! « Lächelnd hielt er sie fest und streichelte ihr Haar . » Nun ? Ist Papa gekommen ? « Sie hob wie in unbehaglichem Empfinden die Schultern . Ein Schatten ging über das Gesicht des Bruders . Er gab die Schwester frei und ließ sich nieder . » Ich hätt ' es dir voraussagen können . Aber ich wollte deine Freude nicht stören . Möglich wär ' es ja doch gewesen - « » Nein , ganz unmöglich ! « fiel Kitty ein , als hätte sie das Bedürfnis , ihren Vater zu verteidigen . » Er konnte nicht kommen , absolut nicht ! Franzl hat es mir gesagt . Weißt du , Tas , da droben steht irgendwo ein ganz fabelhafter Gemsbock . Papa muß ihn haben ! « » Natürlich ! Ein Gemsbock ! « Als wollte er über das Thema wegkommen , sagte er mit veränderter Stimme : » Ich habe mich gesorgt um dich . Wo wart ihr , als das Wetter kam ? « » Droben im Wald , trocken und sicher , in der Wildscheune . « Sie begann zu erzählen und fand ihre Laune wieder . Drollig schilderte sie Tante Gundis Verzweiflung , das Erscheinen des Jägers und ihren Niederstieg zum Wetterbach - » ganz à la Paul et Virginie ! « Dann verstummte sie , als wäre das Abenteuer zu Ende . Lächelnd beugte sie sich über den Schreibtisch und begann in den aufgeschlagenen Akten zu blättern . » Und du , Tas ? Du hast natürlich wieder mit den Ellbogen zwei Löcher in deinen Schreibtisch gebohrt und den herrlichen Abend versäumt . Über was grübelst du schon wieder ? « » Ich sammle das Material zu einer Verteidigung . « » Wohl ein sehr interessanter Fall ? « » Für mich , gewiß . « » Um was handelt es sich ? Um einen Unschuldigen ? « » Nein , Kind , um einen Gewohnheitsdieb . « » Aber Tas ! « Erschrocken hingen Kittys Augen an dem ernsten Gesicht des Bruders . » Wie kannst du dich mit einem solchen Menschen befassen ? Du ! Mit einem gemeinen Verbrecher ! « » Ein Verbrecher ? Ja . Aber noch mehr ein Kranker . Ich hoffe , daß er zu heilen ist . « » Davon laß nur Papa nichts merken . « » Er sorgt dafür , daß mir die Gelegenheit fehlt . « » Wenn er es aber doch erfährt , was wirst du ihm sagen ? « Tassilo streifte mit der Hand über Kittys Scheitel . » Nichts . « » Ja , Tas , das wird wohl das beste sein . Widerspruch verträgt er nicht . Und ich bin überzeugt , daß er dir die letzte Geschichte vom Frühjahr noch immer nicht vergessen hat . Es war aber auch ein netter Streich ! « » Meinst du ? « » Ein Graf Egge-Sennefeld ! Und verteidigt einen auf frischer Tat ertappten Wilddieb ! Na , erlaube mir , Tas - « Er klopfte sie mit beiden Händen auf die Wangen und sagte , wie man zu einem Kinde spricht : » Dir erlaube ich alles . « Ein Diener erschien in der Tür : der Tee stünde bereit . Tassilo nahm einige Zeitungen vom Schreibtisch und reichte seiner Schwester den Arm . Das Speisezimmer lag zu ebener Erde ; ein großer , wenig behaglicher Raum , dem es anzumerken war , daß er die längste Zeit des Jahres leer stand . In der Mitte der lange Tisch , mit grünem Tuch überspannt und nur zur Hälfte weiß gedeckt . Auf jeder Seite der Flurtür stand eine altertümliche Kredenz , und geschnitzte Holzbänke mit verblaßten Kissen zogen sich rings um die Mauern . Wände und Decke waren mit gebräuntem Lärchenholz getäfelt . Die Luft des Zimmers hatte einen leisen Geruch , der an die Apotheke erinnerte ; er ging von den hundert präparierten Vögeln aus , die den Schmuck der Wände bildeten ; dazwischen abnorme Rehgehörne und in silberne Zwingen gefaßte Eberzähne ; an der Decke hingen , mit ausgebreiteten Schwingen , gegen zwanzig Adler , die sich sacht bewegten : von den zwei großen Moderateurlampen , die auf der Tafel standen , stieg die erhitzte Luft in die Höhe und staute sich unter den Flügeln . Eine offene Seitentür ließ in ein finsteres Zimmer blicken , darin die polierte Brüstung eines Billards funkelte . Als Kitty auf der Tafel nur zwei Gedecke sah , fragte sie : » Fritz , wo ist Tante Gundi ? « » Das gnädige Fräulein haben sich zurückgezogen und haben Siphon und Eispillen verlangt . « » Ach du Barmherziger ! Jetzt hat sie wieder ihre Migräne ! « Kitty lief davon . Als sie nach ein paar Minuten zurückkehrte , berichtete sie kleinlaut : » Sie hat sich eingesperrt . Die Arme ! « Tassilo schien nicht zu hören ; er hatte sich bereits bedient , und während er mit der Rechten in langsamen Pausen den Teelöffel oder die Gabel führte , hielt er mit der Linken die Zeitung unter die näher gerückte Lampe . Erst als Kittys Teller klapperte , schien er die Rückkehr der Schwester zu bemerken und wollte die Zeitung aus der Hand legen . » Lies nur , Tas ! « » Wenn du erlaubst , ich finde untertags keine Zeit dafür . « Eifrig vertiefte er sich wieder in den unterbrochenen Artikel . Eine stille Viertelstunde verrann . Kitty erhob sich . » Du arbeitest wohl nach Tisch ? « Tassilo zögerte mit der Antwort , und eine feine Röte erschien auf seiner Stirn . » Später , ja ! Und du ? « » Was soll ich machen ? Du hast Arbeit und Tante Gundi Migräne . Ich krieche ins Nest . Gute Nacht , Tas ! « Sie küßte ihn , blieb vor ihm stehen und sagte seufzend : » Tas , du bist alt geworden . « » Meinst du ? «