Ei wie denn ? Bist etwan ein Chymiste worden ? « meinte der Vater befremdet . Und bedächtig versetzte der Oheim : » Hum ! Du weißt ja ... hum ! Glas kann ich nicht mehr machen . Vom Blasen und staubigen Schleifen ist mir der Odem benommen . Und wann die Berge verschneiet liegen , mag ich nicht immer bloß Pillulen drehen . Habe mich also der chymischen Kunst ergeben und mir ein Laboratorium angelegt . « » Und bist wohl gar dem Goldmachen auf der Spur ? « Es war dem Oheim ganz ernst , als er erwiderte : » Aus menschlichem Vermögen kann ich sagen : ich hoffe . Wirst nun freilich denken : da haben wir abermalen einen neuen Grillenfänger , rußigen Kohlenbläser und gefährlichen Schwarzkünstler . So lauten ja wohl die Ehrentituli , mit denen die stolze Disputiergelahrtheit gemeiniglich den Jünger einer Kunst beleget , die in der ganzen untermondlichen Atmosphäre zwar die unsicherste , aber auch die allerkostbarste ist . « » Nun , nun , « - begütigte mein Vater - » will dich nicht schelten ; alle Kunst ist ja von Gott , wohl auch die alchymistische , wofern ... « » Amen , Amen , « unterbrach ihn der Oheim freundlich und rüttelte des Vaters Schulter : » Bruder Martin , hüpfen tut mein Herze , bisweilen du nicht bist wie jene törichten Prädikanten , so behaupten , daß allen Goldmachern und Schatzgräbern der Teufel im Nacken sitze . Solche Pfaffen mögen im Catechismo Lutheri beschlagen sein - von Magia verstehen sie so viel wie die Kuh vom Kanzelreden . « » Nun ja doch , Tobias , wohl , wohl ! Indessen du hast mich unterbrochen . Von Gott ist alle Kunst , wofern man sie rechten Sinnes übet . Sonsten aber schwarze Kunst und verwerflich . « Der Oheim winkte mit der Hand ab und kämpfte einen Hustenanfall nieder : » Schwarz ? Ah , nur die falsche Kunst ist schwarz , die Gaukelei der Afterchymisten ! Was der Mensch aus seines Geistes hohen Kräften suchet und vermag , ist weiß wie himmlisch Licht . Könnte es etwan wider Gottes Willen sein , so einer die Natur zu urkunden und zu meistern trachtet ? Soll ich mein Pfund vergraben und faul liegen lassen ? Wie spricht denn der Heiland ? Werdet vollkommen , gleichwie euer Vater im Himmel vollkommen ist . « » Die wahre Vollkommenheit « - gab mein Vater zurück - » bestehet im reinen Herzen . Diene der Magiae reinen Herzens , nicht , wie die Schatzgräber , aus Goldgier . « Der Oheim stutzte : » Als ob nicht auch ein Schatzgräber reinen Herzens sein könnte ! « » Schon gut , « sagte mein Vater ; » wenn er mit dem Golde nicht seinen Lüsten dienen will , sondern dem Reiche Gottes . « » Selbiges will ich « - versetzte der Oheim fest . » Meine Lüste ? Die sind abgestorben ! Nur die Lust an der magischen Kunst ist übriggeblieben ; und so der Himmel sie segnet , will ich gern nach seinem Willen das Gold verwenden . « » Zum Exempel , wofür ? « » Zum Exempel für deinen Sohn , unsern Johannem , damit er auf hohen Schulen ein großer Physikus und Adepte werde - ein rechter König Salomo . « Seit dieser Zeit hörte ich in mir eine Stimme mahnen : » Halte zum Oheim , er soll dich leiten ! « Je öfter ich nun nach Schreiberhau kam , desto besser behagte es mir daselbst . Die Wiesen mit ihrem Vieh , das Gärtlein und Roggenfeld , die großen Steine , das Laboratorium und der Stall , die Balkenstube , das Häusel mit allen Winkeln , auch die benachbarten Bauden , die Glashütte mit ihrer Schleifmühle , rings die Höhen mit Tannen und Rauschebächen - das alles ward mir bald so traut und lieb , daß es mich in jeder Schulvakanz zum Oheim , zur alten Beate und zu meinem Freunde Wächter zog . Selbst in den Tagen meines Hirschberger Aufenthaltes ist manch heimlich Stündlein gekommen , wo meine Gedanken gen Schreiberhau geflogen sind . Wenn ich zum Exempel vor dem Schlafengehen mit den Eltern das Abendlied sang : » Ich danke dir von Herzen , Daß du an diesem Tag ... « und dann an die Worte kam : » Noch meinem Vieh was schade , Es sei klein oder groß « , so dachte ich an des Oheims Kühe und Ziegen , die ich mit Wächter , eine Peitsche in der Hand , gern auf der Wiese hütete . Schloß sie voll einfältiger Liebe in mein Gebet mit ein , auch Gänse , Hühner und Karnikulein , auf daß nicht etwa Fuchs und Marder sie würge . Während der langen Ferien begunnte des Oheims Laborantenwesen und chymistisch Treiben meinen Sinn magnetisch zu fesseln . Von Wächter begleitet und auf dem Rücken die Hucke , tat ich manche Suche nach Kräutern . Lernte Pestwurz , Eisenhut , Aronstab , Johanniskraut , Stolzen Heinrich , Taubenkropf , Goldraute und Alraunknoblauch nebst ihren heilenden oder magischen Kräften kennen . Dabei ward mir auch das Gebirge immer bekannter . Im Laboratorio hatte ich mir bald die kleineren Fertigkeiten zu eigen gemacht , als da sind Säfte pressen , Machandelmus kochen , Eibergeist destillieren , Gestein im Mörsel zerreiben , Tiegel , Kolben und Retorten reinigen , Phiolen verstöpseln , Holzkohle bereiten und die Glut mit dem Blasebalg anfachen . Auch nahm der Oheim Gelegenheit , meine ziemliche Kenntnis des Lateinischen zu nutzen , indem er mir ein Buch ins Teutsche zu übertragen gab » De secretis operibus artis et naturae « - will heißen : von den geheimen Werken der Kunst und der Natur . Da ich nun die Arbeit vollendet hatte , legte der Oheim freundlich die Hand auf meine Schulter und sprach feierlich : » Lieber Johannes ! Aus dem übertragenen Buche wirst du vollends ersehen haben