blickte vorsichtig nach ihrem Manne ; als er ungestört weiterschlief , schlich sie geräuschlos in die Stube , kleidete sich allmählich an , nahm das Kind aus der Wiege und schob sich dann geduckt und lauernd hinaus ; sie verschloß die Küchentüre und glitt , ohne sich umzuwenden , dahin über den stillen Hof . Bei dem Kammerfenster der Hanne blieb sie stehen und atmete zum ersten Male aus voller Brust , dann pochte sie hastig an die Scheiben . Das junge Mädchen hob den Kopf , ließ die Arbeit erschreckt in den Schoß fallen und machte ein Zeichen gegen die Türe ; sie stand mühsam auf und öffnete . Die Lene schlüpfte hinein , ließ das Kind in die Arme der Hanne gleiten und kauerte sich auf den einzigen Lehnstuhl , der in der Kammer stand . » Ist dem Leopold etwas geschehen ? « fragte das Mädchen zitternd . » Ah ! Jetzt ist er heimgekommen ! Die ganze Nacht im Wirtshaus , hat gesungen und getrunken und getanzt mit den verrufenen Weibsbildern , mit den Allerhand-Mädeln ! « » Aber was ist ihm da nur eingefallen ? « klagte die Hanne hilflos , » und warum laufst du so verstört herüber ? « » Weil mich ein Grausen anpackt , wenn ich einen betrunkenen Menschen seh . Und mein Mann ? Ob ich ihn noch einmal anschauen kann , seit ich ihn so gesehen hab , weiß ich nicht . Brr ... « Es schüttelte die Lene , als ob sie aus einem Schneegestöber käme . » Aber denk nur , da müßten Sonntag und Montag fast alle Weiber von ihren Männern davonlaufen . So was kommt manchmal vor , und jede ertragt es . « » Ich bin nicht wie eine jede . Ich hab ihm das gesagt , eh ' ich ihn genommen hab . Ich trag es nicht . « Sie sagte das ruhig und bestimmt , lehnte den Kopf zurück und schaute an die Zimmerdecke , dann setzte sie halblaut hinzu : » Der hat doch recht gehabt . Wo hab ich nur hingeschaut ? « Der Leopold erwachte erst gegen Mittag , und als er die Türe verschlossen fand , stieg er durch das Fenster in den Hof hinaus . Er schaute sich nach allen Seiten um , da er aber sein Weib nirgends sah , ging er weiter und pfiff recht laut und auffallend . Die Nachbarn sollten nichts merken davon , daß es etwas gegeben hatte in der Wirtschaft , er eilte vorwärts , und so wie am Abend früher flatterte sein Ärmel in der Luft herum . Der Leopold dachte nicht daran , daß sein Weib aufpaßte und hinter dem Fensterkreuz , solange sie ihn sehen konnte , auf den leeren Ärmel stierte . Als sie ihren Mann weit genug entfernt wußte , lief sie mit ihrem Kinde hinüber in ihre eigene Stube . Sie ordnete langsam , was da herumlag , aber es ging ihr nichts von der Hand . Es war auch , als ob der Kleine die ängstliche Verdrossenheit seiner Mutter eingesogen hätte , so böswillig greinte und quiekte er und wollte nicht in seiner Wiege bleiben ; wenn sie ihn aufnahm , schwieg er ; wie aber konnte sie das Kind in den Armen halten , sie hatte doch über und über zu schaffen ? Mit beschmutzten Stiefeln war der Leopold in der Stube herumgetrottet , die Betten standen zerwühlt da , Mitte der Woche war bereits , und sie mußte daran denken , das Bündel Wäsche rein zu machen , das unter dem Putztisch seit der vergangenen Woche versteckt lag , kochen sollte sie und den Schreihals warten . Sie dachte dabei fortwährend an ihren Mann , seit einigen Stunden wußte sie , daß sie das alles tun müsse . Das Kind hielt sie lässig in den Armen und reihte sich so aneinander , was geschehen würde , wenn sie nicht so wie die anderen Weiber zugreifen und sich abplacken wollte . Dieses innerliche Zurechtlegen und Nachdenken über eine Menge Dinge , die ihr , ohne daß sie sich früher klar darüber wurde , zuwider waren , erschien ihr jetzt noch unerträglicher als die gewohnten , täglich wiederholten Handgriffe . Eines hing aber mit dem andern zusammen ; wenn sie nicht arbeiten , nicht alt und häßlich werden wollte vor der Zeit , wenn sie nicht jedes Stück , das da stand und lag , Tag um Tag reiben , fegen , waschen wollte , wenn die Suppe nicht auf ihn wartete , wenn sie das Kind nicht herumschleppte , so durfte ihr Mann sie ausschelten und die Nächte hindurch im Wirtshaus bleiben , er brauchte ihr kein Geld zu geben für sie und sein Kind , er konnte sie am Ende sogar noch schlagen , wenn er volltrunken heimkam ... Das durfte er , weil sie sein Weib war . Sie mußte also wie er das tägliche Brot erwerben , sie mußte arbeiten für ihn und für die Kinder , die sie noch mit tausend Schmerzen so wie das eine schreiende da zur Welt bringen sollte ; sie kroch in sich zusammen vor Angst und Zorn . Und niemals soll das anders werden , bis an das Ende immer derselbe mühseliglangweilige Weg ? Jetzt erinnerte sie sich an die unscheinbare , unschöne Mutter ihres Mannes , die sich immer abgequält und abgemüht hatte , die so arm und klein war neben ihrem rechthaberischen Eheherrn , dem Vater des Leopold . Wenn der seinem Vater nachschlagen würde , dann müßte sie unausbleiblich solch ein verkümmertes , zusammengerackertes Geschöpf werden , wie die alte Frau Weis gewesen . Und warum muß das sein ? Zum ersten Male , seit sie die Frau des Leopold war , kamen ihr die Worte des Pfarrers in den Sinn , es war ihr , als hörte sie die Trauungsrede mit einer Deutlichkeit , daß sie nach der Ecke hinhorchte , denn von dort her sprach die eintönig pathetische Stimme