Ach ! - dachte er - es war eine nicht zu klaren Gedanken sich formende , aufwallende Bewunderung . Das junge Mädchen sah ein wenig bleich aus , vielleicht im Kontrast zu der ganz schwarzen Kleidung , vielleicht von den Anstrengungen der letzten Tage . Braunschwarze Augen blickten ihn groß und lebhaft an . Und der Ausdruck in ihrem feinen , länglichen Gesicht war so deutlich : Wer sind Sie ? - Was wollen Sie hier ? - daß Raspe sich verbeugte . » Hellbingsdorf . - Oberleutnant von Hellbingsdorf . Ich bin Herrn Leutnant Rositz gemeldet und erwarte ihn . « » Ach so ... Mutter und die Brüder haben gerade mit Justizrat Kahler zu sprechen , « sagte sie . » Ihr Herr Bruder will mich aber doch empfangen . Ich warte eben . « Sie stand ein wenig unsicher . Was sollte sie tun ? Vielleicht war dies ein guter Freund und Kamerad ihres Bruders . Dann konnte man ihn doch nicht fremd und ungastlich hier allein im Tanzsaal stehen lassen . Sie war zufällig hereingekommen , den Raum als Durchgang benutzend . Sie sah ihn immer gerade an . Er gefiel ihr so gut , wie ihr noch nie ein Mensch auf den ersten Blick gefallen hatte . Was für ein fester , gütiger Ausdruck in seinen blauen Augen ! » Sind Sie ein Freund von Viktor ? Ich habe Ihren Namen nie gehört . Aber das will nichts sagen - ich weiß nichts von Viktors Leben - Sie haben wohl erraten - ich bin seine Schwester Mathilde - Tulla sagen ja immer alle zu mir ... « Raspe verbeugte sich . » Nein , « sagte er , » ich bin kein Freund Ihres Herrn Bruders , nicht einmal sein Bekannter . Ich habe es nur übernommen , einen sehr wichtigen Auftrag an ihn zu überbringen . « » Viktor wird gewiß gleich kommen . « Der Wunsch , ein Gespräch zu beginnen , hier zu bleiben , bewirkte nun gerade , daß ihr gar nichts einfiel , was sie sagen könnte . Außerdem : es schickte sich doch nicht , daß sie einem fremden Offizier Gesellschaft leistete , den Viktor nicht mal kannte . » Sie haben sehr Schweres erlebt , gnädiges Fräulein , « sagte Raspe , » darf ich Ihnen meine Teilnahme ausdrücken ? Ich hatte einigemal das Glück , im Hause meiner Mutter Ihrem Herrn Vater zu begegnen , und war voll Bewunderung für seine ausgezeichnete Persönlichkeit . « » Oh , « sprach sie , » oh , Sie kannten Papa ? - Er hätte noch nicht fort dürfen ... « Mehr konnte sie nicht hervorbringen . Sie sah ein paar Sekunden schweigend vor sich hin . Und dann schlug sie plötzlich groß die Augen auf und sah Raspe an . Sie dachte : aber ich muß doch wohl fortgehen . Besonders , weil ihr Bruder Viktor gleich hereinkommen könne . Und das war ihr , sie wußte nicht warum , jetzt und hier unangenehm - als müsse sie dann verlegen werden . Und zögernd ging sie , nach einer kleinen , ernsthaften Neigung des Kopfes . Langsam schritt die schmale , schwarze Gestalt durch den Raum , dessen Leere etwas Festliches hatte , schon durch die Größe und durch das Glitzern des durchsonnten Kristalls über dem gelben Rundsofa . Der feine Kopf der zögernd Davongehenden war von merkwürdig vielem dunklen Haar umgeben . Ihr ganzer Körper schien zart und schlank . Raspe sah ihr nach und fand es schade , daß sie ging . An der Tür wendete sie sich noch einmal um , die Hand auf dem Griff . Sehr ernsthaft , fest und lange sahen sie einander in die Augen ... Das war merkwürdig ! dachte Raspe , als sie dann wirklich ging . Und fast laut sagte er noch einmal vor sich hin : » Merkwürdig ... « Er verfiel in solches Grübeln unbestimmter Art , daß er darüber gar nicht spürte , wie aus » zwei Minuten « eine Viertelstunde wurde . Dann kam Viktor Rositz hastig herein . In Zivil ; mit der größten Sorgfalt drückte dies Zivil die frische , tiefe Trauer aus . Starke Familienähnlichkeit mit der Schwester , dachte Raspe , aber mit einem weniger sympathischen Zug - » Sie haben eine wichtige Angelegenheit , Herr von Hellbingsdorf ? Wichtig für Sie ? - Für mich ? - Für einen Dritten ? Darf ich erfahren ? Aber bitte ... « Und er öffnete die Tür , durch welche vorhin seine Schwester so überraschend hereingekommen war . Die Herren traten in ein Zimmer , das vielleicht der Salon der Hausfrau sein konnte . Es schien übervoll von zierlichen Möbeln , und helle Himbeerfarbe drängte sich dem Auge auf . In einem winzigen Sofa und einem Lehnsessel , dessen niedere Rundlehne kaum bis zu den Schulterblättern des Sitzenden ging , nahmen sie Platz , ein Tischchen zwischen sich , auf das Raspe die Mappe legte . » Die Angelegenheit , Herr Kamerad , ist für Sie und die Ihren nicht ohne Interesse . Ich habe Ihnen etwas zu bringen , das man wohl als Hinterlassenschaft Ihres Herrn Vaters ansprechen darf . « » Meines Vaters ? Sie kannten ihn ? « » Ja . Wenig . Doch meine Mutter hatte die Freude , ihn näher zu kennen ... « » Ihre Frau Mutter ? « » Sie trafen sich seit Jahren da und dort bei gemeinsamen Freunden , vornehmlich auch seinerzeit bei dem Vetter meiner Mutter , Exzellenz von Eggebeck ... « » Ach , das ist Ihr Vetter ? « » Gelegentlich sprach Ihr Vater wohl auch bei meiner Mutter vor , die als namhafte Porträtmalerin ja mannigfach das Interesse ihres Kreises genießt . « » Porträtmalerin ? « Diese Art , rasch hervorgestoßene Fragen ins Gespräch zu streuen , die manche Menschen haben , war Raspe immer unleidlich . Es machte ihn aber nicht nervös , sondern nur ein wenig förmlicher