eine gleichzeitige militärische Kavalkade und mehrere vornehme Equipagen , welche in rascher Folge an ihnen vorübersausten , ihre Aufmerksamkeit nicht bemerkbar erregten . Vergeblich fragte der Invalid , was diese glänzende Auffahrt geputzter Damen und Herren zu bedeuten habe ? Sie zuckten schweigend die Achseln und bückten sich , um emsig weiterzusammeln . » Ein kurioses Völkchen , meine Reckenburger ! « sagte August Müller , » aber ich werde ihm Mores lehren ! « Der tiefschattige Waldweg öffnete sich eben wieder nach dem freien Felde , als der Wanderer durch eine Gruppe uralter Weimutskiefern gefesselt ward . Er blickte lange die schlanken Schäfte bis in die schwarzgrünen Wipfel hinan , die wie eine Laube ineinander verwachsen waren . » Bah ! Bäume sind Bäume ! « sagte er endlich , indem er sich mit Gewalt losriß und ins Freie hinaustrat . Er hatte bisher noch kein Dorf wahrgenommen , nur in der Ferne zerstreut einzelne Gehöfte , die er für Meiereien , Mühlen oder Ziegelscheunen hielt . Ihn plagte der Durst . Irgendwo mußte doch eine Schenke zu finden sein . So hielt er denn Umschau am Ausgang vor dem Waldesrande . Zur Linken desselben setzte die Straße nach dem Schlosse in einer breiten Lindenallee sich fort ; geradeaus streckte sich ein Flucht von Gemüsefeldern . Jetzt wendete er sich zur Rechten und stand wie vom Blitze getroffen , als er hart vor dem Kieferndickicht ein kleines Haus von altväterischer Bauart gewahr wurde . Er starrt hinauf zu dem Giebel , an welchem ein gräflich gekrönter Doggenkopf in Steinarbeit prangt , atemlos umgeht er das Häuschen nach den drei freiliegenden Seiten , schlägt sich mit der geballten Faust vor die Stirn und stürzt endlich mit dem Schrei : » Muhme , Muhme Justine ! « durch die geöffnete Tür . Aber es war nicht die alte Muhme , es war eine junge Familie , die er in dem netten Zimmer zur Mittagsmahlzeit versammelt fand . Der Tisch stand blitzblank gedeckt , obgleich nur mit Buttermilch und einem Grützbrei besetzt . Herr August hätte keinen Appetit auf die Kost verspürt , wenn man ihn zum Niedersetzen eingeladen hätte . Indessen man lud ihn nicht ein ; im Gegenteil , man erhob sich und drängte ihn ganz unmerklich wieder zur Tür hinaus . Sichtlich mit Widerwillen gab man den Bescheid , daß das vormalige gräfliche Meutewärterhaus jetzt die Wohnung des Schäfereiaufsehers sei . Mit mißtrauischen Blicken wurde dann die Tür abgeschlossen und der Weg nach der Schäferei , einem neuen Anbau , von der gesamten Familie angetreten . Nur ein eisgrauer Großvater war zurückgeblieben , um im Sonnenschein auf der Bank vor der Tür die steifen Glieder zu wärmen . Bei ihm verhielt sich unser Invalid , noch einmal Aufschluß über Muhme Justine und Fräulein Hardine erbittend . Und sei es nun , daß zu des Alten Zeit in Reckenburg weniger gearbeitet und mehr geschwätzt worden war , sei es , nach Greisenart , daß der Aufruf einer in jungen Tagen gekannten Gestalt des Alten Gedächtnis und seine Zunge löste , von ihm erhielt August Müller eine Mitteilung , welche gleichsam den Kettenschluß seiner Erinnerungen und Hoffnungen bilden sollte . Frau Müller , oder vertraulicherweise Muhme Justine , war in Begleitung des blutjungen Fräuleins Hardine , dessen Amme oder Kindsmagd sie gewesen , nach Reckenburg gekommen und dort von der alten schwarzen Gräfin zurückgehalten worden ; die einzige in der Gemeinde , welche die Gräfin jemals in ihrem Goldturme mit Augen gesehen hat . Für gewöhnlich aber hat sie in dem leerstehenden » Hundehaus « gewohnt und das Geschäft einer Wehmutter im Dorfe betrieben . Als die Muhme vor vielen , vielen Jahren gestorben ist , hat das Fräulein ein Kreuz über ihr Grab setzen lassen , worauf mit goldenen Lettern die Inschrift : » Der treuesten Dienerin « zu lesen steht . Ob Muhme Justine jemals ein Ziehkind gehalten habe , dessen wußte sich der alte Mann allerdings nicht zu erinnern , vielleicht , daß es während seiner Soldatenzeit in der Rheinkampagne geschehen war . Aber Muhme Justine hatte ein solches Kind gehalten ; August Müller wußte sich dessen nur allzu wohl zu erinnern , und das Kirchenregister mußte darüber Auskunft geben , wo , wann und von wem das Kind geboren worden war . Mit großen Schritten , seiner Tochter halbwegs voran , eilte er nach der Pfarre . Das Pfarrhaus , neuen stattlichen Ansehens , lag zu Füßen der Kirche , die auf leiser Anhöhe das Dorf überragte . Rückwärts , auf dem östlichen Abhange des Kirchhügels , senkte sich der Friedhof ab , während die Schule der Pfarrwohnung gegenüber am Eingang der Dorfstraße errichtet war : neu , reinlich und räumlich wie die gesamte Anlage . Dem atemlosen Manne , der jetzt von der Waldseite daherrannte , fehlte freilich jeder teilnehmende Blick für alles , was ihm solchergestalt segenverkündend entgegentrat . Er war im Begriffe , die Tür zu öffnen , als ein halbwüchsiger Knabe im bunten Gymnasiastenkäppchen ihm aus derselben entgegenkam . Zum erstenmal auf Reckenburger Grund ein offenes , fröhliches Gesicht , das auf den ersten Blick das Herz des Wanderers gewann . Sein Vater , so antwortete der Schüler auf August Müllers Frage nach dem Herrn Pfarrer , befinde sich auf dem Schlosse , wo heute , am 3. August , der Geburtstag des Königs von dem Fräulein durch ein Festmahl gefeiert werde . Er - der Schüler - sei gleichfalls auf dem Wege dorthin . Nicht als Gast - wie er lachend hinzufügte - , denn solche Ehre widerfahre ihm noch nicht - nur um sich die schönen Wagen und Pferde der Schloßgäste ein wenig anzusehen . Habe das Anliegen Eile , sei er bereit , seinen Vater herbeizurufen . Der Invalide brachte nunmehr in polternder Hast das Begehren nach seinem Taufschein zu Gehör , indem er zu seiner Empfehlung sich auf das Zeugnis der beiden Klosterpröpste berief , das er schon auf dem Wege aus seiner Brieftasche genommen hatte . » Ludwig