Gottes Hand . Und wo die Welt verschlossen ist und ihre Geheimnisse beginnen , da steht er noch seltsam drängend und fragt sein zuversichtliches Warum . Nach jedem Schall und jedem Schein tappt dies zweifelnde , erstaunte , hungrige , ehrfurchtslose Warum . « Es ist nicht zu leugnen , Daumer war oft erschreckt durch das Gefühl eignen Ungenügens . Heißt das noch lehren ? grübelte er , heißt das noch Gärtner sein , wenn das wilde Wachstum sich dem Pfleger entwindet , das maßlos wuchernde Getriebe keine Grenze achtet ? Wie soll das enden ? Zweifellos bin ich hier einem ungewöhnlichen Phänomen auf der Spur , und meine teuern Zeitgenossen werden sich herbeilassen müssen , ein wenig an Wunder zu glauben . Noch immer war es die liebste Vorstellung Caspars , einst heimkehren zu dürfen ; » erst lernen , dann heim « , sagte er mit dem Ausdruck unbesiegbarer Entschiedenheit . » Aber du bist ja zu Hause , hier bei uns bist du zu Hause « , wandte Daumer ein . Aber Caspar schüttelte den Kopf . Bisweilen stand er am Zaun und sah in den Nachbargarten hinüber , wo Kinder spielten , deren Wesen er mit komischem Befremden studierte . » So kleine Menschen « , sagte er zu Daumer , der ihn einmal dabei überraschte , » so kleine Menschen . « Seine Stimme klang traurig und höchst verwundert . Daumer unterdrückte ein Lächeln , und während sie zusammen ins Haus gingen , suchte er ihm klarzumachen , daß jeder Mensch einmal so klein gewesen , auch Caspar selbst . Caspar wollte das durchaus nicht zugeben . » O nein , o nein « , rief er aus , » Caspar nicht , Caspar immer so gewesen wie jetzt , Caspar nie so kurze Arme und Beine gehabt , o nein ! « Dennoch sei dem so , versicherte Daumer ; nicht allein , daß er klein gewesen , sondern er wachse ja noch täglich , verändere sich täglich , sei heute ein ganz andrer als der Hauser auf dem Turm , und nach vielen Jahren werde er alt werden , seine Haare würden weiß sein , die Haut voller Runzeln . Da wurde Caspar blaß vor Furcht ; er fing an zu schluchzen und stotterte , das sei nicht möglich , er wolle es nicht , Daumer möge machen , daß es nicht geschehe . Daumer flüsterte seiner Schwester etwas zu , diese ging in den Garten und brachte nach kurzer Weile eine Rosenknospe , eine aufgeblühte und eine verwelkte Rose mit herauf . Caspar streckte die Hand nach der vollblühenden aus , wandte sich aber gleich mit Ekel ab , denn so sehr er die rote Farbe vor allen andern liebte , der heftige Geruch der Blume war ihm unangenehm . Als ihm Daumer den Unterschied der Lebensalter an Knospe und Blüte erklären wollte , sagte Caspar : » Das hast du doch selbst gemacht , es ist ja tot , es hat keine Augen und keine Beine . « » Ich habe es nicht gemacht « , entgegnete Daumer , » es ist lebendig , es ist gewachsen : alles Lebendige ist gewachsen . « » Alles Lebendige gewachsen « , wiederholte Caspar fast atemlos , indem er nach jedem Wort pausierte . Hier drohte Verwirrung . Auch die Bäume im Garten seien lebendig , sagte man ihm , und er getraute sich nicht , den Bäumen zu nahen , das Rauschen ihrer Kronen machte ihn bestürzt . Er fuhr fort zu zweifeln und fragte , wer die vielen Blätter ausgeschnitten habe und warum ? Warum so viele ? Auch sie seien gewachsen , wurde geantwortet . Aber mitten auf dem Rasen stand eine alte Sandsteinstatue , die sollte tot sein , trotzdem sie aussah wie ein Mensch . Caspar konnte stundenlang die Blicke nicht davon wenden , Verwunderung machte ihn stumm . » Warum hat es denn ein Gesicht ? « fragte er endlich , » warum ist es so weiß und so schmutzig ? Warum steht es immer und wird nicht müde ? « Als seine Furcht besiegt war , ging er heran und wagte die Figur zu betasten , denn ohne zu tasten , glaubte er nicht dem , was er sah . Er hatte den heftigen Wunsch , das Ding auseinandernehmen zu dürfen , um zu wissen , was innen war . Wie viel war überall innen , wie viel steckte überall dahinter ! Es fiel ein Apfel vom Zweig und rollte ein Stück des abschüssigen Weges entlang . Daumer hob ihn auf , und Caspar fragte , ob der Apfel müde sei , weil er so schnell gelaufen . Mit Grauen wandte er sich ab , als Daumer ein Messer nahm und die Frucht entzweischnitt . Da ward ein Wurm sichtbar und krümmte seinen dünnen Leib gegen das Licht . » Er war bis jetzt im Finstern gefangen wie du im Kerker « , sagte Daumer . Das Wort machte Caspar nachdenklich ; es machte ihn nachdenklich und mißtrauisch . Wie vieles war da im Kerker , wovon er nicht wußte ! Alles Innen war ein Kerker . Und in wunderlicher Verworrenheit knüpfte sich an diesen Gedanken die Erinnerung an den Schlag , den er damals erhalten , nachdem ihn der Du gelehrt , wie man das Pferdchen frei bewegen könne . In allen fremden Dingen lauerte der Schlag , in allen unbekannten wohnte Gefahr . Eine gewisse strahlende Heiterkeit , die allmählich Caspars Wesen entströmte und die das Entzücken seiner Umgebung bildete , war daher stets an jene erwartungsvolle , ahnungsvolle Bangigkeit gebunden . Nach regnerischen Stunden mit Daumer aus dem Tor tretend , gewahrte Caspar einen Regenbogen am Himmel , Er war starr vor Freude . Wer das gemacht habe , stammelte er endlich . Die Sonne . Wie , die Sonne ? Die Sonne sei doch kein Mensch . Die natürlichen Erklärungen ließen Daumer im Stich , er mußte sich auf Gott berufen .