, warum konnte sie ihn nicht los werden , den furchtbaren Gedanken , daß sie den Ewer auf See untergehen und den Jungen ertrunken im Graben sehen solle ? Warum wagte sie es nur mit heimlichem Grauen , helle Kleider zu tragen ? Sie begriff es nicht , daß eine Seefischerfrau , wie die kleine Metta Holst , die doch auch nicht am Deich großgeworden war , sondern wie sie von der Geest stammte , es aushielt , daß sie so fröhlich lachen und singen konnte , und abends in der Schummerei geruhig auf dem Deich unter den Linden hinter dem Spinnrad saß und spann : denn ihr Mann und ihre beiden Söhne fuhren auf einem Ewer , schwammen auf einem Stück Holz in der See . Ein Blitzstrahl , eine Brechsee konnte ihr ganzes Leben verschütten , ihr ganzes Haus verdunkeln , ihr alles , alles nehmen , - und doch konnte sie singen und lachen , die Frau . Daß eine so fest stehen konnte ! Gesa schüttelte den Kopf . Der Junge glitt ihr ganz aus den Händen . Sie hielt viel von ihm , gewiß , ebensoviel , wie andere Frauen von ihren Kindern . Und wenn sie ihn zügelte und ihm wehrte , wenn sie ihn dem Wasser fernzuhalten suchte , was trieb sie anders dazu als die Liebe ? Bis zu drei Jahren war der Junge ein rechtes Mutterkind gewesen , das ihr Schürzenband kaum losgelassen hatte , und sein Vater hatte sich wenig mit ihm abgegeben , sondern nur immer lachend erklärt , daß er mit so kleinen Gören nicht umzugehen wisse : ein Mann , der ein kleines Kind auf dem Arm habe , komme ihm vor wie ein Hahn , der auf Eier gesetzt sei . Zwar hatte er den Jungen zuerst wohl alle zwei Stunden geweckt und dabei gesagt , das müsse er beizeiten lernen , denn später beim Schollenfang hieße es auch : alle zwei Stunden raus ! aber es war nur Spaß gewesen , wie es auch Spaß gewesen war , wenn er ihn auf und ab schaukelte , um ihn an die Dünung zu gewöhnen und ihn seefest zu machen , wozu er sang : So dümpelt de Eber , so dümpelt de Eber , so dümpelt de Eber up See ... Dann aber , als der Junge anfing zu sprechen und zu begreifen , war es anders geworden : da kam der Ernst . Da wurde er ausgelacht , weil er ein Mutterkind war , und von ihren Wegen abgelenkt , da wurde das Wort gesprochen : Ne bang wesen , Junge , anners kummst du ne mit no See ! Ne schreen , Klaus , anners kann ik di noher an Burd ne bruken , denn müß du Kleigrober oder Kristoffer Bullerballer wardn ! Da war der Brand in die Kinderseele hineingeworfen worden und hatte sie verheert ! Da war ihm der Kompaß in die Brust gesetzt worden , der beständig nach der See wies und all sein Tun und Lassen lenkte . Dann kam der Kahn , der grüne , nordische Kahn , von dem Gesa glaubte , daß ihr Mann ihn vom Teufel gekauft hatte und nicht von dem norwegischen Schuner , wie er behauptete . Den bekam der Junge zu seinem vierten Geburtstage , und damit war er der Elbe und dem Wasser verfallen der nun mehr war als die andern Jungen am Deich : Reeder und Schiffer . Da übertrugen die Finkenwärder den Namen des Fahrzeuges bald auf den Jungen , und aus dem kleinen Klaus Mewes wurde für jung und alt ein kleiner Klaus Störtebeker ! Gesa seufzte tief , denn sie trug schwer an diesem gottlosen Namen . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Die vier Getreuen aber standen an dem breiten , schwarzen Graben zwischen den dicken krummen Wicheln und den schlanken , schiefen Erlen und suchten die Spuren von Klaus Störtebeker . Sie bestimmten den Baum , an dem er sein Admiralsschiff festgehabt hätte , und durchforschten die hohlen Stämme nach Gold , das er vielleicht hineingesteckt haben könnte . Das faule Holz glomm auch wirklich wie Silber , so daß der Junge alle Augenblicke ausrief : » Hier sitt dat Gild , hier sitt dat Guld ! « und sie von einer Wichel nach der andern lockte . Klaus Mewes aber guckte viel nach dem Bauernhof auf der zehn oder zwölf Ewerlängen entfernten , deichhohen Wurt , der bei den alten Leuten noch der Grönlandshof hieß , weil in alten Zeiten die hamburgischen Walfischfänger neben ihm geankert hatten . Dorther stammten er und die ganze , weitverbreitete Sippe der Mewes : auf dem Grönlandshof hatte der alte Vogt holländischen Blutes gesessen , der aus einem Bartholomäus zu einem Bartel Mewes geworden war . Seine Jungen und Enkel dann , die hatten es herausgefunden , daß es besser sei , die grüne See zu pflügen , als das braune Land , und sie waren nach dem Deich gezogen und Schiffer und Fischer geworden . Das Bauerngeschlecht der Mewes war ausgestorben : die seefahrenden Mewes aber waren immer noch groß am Ruder und machten ein Drittel der Fischerflotte aus , während das zweite und letzte Drittel den Focken und Külper zukam . Seefischerei ! Klaus Mewes sehnte sich nicht nach der Bauerei zurück und tauschte seinen lieben , großen Ewer gewiß nicht gegen den ganzen Grönlandshof . Dritter Stremel . Den Montag , der als ein schöner , stiller Vorfrühlingstag über die Elbe kam , fing Klaus Mewes mit füher Arbeit an , er schleppte Segel und Kurren , mit seinen Leuten über das Eis , machte die beiden Kurrleinen fertig und eiste dann das Fahrzeug ringsum frei , damit Raum für den notwendigen Anlauf gewonnen würde , denn er hatte keine Ruhe mehr : das Eis trieb nicht weg und konnte noch wochenlang liegen bleiben