Nein , weniger rühmlich ! Denn auf das Helden-und Martertum von zehn der Welt geschenkten Söhnen konnte , bei aller Trefflichkeit , das Weib des Lienhard vor Gott und Welt sich doch nicht berufen . Wie aber die Heldin des Lebenslaufs sich nach dem Liebesmaße des Seelenfreundes gemodelt hatte , so war dessen Schatzkästlein auch das Textwort entlehnt , das neben dem vom seligen Leidtragen dem Sermon zugrunde gelegt worden war : » Die Freude über unsere Kinder ist die herrlichste Erdenfreude . Sie macht das Herz der Eltern fromm und gut ; sie hebt die Menschheit empor zu ihrem Vater im Himmel . Darum segnet der Herr die Tränen solcher Freude und lohnt den Menschen jede Vatertreue und jede Muttersorge an ihren Kindern . « In den mannigfaltigsten Modulationen , wie in einer fuga libera seines Bach , durchzog diese Melodie Pastor Blümels oratorisches Meisterstück . Wenn Pastor Blümel indessen die Hoffnung gehegt , durch diese Melodie die Vatertreue in dem Herzen des Witwers Frey aufzuwecken , so hatte er seine Rechnung buchstäblich ohne den Wirt gemacht . Klaus Frey war durch den Erlös seiner Ziege für ein paar Tage zum Krösus geworden und während dieser Tage nicht ein einziges Mal in dem Hause eingekehrt , aus welchem die Gegenwart der Leiche den sonst so furchtlosen Mann mit spukhaftem Grauen scheuchte . Er hatte sich von Schenke zu Schenke in der Gegend umhergetrieben , die Nächte in einem Totenschlafe auf irgendeinem Heuschober hingebracht und selber zu dem letzten Geleit von dem Wirte mit Gewalt getrieben werden müssen . Nun heulte und schrie er freilich , zerraufte sein Haar und würde in die offene Grube getaumelt sein , hätte die Leichenfrau ihn nicht am Rockzipfel festgehalten . Aber es waren Schenkentränen , die er vergoß , und ein Schenkentaumel , der seine Füße schwanken machte ; das beseligende Leidtragen und die Vatertreue , die empor zum Himmel hebt , hatten an sein Ohr geschlagen als eitel Schall . Auch die fünf , welche von den Söhnen am Grabe standen , starrten nur stumpf und dumpf auf das letzte schwarze Bretterbett der Mutter . Die beiden Soldaten wußten um ihre Verwaisung noch nicht einmal , und die beiden halbwüchsigen , die auf sie folgten , wußten wohl darum , denn sie dienten auf Nachbardörfern , hatten aber des Heuens wegen nicht zur Leiche kommen können . So waren es nur die fünfjüngsten , welche der Mutter die letzte Ehre erwiesen , und diese fünf erfüllte das Behagen , von der gutmütigen Amtmannsfrau für die Trauerfeier gründlich satt gemacht und nach Möglichkeit herausstaffiert worden zu sein . Der kleine Christel zupfte an dem schwarzen Flor , der an seiner Pudelmütze flatterte , und Hannes , der allerkleinste , nagte an einem Wurstzipfel , den er bei Wege in den Mund geschoben hatte ; die drei größeren aber hatten genug zu tun , die Leichenfrau beim Festhalten des Vaters zu unterstützen . Das beseligende Leidtragen schlug an das Ohr der Kinder , die nie etwas von heiliger Vaterfreude gespürt , erst recht als ein Schall . Was nun aber die zuhörende Gemeinde anbelangt , so machte die erhebende Grabrede geradezu böses Blut . Wenn solche Ehre dem Weibe eines Taugenichtses widerfuhr , was blieb dann für die reputierlichen Leute , die Spesen und Dezem nicht hinter die Esse schreiben ? Ist es eine Tugend , zehn Kinder zu kriegen ? Eine Sünde und eine Schande ists , wenn sie statt des Zinshahns dem Pastor in den Schoß geworfen werden müssen , und wo der Mann zum Schelmen und Säufer wird , wird es mit der Frau auch allemal einen Haken haben . So und noch weit ärgerlicher gingen Gemunkel und Gemurmel von Mund zu Mund ; insonderheit die wohlgestellten Familienmütter fühlten sich in ihren Ehrenrechten gekränkt . Doch auch die Väter schüttelten bedenklich die Köpfe . Gut meinte er es ja , ihr » neuer « Pastor ; wer wollte etwas dawider haben ? Aber diese preußischen Raupen ! » Landsmann bleibt Landsmann , Nachbar ! « sagte der Schulze Thränhard zu dem alten Walbe . In ein Herz jedoch drang die Rede von der heiligendsten Erdenfreude wie ein Erlebnis , und aus zwei Augen rannen warme , beseligende Muttertränen . Das waren die Augen und das Herz der guten Pfarrersfrau , die , auf dem einen Arm das eigene Kind und auf dem anderen das verwaiste , unter der Pforte stand , welche aus ihrem Garten in den Friedhof führte . Die Johanniskränze auf den Gräbern waren noch nicht völlig abgewelkt , der Jasmin am Zaune blühte , es duftete wie Weihrauch in dem engen Gehege , und die hohe Junisonne leuchtete gleich einem Gottesblick . Als aber der letzte Segen gesprochen war , Hand um Hand , und dann Schaufel um Schaufel die harten Erdbrocken auf ein letztes Menschenbett rollten und die Pfarrersfrau in ihren Garten zurücktrat , da nickte sie dem fremden Kinde , das seine Augen aufgeschlagen hatte , zu und flüsterte : » Die Liebe einer Mutter kann ich dir freilich nicht ersetzen , du armes Lamm ; aber einen guten Hirten hast du gegen den schlimmen , den du Vater nennen müßtest , eingetauscht , und darum bist du dennoch ein Segenskind , ein echtes , rechtes Johanniskind , mein kleiner Dezem . « Und ihre Lippen lächelten bei den Worten , während in den Wimpern noch die Tropfen hingen . Es war eine traurige Ernüchterung , welche heute , wie schon manches Mal vordem , der verklärenden Wärme des Pfarrherrn folgte . Solange sein Blick zwischen dem offenen Erdenschoß und dem ewigen Himmelsschoß geschwebt , da hatte er nur die Mutter aus dem Volk gesehen in ihrem Heldenkampfe für das Leben , das sie gab und nährte bis zu der Stunde ihres Sieges im Tode . Nach dem Amen aber , als der Blick auf der je mehr und mehr sich füllenden Grube ruhte und auf dem gleichgültigen Gedränge um sie her , da erkannte er