ängstlich an ihre Seite , denn nimmer noch hatte er einen ähnlichen Ruf von ihr vernommen . Er war so sehr an ihre Tränen und ihren Kummer gewöhnt , daß ihm dieser Jubel ganz unheimlich erschien . Und dabei fiel ihm ein : Was wird der Vater sagen , wenn er von diesem Gang erfährt ? Wird er die Mutter nicht schelten und böse mit ihr sein , mehr noch als sonst ? Ein dumpfer Trotz bemächtigte sich seiner , er biß die Zähne zusammen , dann streichelte er tröstend der Mutter Hände und küßte sie und murmelte : » Er darf dir nichts tun ! « » Wer ? « fragte sie zusammenschauernd . » Der Vater , « sagte er leise und zögernd . Sie seufzte tief auf , erwiderte aber nichts , und schweigend und kummervoll gingen sie weiter . Die graue Frau war über ihren Weg gehuscht und hatte den Augenblick der Freude verdorben . Und es war der einzige , den das Schicksal Frau Elsbeth noch schenkte ... - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Am andern Tage gab es eine böse Stunde zwischen ihr und ihrem Gatten . Er schalt sie ehr- und pflichtvergessen . Sie hätte durch ihr Betteln zur Armut auch noch die Schande gefügt . Aber das Geld nahm er . 5 Die Jahre vergingen . Paul wurde ein stiller , anspruchsloser Knabe mit schüchternem Blick und schwerfälligem Gebaren . Er war meistens allein für sich , und dieweil er auf die Zwillinge acht gab , konnte er stundenlang mit irgendeiner Holzschnitzerei beschäftigt dasitzen , ohne einen Laut von sich zu geben . Er war , was man in seiner Heimat » kniwlig « nennt , ein für das Kleine beanlagter , peinlich sorgsamer , still in sich hineingrübelnder Geist . Mit keinem seiner Altersgenossen hatte er Umgang , selbst in der Schule nicht . Nicht , daß er sie absichtlich gemieden hätte , im Gegenteil , er half ihnen gern , und mehr wie einer pflegte morgens vor dem Gebete die Rechnungen oder den deutschen Aufsatz von ihm abzuschreiben , aber ihre Interessen waren nicht die seinen , und darum konnte er sich nicht mit ihnen befreunden . Auch Prügel erntete er in Fülle . Da waren insbesondere die Brüder Erdmann , zwei kecke , wildäugige Burschen , als die Stärksten und Mutigsten geliebt und gefürchtet , von denen er viel zu leiden hatte . Sie waren unerschöpflich im Ersinnen neuer Streiche , die ihm das Leben verbitterten . Sie warfen seine Schulhefte auf den Ofen , stopften ihm Sand in den Tornister und ließen seine Mütze mit einem als Mast hineingesteckten Stocke wie eine Barke den Fluß hinabschwimmen . Die meiste Unbill ertrug er geduldig , nur ein- oder zweimal überfiel ihn eine blinde Wut . Da biß und kratzte er um sich wie ein Toller , so daß selbst seine weit stärkeren Genossen sich wohlweislich aus dem Staube machten . Das erstemal hatte einer der Jungen seinen Vater einen » Saufaus « genannt , und das anderemal wollte man ihn zusammen mit einem kleinen Mädchen in einen dunklen Kuhstall sperren . Hinterher schämte er sich und kam aus freien Stücken abbitten . Da lachte man ihn erst recht aus , und der kaum errungene Respekt war aufs neue verloren . Das Lernen ging ihm sehr schwer von statten . Das Pensum , zu welchem die Kameraden kaum fünfzehn Minuten gebrauchten , brachte er erst in ein bis zwei Stunden fertig . Dafür war seine Handschrift auch wie gestochen , und in seinen Rechnungen fand sich nie und nimmer ein Fehler . Dennoch war keine Arbeit ihm gut genug , und gar oft überraschte ihn seine Mutter , wie er nachts heimlich aufstand , weil er fürchtete , das Auswendiggelernte wäre seinem Gedächtnis entfallen . Daß er gleich den Brüdern eine höhere Schule besuchen würde , daran war nicht zu denken . Die Mutter hegte wohl eine Zeitlang den Plan , ihn den Älteren folgen zu lassen , sobald diese ihre Abiturientenexamen gemacht haben würden , denn es tat ihrem Mutterherzen weh , daß dieser eine den anderen nachstehen sollte , aber schließlich fügte sie sich . Und es war wohl auch am besten so . - Paul selber hatte es nie anders erwartet . Er hielt sich für ein durchaus untergeordnetes Wesen den Brüdern gegenüber und hatte es schon längst aufgegeben , ihnen jemals zu gleichen . Wenn sie zu den Ferien heimkamen , Samtmützen auf den wallenden Haaren , bunte Bänder quer über die Brust gespannt - denn sie gehörten einer verbotenen Schülerverbindung an - so schaute er zu ihnen empor wie zu Wesen aus höheren Welten . Begierig lauschte er , wenn sie untereinander über Sallust und Cicero und die Dramen des Äschylus zu sprechen begannen - und sie sprachen gern davon , schon allein , um ihm zu imponieren . Der Gegenstand seiner allerhöchsten Bewunderung aber war das dicke Buch , auf dessen vorderster Seite das Wort » Logarithmentafel « geschrieben stand und das von der ersten bis zur letzten Seite nichts enthielt als Zahlen . Zahlen in langen , dichten Reihen , bei deren Anschauen ihm schon schwindlig wurde . Wie gelehrt muß der sein , der das alles im Kopfe hat ? sagte er zu sich , den Deckel des Buches streichelnd , denn er dachte nicht anders , als daß man alle diese Zahlen auswendig lernte . Die Brüder waren ungemein freundlich und herablassend zu ihm ; wenn sie in der Wirtschaft irgendwelche Wünsche hatten , wenn sie ein gesatteltes Pferd oder ein extra starkes Glas Grog begehrten , so wandten sie sich vertrauensvoll an ihn , und er fühlte sich hochgeehrt , ihnen Hilfe leisten zu dürfen . In der Wirtschaft wußte er ja Bescheid , wie wenn er der Hausherr selber gewesen wäre ; an ihr hing all sein