s mir im Kopf . Jeder für sich ! Oh die traurige Welt ! Das ist sie ja , die Welt von heute , die Welt des Egoismus , die Welt der achselzuckenden verbrecherischen Gleichgiltigkeit , die Welt der gähnenden Langeweile einerseits , die Welt der Hirn und Blut verspritzenden Frohn auf der andern Seite ! Die Welt , wie jene sie gemacht haben , die bis jetzt regierten durch Benutzung der rohesten tierischen Triebe . » Jeder für den andern ! « das wäre die Welt , wie ich sie wünschte ! das schöne , heitere , enthusiastische Dasein , wie ich es für eine zukünftige glücklichere Menschheit träume ! Es ist so häßlich , für sich selbst zu sorgen , sein Recht verlangen , für sich selber kämpfen , alle verliehenen und ausgebildeten Kräfte für sich selbst verwenden , - so abstoßend und so langweilig ! Es ist so schön , alles das für andre einzusetzen , es ist so begeisternd , es leiht Riesenkräfte . Und gewiß , ich fühle es tief hier innen : es ist der einzige Weg zum Glück . - 25. Dezember . Ein Brief von Mama , aber vom Fest steht wenig darin . Sie schreibt , ich würde hoffentlich das Glück finden auf meinem selbstgewählten rauhen Wege . » Es giebt Menschen , « sagt sie , » die dort grade ein Vergnügen finden , wo die gesunden und nicht verschrobenen Leute , wie zum Beispiel ich , nur unnütze Erschwerungen und Unannehmlichkeiten sehn . « Dann wünscht sie mir » ein frohes Fest « und schickt mir ein schwarzes Spitzentuch . » Dein Papa ist in einer Bärenlaune , und wir haben auf nicht gerade angenehme Feiertage zu hoffen . « Arme Mama ! Ich weiß ja nur zu gut , wie es sein wird . Ein Weihnachtsbaum bis zur Decke und darunter gelangweilte oder gleichgiltige oder übellaunige Gesichter , - eine Menge Kuchen , Vormittagsvisite mit Portwein , - Gäste zu Mittag - Mockturtelsuppe , Gans und Karpfen - viel Rotwein - Toaste auf alle Familienglieder , - auf die » holden « Damen , - sattes Herumsitzen in den Schaukelstühlen und Sofaecken und nie ein Wort , ein gutes , frohes Wort , ein warmes , inniges Wort , das man inwendig weiter spürte ! Ist es nicht traurig , daß es so wenig warme Plätze giebt in der Welt , und daß es die meisten von uns beständig in der Seele friert oder doch fröstelt ? Die Familie sollte solch eine warme Stelle sein , aber das ist nicht mehr . Es ist nur noch ein Ort , wo die Menschen zusammenkommen , um zu essen und zu schlafen . Ihre Gedanken sind meilenfern von einander ; sie leben sich nicht zur Freude , nur zur Last . Der Herd ist zerschlagen , ist entweiht . Ich bin gegangen , und ich bin dessen froh , alle Tage . Die Konvention , die Schablone , die Heuchelei hätte mich dort erstickt . Aber so schön glänzt das alles auf den alten Bildern , daß er uns noch ergötzt , wenn auch nicht mehr erwärmt , der ferne fremde Feuerschein ! - 27. Dezember . Nun hab ' ich meinen Weihnachtstag doch noch gehabt . Ich war dben im Walde im tiefen Schnee . Ach , wie das herrlich war ! Geheimnisvoll und dämmerig am helllichten Tage . An den hohen Fichten , die wie eisgraue feierliche Wächter am Rande stehn , waren die Reifverbrämungen von Ast zu Ast zusammengeschmolzen und hingen nun so in großen , schweren , unbewegten Massen , ernst , schweigend , nicht das kleinste Lüftchen rührte daran . Scharf abgezirkelt , wie ein bleicher Vollmond stand eine weißliche Sonne am weißen Himmel , eine große blanke , strahlenlose Scheibe , in die man furchtlos die Augen versenken konnte . Ich stand am Waldrand und sah das schöne Limmatthal im weißen Nebel verdämmern , Melancholie und Träumerei beherrschten die versteinte Welt . Unsichtbare Vögel , unsichtbar in den dichtverschneiten Zweigen gaben schwache , träumerische , verhaltene Laute von sich . Wie starre Korallen standen die niederen Gesträuche am Bergeshang , und plötzlich war mir , ich gehe auf dem Grunde des Meeres und sehe sie dort wachsen , abenteuerlich und vielgestaltig , die Korallen . Ich ging und ging und dachte : ja , wie auf dem Grunde des Meeres ; so abgetrennt und verschollen , allein , kaum noch lebend ! Wie lange hab ' ich mit niemand gesprochen . Meine eigne Stimme ist mir fremd geworden . Der Nebel um mich stieg langsam höher und höher , schon verhüllte er den Weg , den ich eben gegangen . Aber nun ward das Gefühl der Einsamkeit köstlich , trotz eines leichten Grauens . Ich spürte heftiges Herzschlagen , und es zog mich wie mit Armen immer tiefer in den Wald , über den der Nebel ganz heraufrückte , als gelte es , das Geheimnis zu verhüllen , das zwischen den lautlosen Bäumen lagerte . Eine Offenbarung wollte mir werden , ich fühlte es . Ich blickte zur Sonne hin , ich suchte sie zwischen dem weißverwirrten Astwerk , da - plötzlich glühte sie auf wie eine Rose , der weiße Nebeldunst färbte sich warm , aus der Rose sprühten zuckende Funken , Flammen schlugen über den Himmel hin , lohten und stiegen empor , verklärt und verklärend , - - eine unbeschreibliche Glückseligkeit durchdrang mich - - Worte umklangen mich , - - kühne , unbegreifliche , und so wie aus weiter Ferne , aber mit hellem , hinreißenden Ton , - - Worte , die ich nun wieder suchen muß , mein ganzes ferneres Leben lang ! » Ein neuer Morgen für die Menschheit « - » ein neuer Morgen für die Menschheit « - - oh , wer dürfte diese Worte vollenden , ohne zu zittern , - oh , wessen Lippen sind rein genug , sie ohne Zagen auszusprechen !