwarf . » Laß mich zunächst nur sehen , nichts als sehen , « sagte er zu Walter , der nun schon seit Wochen in Arbeit und Studium steckte und ihm seine Untätigkeit zum Vorwurf machte . » Du wirst verliedern , wenn du dir kein Ziel steckst , da das Leben dir leider keins aufzwingt , « antwortete der . » Im Augenblick weiß ich kein schöneres als glücklich sein , « meinte Konrad . Sie saßen zusammen vor einem Kaffeehaus des Westens , und die Sonne tanzte in lauter goldenen Strahlen über die bunten Bäume , über den blinkenden Asphalt , über die vielfarbigen Kleider der vorüberwandernden Frauen . Und nun warf sie einen Schatten über den weißen Tisch , der in seiner plötzlichen Kühle an den Herbst erinnerte . Zwei Menschen , ein Mädchen und ein Mann , waren herzugetreten , Walter begrüßend . Des Mädchens ernste , ruhige Augen hatten sich Konrad zugewandt . » Es gibt nur ein würdiges Ziel allen Strebens : glücklich machen , « sagte sie herb . Konrad erhob sich , halb erstaunt , halb verlegen . » Herr Pawlowitsch , Fräulein Gerstenbergk - mein Freund , Baron Hochseß , « stellte Walter Warburg vor . Sie kamen rasch ins Gespräch . Das Mädchen hatte , mit einer gewissen Absichtlichkeit , wie es schien , den Rücken der Straße zugewandt . » War es der Ausdruck einer Laune oder der einer Überzeugung , der Sie vom schönsten Ziel , dem Glücklichsein , sprechen ließ ? « begann sie . Ihre Frage verletzte Konrad ebensosehr wie ihre erste Anrede . Wie kam dieses fremde Mädchen dazu , alle Stufen und Stationen des Bekanntwerdens zu überspringen , die solchen Unterhaltungen vorangehen müßten ? Dabei lag nichts Aufdringliches , nichts intim sein Wollendes in ihrem Wesen . » Keines von beiden , « entgegnete er zurückhaltend , » sondern der eines momentanen Wohlbefindens . « Eine leise Enttäuschung malte sich in ihren Zügen . Sie antwortete nicht , sondern sah von nun an an ihm vorbei . » Ich würde den Ausspruch des Herrn Barons als Überzeugung hochschätzen und mit Ihrem Ziele für identisch halten , « meinte Pawlowitsch mit dem scharfen Akzent des Russen zu Else Gerstenbergk gewandt , » Ihr Glücklichsein ist glücklich machen . « » Unser alter Streit , « rief sie lebhaft , » Sie wollen negieren , was groß und stark ist : Aufopferung , Selbstverleugnung , Hingabe . « » Negieren - nein ! Nur ihrer Erhabenheit entkleiden . « In Elses blasse Wangen stieg das Rot der Erregung . » Wollen Sie vielleicht behaupten , daß die Jahre auf der Peter-Pauls-Festung , die Ihre Gesundheit untergruben , daß der Aufenthalt