, worüber der Schwager rein wild war , hab ' ich ihn wieder zu mir genommen , das war nach dem Tode meines Seligen . Ich hab ' ihm die Hauptflausen ausgetrieben und ihn ein bischen Buchhändler lernen lassen , und jetzt ist er mein Geschäftsführer und ebenso gut als ich selber , nur natürlich viel gebildeter , denn trotzdem er eigentlich nicht viel gelernt hat , weiss er Alles . Mein einziger Kummer ist , dass ich glaube , er hält nicht so recht zu unserem Kaiserhause und hat auch darin allzu neumodische Ansichten . Nein , Sie brauchen nicht zu erschrecken , Fräulein , Anarchist ist er nicht , aber Demokrat , Sozialdemokrat , wahrhaftig ja , das ist er . Na , das das sind ja wohl die jungen Leute heut alle , die nicht mit ' ner Million in der Tasche auf die Welt gekommen sind . Vereine und Versammlungen , die besucht er für sein Leben gern . Politische und literarische . Aber sonst ist er sehr solide , und ich bin mit ihm zufrieden , und wenn ich im Frühjahr fort muss , kann ich ihm das Geschäft getrost auf eine Weile überlassen . « » Sie wollen fort , Frau Wohlgebrecht ? « » Ich muss , mein Engel , auf ein paar Monate . Meine Bruderstochter , die ist oben in Westpreussen auf dem Lande verheiratet . ' Ne Mutter hat der Wurm nicht mehr , gerade wie Sie , Fräuleinchen . - Na deswegen müssen Sie nicht gleich weinen . Darin hat der Gerhart so unrecht nicht , dass manch einem besser da oben - oder wie er sagt , im » Nichts « - denn auch mit der Religion ist ' s schwach bei ihm bestellt - als unten bei uns zu Mute ist . Ja , was ich sagen wollte , zu meiner Bruderstochter kommt im Frühjahr zum erstenmal der Storch , und den Besuch möcht ich das kleine Frauchen nicht allein überstehen lassen . « Jetzt zog Frau Wohlgebrecht eine dicke goldene Uhr zwischen den Knöpfen ihrer braunen Taille hervor . » O , o « , meinte sie und erhob sich gemütlich , » da habe ich mich ja schön verplaudert . Also am Dienstag auf Wiedersehen , Fräulein . So um sieben ' rum erwarte ich Sie . Ach was , zu danken brauchen Sie nicht , versteht sich doch von selbst , dass man freundlich zu ' nem armen Mädchen ist , das sich mutterseelenallein durch die Welt schlagen muss . « Lotte sah ihrem Besuch nach , bis die Windung der Treppe ihr Frau Wohlgebrechts Anblick entzogen hatte . Wie gut diese Frau mit ihr war und sicherlich durch die Fürsprache des Herrn Schmittlein ! Gar nicht mehr so verlassen kam sie sich vor , seit Frau Wohlgebrecht bei ihr gewesen war . Gott im Himmel , nein , gewiss würde ihr die Grossstadt nicht zum Zwinger werden , der » rot von Blut und Thränen dampft « . Heute wollte sie jedenfalls nicht mehr an das schreckliche Gedicht denken . Nein , keinen Augenblick mehr . Mit heissen Backen setzte sie sich an das Küchenfenster . Was Lena wohl dazu sagen würde , dass sie eine wirkliche Einladung bekommen hatten , die erste in Berlin , und noch dazu in das Haus eines wirklichen Schriftstellers ! Lotte schwindelte der Kopf . Wenn Lena nur erst da wäre , damit sie ihr volles , glückliches Herz ausschütten konnte ! Ein brenzlicher Geruch hinter dem Vorhang erinnerte sie daran , dass das Mittagbrot noch nicht fertig war . Schnell band sie eine Schürze über das Sonntagskleid , zog den Vorhang zurück und stellte sich an den Herd . Aber während sie mechanisch auf das Essen acht gab , schweiften ihre Gedanken weit fort und zu dem zurück , was Frau Wohlgebrecht ihr von Gerhart Schmittlein erzählt hatte , und mit einem schweren Seufzer fragte sie sich , ob , wenn der Umgang wirklich fortgesetzt würde , ihre lückenhafte Bildung , ihr mangelhaftes Verständnis für Dinge , die sie kaum dunkel ahnte , jemals dazu ausreichen würden , dem hohen Fluge seiner Gedanken zu folgen . - Lena teilte zwar Lottes freudigen Stolz über Frau Wohlgebrechts Einladung nicht , aber sie war durchaus einverstanden damit . Erst vor einigen Tagen hatte eine der Aufsichtsdamen es ihr nahe gelegt , Familienanschluss zu suchen . Sie sei nun lange genug in Berlin , um daran zu denken . Da Lena wusste , dass der Verkehr in rechtschaffenen Familien beinahe ein Gesetz für die auf dem Amt beschäftigten jungen Mädchen war , und sie jetzt , kurz vor ihrer Anstellung , ganz besonders bemüht sein musste , jedem Wunsch von Seiten der Behörde zuvorzukommen , kam ihr Frau Wohlgebrechts Einladung sehr gelegen . Lenas sonstige Aussichten auf Geselligkeit waren gleich Null . Der Verkehr mit Marie Weber konnte nur ausnahmsweise gepflogen werden . Das junge Mädchen arbeitete auf Amt IV und die Fälle , dass ihre beiderseitige Dienstzeit so fiel , dass sie einen Abend hätten zusammen verbringen können , würden zu zählen sein . Das Kränzchen , das kürzlich von den Kolleginnen ihres eigenen Amtes veranstaltet worden war , hatte sie bisher der Trauer wegen nicht besuchen können . Anderen Anschluss aber hatte sie nirgends gefunden . Lotte war überglücklich , dass sie der Schwester so indirekt einen Dienst erweisen konnte . Gewöhnlich war es umgekehrt gewesen , und alle Beziehungen , die das Leben der Schwestern bisher verschönt hatten , waren von der temperamentvolleren , heitereren Lena ausgegangen . Leider war , wie so häufig in dieser mangelhaftesten aller Welten , die Vorfreude der bessere Teil der Sache gewesen . Anfangs zwar hatte sich alles trefflich angelassen . Die Schwestern waren von Frau Wohlgebrecht sehr herzlich empfangen worden . Herr Schmittlein hatte sich bemüht , seiner stürmischen Freude , Lotte wieder zu sehen , einen Dämpfer aufzusetzen , um die andere Schwester nicht zu beleidigen , die