Vielleicht - gewiß ... « erwiderte Lotti , erschrocken über den Ausdruck von Enttäuschung , der sich in seinen Zügen malte . Er fuhr erregt fort : » Du mußt lernen , ganz von mir abzusehen bei der Beurteilung meiner Arbeiten . Daß Schönes geschaffen werde , daran liegt alles ; ob ich es geschaffen , ob Hinz oder Kunz , daran liegt nichts ... Der Standpunkt ist der einzig richtige - der soll der deine sein . - Deine Liebe zu mir darf sich nicht durch blinde Bewunderung äußern . Du mußt wissen , warum du bewunderst - mußt Gründe haben , für dein Lob . Aufrichtigkeit verlange ich von dir und will hoffen , daß du mich ihrer würdig hältst . « » Hermann - wie könnt ich anders ? « fragte sie mit einem ängstlichen Lächeln . » Ich sage dir , was ich denke , aber das hat ja keinen Wert ... Mein Urteil zu begründen , muß ich erst lernen ... jetzt bin ich noch nicht imstande , dir zu sagen , warum ich dir dieses Mal nicht so leicht - nicht mit so voller - wie soll ich ' s nennen ? - so voller Hingerissenheit folgen konnte wie früher , wie besonders bei deinem ersten , allerschönsten Gedicht ... « Nun brauste er auf . Er fragte , ob sie denn immer auf seine Anfänge zurückkommen wollte , ob ihr das Unbedeutendste am nächsten läge . » Wenn du bei dem Punkte stehenbleibst , von dem ich ausging , indes ich vorwärts jage , werden wir bald auseinandergekommen sein ! « rief er , war nicht zu beschwichtigen und verließ sie im Zorne . Freilich war er am nächsten Tage wieder da , demütigte sich vor ihr und weinte vor Reue , als sie ihn , womöglich noch liebreicher als sonst , empfing und ihm versicherte , nicht zu wissen , was sie ihm verzeihen solle . Er war so beschämt und in seiner Beschämung so ausbündig und unwiderstehlich liebenswürdig , daß Lotti ihn bat , sich nur recht bald wieder einzubilden , er habe ihr weh getan . Diese Bitte wurde erfüllt , aber in anderem Sinne , als sie gestellt war . Hermann ließ es an Gelegenheit nicht fehlen , ein gegen sie begangenes Unrecht gutmachen zu müssen , aber dieselbe zu benützen , verstand er bald nicht mehr . Ein leiser Zweifel , eine Frage vermochten alle Dämonen in seiner Brust zu entfesseln , und Lotti erkannte mit Entsetzen , daß es Augenblicke gab , in denen er sie haßte . Da legte er den Ausbrüchen seines Zornes keinen Zügel an . Er litt und fand es natürlich und gerecht , daß diejenige , die ihn liebte , mit ihm leide . Wenn er sich von ihr mißverstanden oder im stillen getadelt glaubte , warf er ihr ihre untergeordnete Tätigkeit , ihren beschränkten Wirkungskreis vor . » Von dem , was ich anstrebe , steht freilich nichts im Le Paute ! « rief er eines Tages , und Gottfried , der bisher männlich an sich gehalten , fuhr empor : » Noch ein solches Wort , und ich schlage dir den Schädel ein ! « Dem heftigen Auftritt zwischen den beiden Männern , der darauf folgte , wurde mühsam genug von Feßler ein Ende gemacht ; aber von nun an begann Gottfried sein passives Benehmen dem Brautpaar gegenüber aufzugeben . » Du bist ein ungebärdiges Kind « , sagte er zu Halwig , » du wärst imstande , das Liebste , das du hast , in einem Anfall übler Laune zu zerstören ; ich will strenge Wache über dich halten . « Halwig drückte ihm die Hand , er begab sich gern unter den Schutz seines besten Freundes . » Verschwören wir uns gegen alle meine Fehler ! « rief er , ganz beseelt von den edelsten Vorsätzen , » wenn du mir treulich hilfst , will ich ihrer schon Herr werden ! « Lotti war mit diesem Bündnisse nicht zufrieden , sie wußte , daß Hermann die Selbstbeherrschung , die es ihm auferlegte , ebensowenig zu bewahren vermochte , wie er die Aufrichtigkeit vertrug , nach welcher er immer verlangte . Seine ganze Natur empörte sich gegen den Zwang , die leiseste Mißbilligung fraß ihm am Herzen , erbitterte ihn , machte ihn unglücklich und überzeugte ihn nie . Was ihn stählte , was alle seine Kräfte entfaltete , das war der Kampf gegen Haß und Verfolgung und der Genuß überschwenglichen Lobes und verhimmelnder Liebe . » Ich kann nur im Lichte gedeihen , und ihr lebt im Halbdunkel « , rief er einmal nach einer langen Kontroverse mit Gottfried und verließ das Zimmer ohne Abschiedsgruß . Lotti erhob sich lautlos und ging ihm nach . Eine Weile darauf hörte man aus dem Vorgemache sein zorniges Sprechen herübertönen , manchmal unterbrochen durch ihr sanft beschwichtigendes Flehen . Dann wurde die Haustür zugeschlagen , und eine lange Zeit verfloß , bevor Lotti , noch bleich und zitternd , in die Werkstatt zurückkehrte . Am Abend sprach Feßler zu Gottfried : » Was ich dir sagen wollte : Gib dein Erziehungswerk auf . Den Halwig änderst du nicht . Laß ihn . Ihr ist er ja recht , wie er ist . « » Aber Vater , er mißhandelt sie . « Feßler seufzte und zog bedauernd die Achseln in die Höhe . » Seine Mißhandlungen sind ihr lieber als die Liebkosungen eines andern . Das ist so Weiberart . « Gottfried schwieg und ließ fortan die Dinge gehen , wie sie gingen . Die Besuche Halwigs wurden immer seltener , und wenn er kam , war er entweder düster und verschlossen oder von einer aufgeregten und erzwungenen Lustigkeit , die unter allen seinen wechselnden Stimmungen Lotti am peinlichsten berührte . In eine solche geriet er einmal , als Feßler über einige Vorbereitungen zur nahenden Hochzeitsfeier sprach , und plötzlich erklärte Lotti ihrem Vater , die Vermählung müsse hinausgeschoben werden .