St. Helena erzählte , und wie nun sein armer Sohn in Wien dahinsieche . War aber ihrer Wißbegier in weltlichen Dingen genug getan , so begann er ihrer frommen Gelehrsamkeit auf den Zahn zu fühlen ; er stellte Fragen , die der Weiseste nicht beantworten konnte , und erledigte sie dann durch einen Witz , eine Spitzfindigkeit , daß die ganze Zuhörerschaft vor Bewunderung stumm blieb , oder aufjubelte , oder gar , als höchstes Zeichen des Beifalls , mit der Zunge schnalzte ; er war nicht umsonst » Jeschiwa-Bocher « gewesen . Schon in all dem und der Art , wie er zu erzählen wußte , hatte er keinen Nebenbuhler , und nun gar erst in seinen künstlerischen Gaben ! » Israel hat das Singen verlernt « , klagt eine Wormser Aufzeichnung aus dem dreizehnten Jahrhundert . Man hört selten im Ghetto eine weltliche Melodie , und die Volkslieder fehlen zwar nicht ganz , werden aber nicht oft gesungen . Wo der Kowner geweilt hatte , änderte sich dies wenigstens auf Wochen ; so lang er da war , lauschten sie ihm und wagten kaum , im Chorus einzufallen , denn er hatte » eine Stimm ' wie eine Flöt ' « . Dann aber sang ihm Alt und Jung nach , bis die Lieder verklangen und sich wieder das traurige Schweigen über das Ghetto senkte . Aber nicht bloß singen konnte er , sondern auch » Spiele « machen , das heißt komische Szenen aus dem Stegreif vorführen : das Examen eines unwissenden Bochers vor einem gestrengen Rabbi , oder den Streit einer geizigen Schwiegermutter mit ihrem leichtlebigen Schwiegersohn , oder wie ein furchtsamer Jüngling vor die Rekrutierungskommission tritt . Da konnte niemand ernst bleiben , nicht einmal jene , die er aufs Korn nahm , indem er ihre Sprechweise nachäffte und Anspielungen auf ihre Verhältnisse einflocht . » Lachen ist Gottesdienst « , sagt ein Spruch dieses armen , verdüsterten Volkes und : » Gesegnet sei , von dem Heiterkeit ausgeht ! « Dann war noch selten ein Mensch so gesegnet , wie dieser arme landfahrende Bettelmann , und selten einer den Herzen so teuer . Andere » Schnorrer « werden nur bewundert oder gefürchtet , vom Kowner aber ging jener Zauber aus , der die Herzen zwingt , jene seltenste aller Gaben , die für unsere Sprache nur ein viel mißbrauchtes und darum verbrauchtes Wort hat : die Liebenswürdigkeit . Nur eines nahmen ihm selbst seine wärmsten Bewunderer übel , daß er unvermählt bleibe . Das war unerhört und nach ihrer Anschauung ein ruchloser Frevel , den Gott unmöglich verzeihen konnte . Freilich ziehen auch die anderen » Schnorrer « einsam umher , aber der frommen Satzung haben sie vorher wenigstens äußerlich genügt . Die einen haben ein Weib genommen und ihm nach wenigen Tagen dann den Scheidungsbrief geschickt , die anderen bleiben verehelicht , aber ihre Familie fällt , während sie die halbe Erde durchwandern , daheim der Gemeinde zur Last . Ländlich - sittlich - das scheint dem Juden des Ostens zwar nicht hübsch , aber weit löblicher als das Junggesellentum . Dem Kowner aber konnten sie es umsoweniger verzeihen , als ihm mehr als einmal die Gelegenheit winkte , durch eine Heirat sein Glück zu machen . Oder was sie so nannten ... Einmal hätte sich sogar eine wohlhabende Witwe , die freilich doppelt so alt war als er , durch das Bewußtsein , einen so gefeierten Gatten zu haben , über den Schmerz hinweggesetzt , ihn zuweilen entbehren zu müssen . Sie hatte ihm vorschlagen lassen , ein halbes Jahr an ihrer Seite zu verleben , die übrige Zeit seine Bewunderer zu erfreuen . » Davon habe ich nichts « , war seine mehr deutliche als höfliche Antwort gewesen , » denn der Winter neben der Alten macht mich so traurig , daß im Sommer niemand mehr den lustigen Kowner wiedererkennt . « Und ähnlicher Bescheid war auch anderen geworden , die ihm mit weit günstigeren Anerbietungen gekommen . Den wahren Grund hatte er nur einem Menschen anvertraut , seinem wärmsten Verehrer , einem Weinhändler in Oberungarn , der ihm seine hübsche und wohlhabende Schwester zum Weibe geben wollte . » Laß mich zufrieden ! « rief der » Schnorrer « lachend . » Ich spüre eine heftige Liebe , die mich immer wieder herzieht , aber nur für deinen Keller ! « Als jedoch der Freund nicht abließ , sagte er ernst : » Ein Mensch , der hinter der Hecke sterben wird , heiratet nicht ! Nun weißt du die Wahrheit ! « » Mendele ! « rief der Mann . » Für andere bist du so klug und für dich so dumm ! Glaubst du , daß dein Vater Gottes Willen bestimmen kann ? ! « » Ich weiß , was ich weiß « , war die Antwort . » Und so ein Mensch hat allein zu bleiben ! « Er blieb eine Weile stumm , dann stimmte er überlaut ein keckes Trinklied an . Dieses Vorgefühl sollte den armen Menschen nicht trügen : er starb hinter der Hecke , - es war im Unglücksjahr 1831 und auf der Heerstraße zwischen Tarnopol und Barnow - aber in den Armen seines Weibes . Er hatte die Gefährtin , wie alles sonstige Glück und Unglück seines Lebens , auf der Straße gefunden , nahe seinem Heimatort , hoch oben in Litauen . Als die Cholera ausbrach , war er nach Kowno gewandert . » Ich versuch ' s , in einer Stadt zu sterben « , sagte er lächelnd , » jetzt , wo es so vielen Tausenden gelingt , bring ' ich ' s vielleicht auch zu stande ! « Der wahre Grund war , daß er noch einmal eine Versöhnung mit seinem Vater versuchen wollte . Es sollte ihm nicht gelingen . Der uralte Mann war als eines der ersten Opfer der Seuche gefallen . Erbarmungslose Nachbarn wußten Mendele mitzuteilen , daß er noch vor dem Tode jenen Fluch