, den sonst das rote Backsteingebäude warf , bis zu einem schmalen Strich . In diesem Schattenstrich an der Mauer saß der Bahnhofsinspektor auf der Bank und trocknete eben den innern Rand seiner roten Mütze aus . Die Glasthür , die in den Wartesaal führte , war innen mit einer Filetgardine geschmückt ; zwischen ihr und dem Glas surrten große Brummer auf und ab . Rechts und links vom Gebäude befanden sich in jungen Gebüschanpflanzungen die zum Bahnhof gehörenden Nebenräumlichkeiten ; zwischen diesem Gebüsch und der Mauer des Haupthauses führten die Wege nach hinten , wo die Landstraße zu vermuten war . Wenn das auf und ab wandelnde Mädchen vorbeikam , sah sie immer da hinaus , wo wie im Ausschnitt das Bruchstück einer Equipage zu sehen war . Die Vorderleiber der Pferde verbarg das Haus , die Hinterräder des Wagens das Gebüsch ; man sah den auf seinem Bock schlummernden Kutscher und die Pferdeschweife , die zuweilen aufschlugen , um Fliegen zu verjagen , und hinter dem allem eine endlose Fläche und einen zitternden Dunst unter grell blauem Himmel . Endlich drang durch die Stille des Mittags ein zweitöniges Glockensignal . Der Inspektor sprang auf ; um die Hausecke kam , krummbuckelig , mit müden Knieen , der Perrondiener ; die Wartesaalthür öffnete sich , und die Restaurationsfrau erschien in derselben , auf dem Arm ihr Kind , dem sie gerade das Näschen schneuzte . » Ob die gnädige Frau heute wohl kommt ? « fragte der Inspektor , auf das junge Mädchen zutretend . » Sie sind nun schon zum drittenmal hier , Fräulein , und ich fürchte , wieder vergebens , denn eine Depesche haben wir bislang nicht befördert , und Sie wissen doch , wenn Frau Förster von Reisen heimkehrt , telegraphirt sie stets vorher an den Baron Lanzenau . « Der Bahnhofsinspektor hatte zugleich das Amt des Telegraphisten inne und war somit genau über den Depeschenverkehr der Umgegend unterrichtet . Das Mädchen sagte darauf etwas unfreundlich im Ton : » Nun , das Unglück , die Fahrt einigemale vergebens zu machen , ist ja nicht so groß . « Damit wandte sie sich um und setzte ihr Wandern fort , deutlichst zeigend , daß ihr keinerlei Unterhaltung erwünscht sei . Der Inspektor wechselte darauf einen Blick mit der Frau in der Thür , einen Blick , mit dem sie sich darüber verständigten , daß man ein so unhöfliches Benehmen von Fräulein Severina eben gewöhnt sei . Diese ging an das äußerste Ende des Perrons und starrte vor sich hin . Sie sah auf die im Sonnenschein gleißenden Schienen , auf den gelben , grobkörnigen Kies , der zwischen den Schienen die Holzschwellen kaum deckte , und dachte , mit welchen Worten sie Fanny Förster am leichtesten sagen könne , was doch gesagt werden mußte . Severina war ein Mädchen , das niemals durch ihre Schönheit , aber immer durch ihre Gestalt auffallen konnte , die , von mittlerer Größe , Linien von vollendetem Ebenmaß aufwies . Ein reizender Fuß zeigte sich unter dem kurzen Kleid , eine schöne Hand hielt herabhängend ein Paar Handschuhe . Das Gesicht zeigte die Negerlippen eines breiten Mundes . Darüber stand ein aufgestülptes Näschen . Unter der niedrigen weißen Stirn leuchtete ein dunkles , großes Augenpaar ; dunkelbraunes Haar war mit wenig Sorgfalt lose um den kleinen Kopf geordnet ; die starken Backenknochen , die breiten Kiefer gaben dem Gesicht beinahe etwas Tierisches . Die unruhigen Augen sahen nun dem Zug entgegen , der jetzt endlich in großer Kurve sich dem Perron näherte . Richtig , da beugte sich ein Kopf aus einem Coupé , und gleich darauf streckte sich eine Hand heraus und winkte mit dem weißen Taschentuch . Severina lief neben dem Coupé her , bis der Zug endlich stand , gerade am andern Ende des Perrons . Dabei wurde sie seltsam blaß . » So warte doch , so warte doch , « rief Fanny Förster aus dem Fenster . Der Inspektor eilte auch herbei und riß die Thür auf , der Fanny nun rasch entstieg . » Wir haben die gnädige Frau schon gestern abend erwartet , « bemerkte der Inspektor . » Ja , « lachte Fanny , » meine Schwägerin hat nicht meine Nerven . Wir mußten in Hamburg Aufenthalt nehmen . - Gib mir erst das Kind heraus , Adrienne . - Guten Tag , Very . Nun , wo kommst Du denn her ? Ist der Baron gestern abend hier gewesen ? Wie sieht ' s in Mittelbach aus , Mädchen ? Deine Eltern wohl ? « Dabei ergriff sie mit der Rechten das Bündel von Tüchern und Schleiern , in welchem der kleine Joachim stak , preßte es gegen sich und reichte die Linke Adrienne hinauf . Diese , überaus blaß und von Hitze ermattet , kletterte herab , die Magd mit sehr vielem Handgepäck folgte , und mit dumpfem Krach flog die Coupéthür wieder zu . Da stand die kleine Gesellschaft nun im Sonnenschein , Adrienne verzagt über die flache , schattenlose Gegend , Fanny ungeduldig , neue Nachrichten von ihrem Heim zu hören , das sie seit fünf Tagen verlassen . » Hier ist Severina , die Pflegetochter unserer Pastorsleute . - Meine Schwägerin , Frau von Herebrecht . Aber nun sage , Very , wie kommt es , daß Du mich abholst ? « » Meine Eltern haben Ihre Rückkunft mit großer Sehnsucht erwartet , « sagte Severina , mit ihren dunklen Augen einen so flehenden , bedeutungsvollen Blick auf Fanny richtend , daß diese augenblicklich fühlte , es sei etwas geschehen , wobei man ihrer bedürfe . Sie drückte Severina stark die Hand . » Gestern abend , « fuhr Severina fort , » fuhr ich mit Ihrem Wagen her ; Sie kamen nicht . Auch der Baron war vergebens hier . Er beschloß , eine Depesche abzuwarten , aber ich bin , Ihre Verzeihung voraussetzend , heute wieder mit Ihrem Wagen gekommen . « » Und