gegen alles , was das Judentum deutlich repräsentierte . Es amüsierte ihn , - ihm gerade zum Trotz - den so sehr » rassigen « Stanislaus und die rote Olga mitzunehmen . Er hatte nicht vergessen , wie Eddas Bruder sich damals gegen die Verheiratung der Schwester gesträubt hatte und wie nur die Tatsache , daß der neue Schwager Eddas Geld mit Seelenruhe in der Fabrik ließ und es ihm zur Verfügung stellte , ihn umgestimmt hatte . Ein anderer Gatte , ein Offizier oder ein Industrieller , wie er ihn für sie am liebsten gewünscht hätte , würde ihm ihr Geld nicht überlassen haben . Kaum war die Verbindung vollzogen , so war Herr Reisenleitner auch schon stolz auf den großen Namen des Schwagers ; überall prahlte er damit , daß seine Schwester den berühmten Dozenten » bekommen « habe . » Er is zwar a Jud - no ja , Schattenseiten hat alles - aber wenn man der Dozent Diamant is , kann man sich das erlauben ; passen ' s auf , - der wird auf ja und na Professor , - trotz der Strömung ! « Er sprach dieses eine Wort respektvoll in reinem Hochdeutsch , mit zugespitzten Lippen , aus . - Und er hatte recht behalten . Trotz der » Strömung « war Diamant , dessen Kollegien eine internationale Hörerschaft nach Wien zogen , in jungen Jahren zur Professur gelangt . - Edda kam bald wieder . Sie trug ein graues , langschleppendes Kleid von zartem Gewebe , unter dem es schwer und starr rauschte . Auf die hochgeschlossene Taille war in Silberstickerei ein Blumenornament appliziert , das sich um die Büste schlang und sich flimmernd von dem wolkengrauen Grunde abhob . Ein Hut in der Form einer riesigen Altwiener Kapotte aus rosa Filz , mit nickenden rosa Straußfedern , umschloß das runde Gesicht , mit den blauen Blumenaugen . Ein weißer , burnusartiger Mantel war um die Schultern geworfen . Die Weigerung der Geschwister mitzukommen , wurde vom Professor mit guter Laune abgewiesen . » Ihr müßt mit « , entschied er . Die Gesellschaft ging im Licht einer Lampe , die das Mädchen trug , die Treppe hinab . Der Hausmeister wurde herausgeklingelt und erschien schlaftrunken , ein Stearinlicht in der Hand , mit den Pantoffeln schleifend , im Nachthemd , mit halbzugeknöpfter Hose . Er öffnete das Haustor und kassierte von jedem der Herren einen Obulus . Die breite Straße war fast leer und schwach beleuchtet . Das Wetter war nebelig frostig . Man fuhr in zwei Fiakern dem Lokal zu . Die Nähe der schönen Frau erfüllte Stanislaus und belebte sein schweres Temperament . Wie eine Königin erschien sie ihm in ihrer Schönheit ; und daß sie sich vor kurzem selbst als die Sklavin unterjochender Schwere bekannt hatte , war ihm ein merkwürdiger und schwermütiger Kontrast . Man betrat das Lokal . Edda ging voran . Die starre graue Seide des Unterkleides krachte und raschelte , der Kopf mit dem noch erhöhenden Federnschmuck war stolz zurückgelehnt , die Augen glitten über den dichtgefüllten Saal , alle an sie herandrängenden Blicke hochmütig übersehend . So ging sie , der blendenden Wirkung sicher . Es war ein niedriger Saal , die Kellerwände waren mit Fayencefliesen verkleidet . In dichten Reihen standen die Tische . Ein paar Winkel waren mit roten Sammetvorhängen logenartig abgeteilt . Die Atmosphäre war dumpfig , voll von Tabakrauch , schlecht ventiliert . Ein berühmtes Nachtlokal , vom » echten , alten Schlag « , wie Herr Reisenleitner erklärte . Eine bescheidene Kapelle , - ein paar Violinen , ein Klavier , ein Cello , - machte auf einer kleinen Galerie Musik . Edda führte mitten durch das Lokal , zwischen den Tischen durch . Fast alle Gäste setzten das Glas hin und dirigierten die Köpfe auf die überragende Erscheinung . Bewundernde Worte raschelten ihr zu . Neben ihr ging Olga , in ihrem braunen Wollkleid , den glatten , braunen Filzhut in die Stirn gedrückt . Die anderen folgten . » Da sind sie schon « , rief Reisenleitner und steuerte einer der roten Sammetlogen zu . Der halbgeraffte Vorhang ließ das Innere frei . Man sah zwei Herren , die sich eilig erhoben , als die Gesellschaft herankam . Pankratius Kaff , den Frau Edda gern Kaffer nannte , im braunen Sammetrock , mit wehendem Schlips , wiegte den haarumwallten Kopf , zog dabei das Gestrüpp seines Vollbartes durch die hohle Hand und murmelte , mit tief unter den Kehlkopf gedrückten Tönen , seine » Befriedigung « , daß die » hohe Frau samt Gefolge « erschienen sei . » Seid auch Ihr gegrüßt , nußbraunes Mädchen « , wandte er sich an Kathi , die ihn mürrisch überging . Jeden der Ankömmlinge adressierte Pankratius auf diese seine Art , welche , wie er wiederholt auseinandergesetzt hatte , nicht der » flüchtigen Daseinsform « , sondern der » Idee « gelte , die sich in der betreffenden Person » emaniert « habe . Mit korrekten , halben Sätzen erledigte der Amerikaner die Begrüßungsphrasen . » Glad to see you « und ein mäßig kräftiger Händedruck mit den Bekannten , - Namensgemurmel gegenüber dem Vetter Stanislaus , von dessen Anwesenheit Mr. Daniel Horatio Macpherson fürder keine Notiz mehr nahm . Er überragte selbst Frau Edda um die ganze Höhe seines Kopfes , der mit seinem schmalen , langgezogenen Gesicht an eine Pferdephysiognomie gemahnen konnte . Das rötliche Haar , das glatt und gesalbt niedergelegt war , lichtete sich in der Mitte zu einem breiten Scheitel , der sich am Wirbel zu einer runden , blanken Fläche verbreiterte . Sein glattrasiertes , rosiges Gesicht war gut mit Cream gepflegt , die wasserblauen , runden Augen schienen wenig bewegt , fast starr , und waren die Ursache , daß ihn Frau Edda einen » Karpfen « genannt hatte . Sein Alter war schwer zu bestimmen . Man hätte ihn für einen ganz jungen Mann halten können , wären nicht die