Leben gebebt , als ich in Gefahr war ? Wolltest du nicht mit mir sterben , als ich zu sterben fürchtete ? Nein , du bist ganz Mensch , Georges , ich muß dich doch kennen , ich , die Mutter deiner Kinder ! Aber - aber - sie sagen ja - ich kenne dich nicht ! Sie sagen , du seiest jemand anders als der , der du bist . Du selber hast bekannt , nicht der zu sein , als der du gewöhnlich erscheinst . Du selber hast gegen dich ausgesagt . Das war gefährlich , Georges . Das war unsinnig ! Sie haben alles geglaubt . Sie glauben das schlechteste zuerst und am liebsten . Warum hast du gegen dich selber ausgesagt , Georges ? Sie haben dich angeklagt unbegreiflicher , lichtscheuer Greuel , die der Mund nicht nennen kann , die nur ihr Mund nennt , der Mund der schamlosen Gerechtigkeit , die gekommen ist , die Schamlosigkeit zu strafen . Du hast die Beschuldigung gehört , und du hast sie nicht ins Gesicht geschlagen , deine Beschuldiger . Du hast ihre abscheuliche Zunge nicht in den lügnerischen Mund zurückgestoßen . Du hast die Achseln gezuckt , sagen sie , du hast - gelächelt ! War das ein Augenblick zum Lächeln , Georges ? Wer bist du ? Sprich , wer bist du ? Ein Bild auf dem Wasser ? Ein bunter Anstrich auf einer zerbröckelnden Lehmwand ? Ein Ungeheuer mit Menschenaugen ? Ein Vampir , der lachen kann und in heimtückischer Mitternacht seinen Mund in Blut taucht ? Ja - aber dann - wer bin ich ? Und deine Kinder ? Kleine weiche , rosige Geschöpfe mit träumenden Augen und Vogelstimmchen - wer sind sie ? Sind es Kinder wie andere Menschenkinder ? Sind es junge Werwölfe ? Sind sie wie - du ? Wie welches du ? Sind sie wie dein du , das ich kenne ? Sind sie wie jener schreckliche Verbrecher , den sie in dir gefunden haben ? Eine Mutter denkt viel , Georges ! Sage mir etwas über die Kinder , deine und meine Kinder ! Ist ihr Schicksal - nein , nein ! Ich kann es nicht aussprechen ! Ich kann die Antwort nicht hören . Ich entsetze mich vor der Antwort ! Ich empöre mich gegen jede Unerbittlichkeit ! - Ich will das nicht dulden , Schicksal ! Hörst du mich , du unerbittliches ? Oh , Georges ! ich kenne dein verschleiertes Lächeln . Was flüstern deine seltsam zuckenden Lippen mir zu ? Was sagst du ? Wie ich , so sind alle ! Ohne Ausnahme . Keiner ist besser . Nichts ist gut . Niemand ist wert , daß ihn die Sonne wärmt . Alles ist nur Heuchelei , Konvention , und darunter das Aas . Lüge ihre Begeisterung , Lüge ihre Entrüstung . Sie spielen ! Hast du das nicht gesagt , Georges ? Hast du nicht die Erde um mich zu einem Leichenfeld gemacht ? Hab ich nicht an deiner Seite gebebt und gezittert nach der Sonne , die keiner auf Erden wert ist ? - Aber dann - als alles vorüber war , als du vor den Schranken standest , abgeurteilt , verdammt , zerschmettert , ausgelöscht , bist du da nicht wie ein Flehender an der Himmelspforte zusammengeknickt ? Hast du nicht mit der Stimme der Wahrheit und der Verzweiflung geschrieen : ich sterbe ohne mein Weib ! Gebt mir mein Weib und meine Kinder ! Haben sie nicht in ihren kalten Berichten berichtet : Es ging ein eisiger Schauder durch alle Anwesenden ? War das auch Heuchelei ? Konvention ? Lüge ? Hast du das gespielt ? Wer bist du ? Grübelnd , qualvoll starr ich dich an , und du erwiderst meinen Blick , grübelnd , qualvoll . Bodenlos und seicht zugleich ist dein Auge , höhnisch und verzweifelt zugleich ist dein Lachen . Wer bist du ? - - Und plötzlich dann brach es wie ein Erlösungsschrei aus Josefines angstbeschwerter Brust : Ein Leidender ! Was frag ich noch ! Ein Verlassener ! Ein Gefangener ! Armer Georges , fürchte nichts ! Fürchte nichts ! Ich verlasse dich nicht . Ich beurteile dich nicht . Ich verachte dich nicht . Ich will dich schützen , denn du bist in der Verzweiflung . Ich will aus meinem Herzen einen warmen Mantel machen um deine Nacktheit . Ich will - Aber sag - wo waren deine Gedanken , während du bei mir warst , Georges ? Was für Bilder - Ach , nicht denken ! Nicht denken ! Gar nichts denken . Leben . Und vergessen . Die Zeit wird helfen ; dir und mir . Und die Arbeit ! Vor allem die Arbeit . Schaffen muß man , nicht rechts , nicht links sehen . Schaffen , leben und vergessen . Lieber Gott , ich danke dir , daß ich arbeiten darf ! Lieber Vater , ich danke dir , daß du mir beistehen willst ! Nur Kräfte bitt ich ... Und fort mit dem quälenden Grübeln ! - - - - - - - - - - - - - - - Und so begann Josefine zu studieren wie ein Student und unter den Studenten . Und ihre schmerzhafte Aufregung verwandelte sich in rastlose Tätigkeit , und eine Fülle von Kraft strömte ihr aus der Arbeit entgegen . Zweites Buch Rastlose Tätigkeit , wie freundlich bist du dem Leidenden , der sein Herz nicht beschwichtigen kann . Aber Gedankenarbeit muß es sein , Gedächtnisarbeit selbst ist willkommen . Das stärkt , das lindert , das - betäubt . Die Uhr schlägt halb sechs . Dunkel , mondlos ist der Wintermorgen . Steh auf , Josefine , die du müde wie eine Lohnarbeiterin gestern abend auf dein Bett sankest ; um sieben Uhr beginnt das Kolleg . Wecke die Kinder nicht , sie brauchen den Morgenschlaf , wecke nur Laure Anaise und das Mädchen , das dir und den drei