Kinder . Sie waren schmutzig und ungezogen . Und sie erst . Eine Hallendame sag ich Ihnen . Aber trotz allem , ich wollte , ich wäre dort geblieben . Wir hatten ein kleines Gärtchen vorm Haus ; da gabs Flieder und Jasmin « - sie stockte und schwieg . » Warum hat er sie nicht geheiratet ? « fragte Johanne leise . » Ach , dazu war sie ihm zu ungebildet « . Das junge Mädchen schüttelte den Kopf . » Ich weiß nicht , es ist alles so ... so ... halb « . Endlich hatte sie das Wort gefunden . » Lauter Halbes , wohin man schaut . Keiner giebt sich ganz , jeder nur einen Teil , und begehrt auch wieder nur einen Teil vom Andern . Welch seltsame Welt ! « » Haben auch Sie schon Erfahrungen gemacht ? « Alice blickte sie mit wachsender Teilnahme an . » Ich glaube wir sind gleich alt . Nicht ? « » Ich bin bald neunzehn « . » Und ich war vor etlichen Tagen zwanzig « . » Sie sind auch schon Frau « . » Sie werden es wohl bald ; oder kennen Sie keinen Mann , den Sie heiraten möchten ? « » Ich kenne überhaupt nur vier Männer « lachte Johanne , » unsern Pastor , meinen Vormund , Herrn Wewerka und Ihren Mann . Nein , unsern alten Doctor in Sienenthal , den ja auch « setzte sie hinzu . Das harmlose , schlichte , ehrliche Wesen des jungen Mädchens gefiel Alice immer besser . Es strömte etwas Gesundmachendes , Kraftvolles aus ihrer Nähe . Sie war so sauber ; ihr roter Mund mit seinen prächtigen , schneeweißen Zähnen glich einer silberklaren Quelle , die nur Reines ans Licht trägt . Sie traten einander immer näher . Bei einem der nächsten Besuche , den Johanne ihr machte , erfuhr sie alles . Ihre Hände waren eiskalt , als sie zum Abschied sie in die ihrer neuen Freundin legte . - » Daß wir uns nach dem heutigen Tag nicht mehr Sie sagen können , begreifst Du « meinte die junge Frau , sich die letzten Tropfen aus den Augen wischend . » Ich will Dir auch eine treue Freundin sein , zähle auf mich « sagte Johanne ernst . » Ich hab viel gelesen in früheren Jahren , aber so Trauriges nicht , wie ich hier täglich sehe und höre . Sag mir nur , glaubst Du , daß alle Menschen unrein sind ? Vielleicht haben wir eben nur solche kennen gelernt ; wir müssen uns umsehen und suchen , damit wir nicht verzweifeln . Diese Frau Wewerka scheint auch eine dunkle Vergangenheit zu haben . Jüngst stritten sich die Beiden im Speisezimmer , ich wohne nebenan und vernehme jedes Wort . Ihr Mann sagte : Angenehm kann es mir ja nicht sein , mit Deinem früheren Anbeter zu verkehren ; aber wenn seine Lage wirklich so glänzend geworden ist , laß ihn immerhin herkommen , vielleicht erweist er sich nachträglich dankbar gegen dich « . Alice preßte die Zähne auf die Lippen . » Hast Du Deinen Mann lieb ? « fragte Johanne , als sie schon an der Thür war . Die junge Frau sah auf die Spitzen ihrer winzigen Lackschuhe und errötete . » Er kann - so süß sein . Man schmilzt in seinen Armen dahin . In diesen - solchen Momenten liebe ich ihn ; aber dann , wenn wir beide nüchtern sind , bei Tage , oder unter fremden Leuten , möchte ich ihn oft anspeien vor Verachtung . Sie hat mir noch viel anderes von ihm erzählt « ... » Sie ists doch , die mir immer die Thüre öffnet ? « » Ja , die « . » Uralt ! Wie kann er die nur lieben ? « » Es ist ja blos Mitleid « . » Er ist doch aber kein guter Mensch « . » Gott , gut ! So ' n bischen weich « . » Ja , ja . Halb . Nicht kräftig genug zu etwas Ganzem . Nicht dich verlieren , nicht die Andere verlieren « . An diesem Abend geschah etwas Seltenes . Johanne , die sonst keine besondere Freundin des Betens war , warf sich vor dem Schlafengehen auf die Kniee und betete innig . Sie betete , daß Gott ihr und ihrer jungen Freundin gute , reine Menschen entgegenführen möge , an denen sie sich halten und stützen könnten . Sie war erst wenige Monate da und schien innerlich um Jahre gealtert . Sie erfuhr mit jedem Tage Neues vom Leben . Ihre kindliche Bewußtseinsdämmerung war einer grellen blendenden Ahnung gewichen . Das Pflaster ihres Ninive schien von Thränen heiß zu sein und von fiebernden Sohlen , die über ihm hinwegschritten . - Manchmal ging sie nach der Kirche und hörte eine Predigt an . Aber die geistreichen , eiskalten Tiraden dieser eleganten Priester machten sie nicht froher . Ihr inneres Leid , zusammen mit der schlechten , wenig gesunden Nahrung , ließ sie rasch abmagern und nahm ihrem Gesichte die rosige Farbe . Sie glich jetzt den anderen Großstadtmädchen mit heißen , überwachten Augen und fahler Haut . Am Abend fiel sie immer totmüde ins Bett . Die Schule lag weit weg von hier , und sie mußte täglich viermal den Weg zu Fuß zurücklegen . Auch gestand sie sich ehrlich , daß ihr die Pädagogik nicht das geringste Interesse abgewann . Sie lernte ohne Freude , ohne Hoffnung . Aber beharrlich , wie sie war , kam es ihr nicht in den Sinn , an einen anderen Beruf für sich zu denken . Einmal sagte sie zu Alice : » Weißt Du , es ist auch trostlos . Die ewige Schule , Herr und Frau Wewerka ! Wenn ich Dich nicht hätte ! « ... » Und Du hast doch so wenig von mir « meinte Alice . » Aber weißt Du , mir