Heil oder Unheil zu denken . Schrecken aber erfaßt mich bei dem Gedanken , was Sie leiden werden , wenn Sie mit Ihrer schönen Phantasiewelt ( verzeihen Sie einer Frau den Romanausdruck ) an die harte Wirklichkeit stoßen ( o weh , aber ich finde kein anderes Wort ) ; und nur eines wundert mich , daß der grausame Stoß nicht schon längst erfolgt ist . Müssen das seltene Menschen von zarter Seelenfeinheit gewesen sein , unter denen Sie in der Fremde wohnen durften , daß Ihnen vergönnt war , sich dermaßen ungehindert und ungestraft in eine Idealwelt einzuträumen , zumal im Gewühl einer großen Stadt ! Schwerlich rate ich fehl , daß es eine Frau war , und zwar eine hochsinnige Frau von außerordentlichen Eigenschaften , deren Sorge über Ihren Weg wachte . Ich würde solch ein dauerndes Phantasieglück mitten unter den Menschen überhaupt nicht für möglich gehalten haben , wenn Ihre Schilderung mirs nicht bezeugte . Ich bewundere die Willenskraft , die Treffsicherheit , mit welcher Sie unter der Leitung der Strengen Frau Ihren Lebensweg im verworrensten Dickicht zurechtfinden ; allein , verzeihen Sie , ein Fehler läuft doch mit unter . Sie sind hier , und Sie sollten nicht hier sein . ( Nicht wahr , Sie mißverstehen mich nicht ? Ich denke eben nicht an mich , sondern an Sie . ) Gestatten Sie mir , daß ich mich durch die Miggimaggi Ihres Herzens nicht täuschen lasse : Sie wollen Frau Direktor Wyß einfach wiedersehen . Und warum wollen Sie sie wiedersehen ? Weil Sie sie nicht vergessen können . Das ist bedauerlich ; ich hätte Ihnen gewünscht , Sie könntens ; denn das Nachsehen nach etwas , was man endgültig weggegeben hat - Sie sehen , ich unterstreiche das Wort endgültig - bringt nur unnützes Augenweh . Allein es ist wahrlich nicht die Rolle einer Frau , Sie deswegen zu tadeln ; denn daß man seinem Herzen nicht gebieten kann , wer wüßte das besser als wir ? Nur möchte ich Sie eben davor bewahren , daß Sie sich durch vergebliche Hoffnungen grausame Enttäuschungen zuziehen . Wollen Sie von Ihrer alten Freundin eine wohlgemeinte Warnung annehmen ? - es wird zwar nichts nützen , allein ich muß es trotzdem tun , weil ich mirs nicht verzeihen könnte , es nicht getan zu haben : Sehen Sie sie nicht wieder ; verlassen Sie so schnell wie möglich diesen gefährlichen Boden , und singen Sie Ihr herrliches Duett mit Imago weiter , aber in sicherer Ferne . Imago wird mit der Zeit genesen und ihre Stimme wiederfinden , darum ist mir nicht bange . Hier dagegen ist nichts für Sie zu holen als Unfriede . Merken Sie wohl , was ich Ihnen sage , ich , die ich Frau Direktor Wyß kenne - sie war ja sozusagen in gewissem Sinne meine Schülerin ( wenn auch nur vorübergehend ) und hat mich eine Zeitlang mit ihrem Vertrauen beehrt - merken Sie wohl , was ich Ihnen sage : sämtliche Fächlein ihres Herzens sind besetzt . Liebe suchen Sie ja nicht bei ihr , nicht wahr ? Dazu sind Sie zu gewissenhaft ; Freundschaft aber werden Sie nicht erhalten , denn zur gemeinen Konzert- und Hausfreundschaft kommen Sie zu spät , und zur hohen Seelenfreundschaft , wie Sie sie meinen , zu früh . Dazu ist sie viel zu jung , zu ungequetscht , zu glücklich . Und daß Sie sich ja nicht etwa auf Ihre geistigen Eigenschaften verlassen ! Sie ißt nicht von dieser Konfitüre . Wer den Hauch der Parusie nicht gespürt hat , wird auch den Odem der Strengen Frau und den Tritt des himmelstürmenden Löwen nicht spüren . Ich sage das , ohne den Wert der Dame im mindesten herabzusetzen , den ich wahrlich hoch genug anschlage , da ich sie zu Ihrer Frau berufen glaubte . Allein wenn ich sie für würdig hielt , Ihre Frau zu werden , so halte ich sie darum noch nicht für fähig , Ihre Freundin zu sein . Beides verlangt ganz verschiedene Eigenschaften . Also noch einmal : verlassen Sie diesen gefährlichen Boden , denn Sie sehen mir stark danach aus , große Torheiten begehen zu wollen ; zur Belästigung anderer und zu Ihrer eigenen bitteren Enttäuschung . So , nun habe ich meine Seele gerettet . Jetzt tun Sie , was Sie wollen , oder vielmehr , was Sie müssen ; denn das Schicksal wird schon wissen , was es mit Ihnen vorhat . Ich schwaches Menschenkind vermag nicht mehr , als Ihnen meinen Herzenswunsch auf den Weg mitzugeben : Sie möchten Ihr hohes Lebensziel , das Sie ganz sicher erreichen werden , nicht mit allzu grausamen Wunden erkaufen müssen . Also ich hoffe , Sie nicht wiederzusehen . Und grüßen Sie mir Ihre herrliche Imago . Ihre Ihnen in Freundschaft und Ehrerbietung ergebene Martha Steinbach Nachschrift : Und geben Sie acht , daß die irdischen Weiber nicht Ihrer scherzen ! Nichts nützen ? wiederholte Viktor , nachdem er den Brief gelesen hatte . Warum nichts nützen ? Dadurch unterscheidet sich doch der Mensch vom Maultier , daß er einen gescheiten Rat annimmt . Liebe Freundin , Sie haben einfach recht . Was tue ich hier ? was geht mich überhaupt das ganze verpfuschte , verheiratete Dämchen an ? Fertig ! beschlossen ! bleibts dabei : ich will sie meiden , ich will abreisen . Das heißt natürlich , sobald ich meinen alten Freunden und Schulgenossen den schuldigen Gruß werde abgestattet haben . Denn ob ich die Dame schon meiden will , flüchten vor ihr , angstvoll flüchten wie ein christlicher Jüngling vor der Versuchung , das denn doch nicht ; dazu habe ich denn doch wahrlich keine Ursache . Sollte also vielleicht der Zufall es fügen , daß ich ohne mein Zutun mit ihr zusammentreffe , um so schlimmer für sie . Und ein kleines , krummes Wünschlein wurmte zuunterst in seiner Seele , der Zufall möchte es fügen . Eine schlimme Enttäuschung Wie sie sich