Lebensbedarf nötig . Nahe dem Fleet aber , mit der Stirne nach der Tenne zu , lag Mieke wiederkäuend und hielt mir die Hörner hin - zur Nachttoilette schien ihr die baumelnde Guirlande doch nicht wünschenswert . Ilse warf einen Blick auf das » feierlich geputzte « Tier , dann wandte sie den Kopf weg und schlug mich leicht auf die Schulter - ich durfte ja beileibe nicht wissen , daß sie über meinen » ewigen Unsinn « gar auch noch lache . Man hatte bereits ohne mich Abendtafel gehalten . An einem mächtigen Berg von Kartoffelschalen sah ich , wo Heinz gehaust hatte . Ilse schob diesmal ohne Strafpredigt die kalt gewordenen Kartoffeln von meinem Teller und legte mir dafür ein paar heiße , weichgekochte Eier hin . Draußen im Baumhof hörte ich Heinz hantieren , und Ilse lief auch emsig auf und ab ; sie hatte noch » alle Hände voll zu thun « . Das war nun freilich nicht der günstigste Moment ; trotz alledem fuhr mir die Frage heraus , die mir auf den Lippen geschwebt hatte : » Ilse , wie heißt das Haus , wo mein Vater jetzt wohnt ? « Sie wollte gerade an mir vorüber in den Baumhof gehen . » Willst du ihm schreiben ? « fragte sie , überrascht stehen bleibend . Ich lachte laut auf . » Ich ? Einen Brief schreiben ? Ach , Ilse , wie lächerlich das klingt ! ... Nein , nein , ich will nur wissen , wie die Leute heißen , bei denen mein Vater wohnt ! « » Muß es auf der Stelle sein ? « Ich wagte nicht » ja « zu sagen ; aber vielleicht las Ilse die brennende Ungeduld auf meinem Gesicht . Sie ging schweigend in die Wohnstube und schob mir gleich darauf ein Kästchen hin . » Da , suche dir die Adresse selber - ich hab ' sie nicht im Kopfe . Aber verliere mir nichts und stöbere nicht zu viel herum ! « Sie ging hinaus . Wie sauber und pünktlich geordnet lag die spärliche schriftliche Verbindung zwischen dem Dierkhof und der Außenwelt in dem kleinen Viereck ! ... Da war das dünne , verschwindend kleine Päckchen , das die Briefe meines Vaters umschloß : sie trugen samt und sonders Ilses Adresse , enthielten stets nur wenige höfliche Zeilen , einen Gruß an die Großmutter und an mich , und eine bestimmt verneinende Antwort auf Ilses hier und da wiederkehrende Bitten , mich , der Schule wegen , vom Dierkhof hinwegzunehmen . Was an Schriftstücken von draußen herkam , ging durch Ilses Hand und wurde von ihr unter Seufzen und großen Mühen mit steifen Schriftzügen und lakonischer Kürze erledigt . Ich kümmerte mich nie darum ; denn so flink ich im Lesen war , und so heißhungrig ich immer wieder die mir von Fräulein Streit massenhaft hinterlassenen Kinderbücher auch jetzt noch verschlang , so blutsauer wurde mir das Schreiben , und so verhaßt war es mir . Unter dem Päckchen mit meines Vaters Briefen lag auch ein Schreiben , von welchem ich wußte , daß es ganz vor kurzem eingelaufen war . » An Frau Rätin von Sassen . Hannover « stand in schlanker , graziöser Schrift auf dem Kouvert ; eine andere plumpe Hand hatte den Namen des dem Dierkhof zunächst gelegenen Dorfes hinzugefügt . Der Brief war an meine Großmutter - der einzige , der , solange ich denken konnte , unter dieser Adresse in unser Haus gekommen war . Als Heinz ihn vor einigen Wochen mitbrachte und Ilse übergab , da glitten meine Augen flüchtig über die Aufschrift , und ich ging gleichgültig hinweg , ohne den Inhalt wissen zu wollen : die Welt außerhalb der Heide , und was von ihr herüberkam , hatte für mich nicht die geringste Anziehungskraft . Heute war das plötzlich anders ; das aufgebrochene Siegel reizte mich , einen Blick auf das Blatt drinnen zu werfen ; allein ich wagte es doch nicht ohne Ilses Erlaubnis und legte den Brief einstweilen auf die Tischecke . Die gewünschte Adresse meines Vaters war schnell gefunden . Als ich sein letztes Schreiben mit hastiger Hand auseinanderschlug , da stand dicht unter seinem Namen : » Firma Claudius Nr. 64 in K. « Ein jäher Stich durchfuhr mich , und ich fühlte , wie es mir flammenheiß über das Gesicht hinlief , als ich den Namen schwarz auf weiß vor mir sah , den der Professor heute wiederholt ausgesprochen hatte . Wie prächtig verstand ich auf einmal die flüchtigen , kraus durcheinander wimmelnden Schriftzüge meines Vaters zu lesen . Der Name sprang mir förmlich in die Augen ... Ich kannte den Inhalt des Briefes , Ilse hatte ihn mir mitgeteilt , und doch fing ich jetzt an , die Zeilen noch einmal zu studieren . Ach , da war wieder einmal die ganze Oede und Trockenheit , welche die Briefe meines Vaters kennzeichnete ! Er fragte nicht : » Was macht mein Kind ? Ist es gesund und denkt es an mich ? « ... In diesem Augenblick fühlte ich zum erstenmal , wenn auch noch dunkel , daß mein Vater ein schweres Unrecht an mir begehe . Die nichtssagenden Zeilen schlossen mit dem Satze : » Der Brief aus Neapel wird nicht beantwortet , und daß er meiner Mutter nie zu Gesicht kommen darf , versteht sich von selbst . « Damit war offenbar das Schreiben gemeint , das neben mir auf dem Tisch lag ; es trug das Postzeichen Neapel und war mir nun doppelt interessant . Das dünne Blättchen in meiner Hand aber faltete ich mißmutig und enttäuscht zusammen - nichts über den neuen Aufenthaltsort meines Vaters , kein Wort über seine Beziehungen zu denen , die Claudius hießen - ich sprang auf und warf den Brief in den Kasten . Ei , was kümmerten mich die fremden Leute ! Da sann und grübelte ich über Menschen und Verhältnisse , die mich nichts , aber auch ganz